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Welche Chancen hat Sachsen in der Energiewende?

Beim Ostdeutschen Energieforum treten viele Optimisten auf. Michael Kretschmer bringt erneut Kernkraft ins Spiel.

Das Kraftwerk Boxberg soll zum Teil 2029 abgeschaltet werden, die jüngeren Blöcke sollen laut Kohlekompromiss bis 2038 laufen. Was dann?
Das Kraftwerk Boxberg soll zum Teil 2029 abgeschaltet werden, die jüngeren Blöcke sollen laut Kohlekompromiss bis 2038 laufen. Was dann? © Rolf Ullmann

Leipzig. Spätestens in 17 Jahren gehen die letzten Braunkohlekraftwerke in Boxberg und Schwarze Pumpe aus. Ob die Chancen oder die Risiken der Energiewende überwiegen – auf diese Frage kam beim Ostdeutschen Energieforum in Leipzig am Mittwoch zwar keine Antwort von Reint Gropp, dem Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle. Doch Gropp forderte ebenso wie die Chefs von Energiefirmen, möglichst viele Innovationen zu erlauben statt zu verbieten. Daraus ergäben sich Chancen – „Riesen-Chancen“ laut Stefan Kapferer, der den ostdeutschen Stromnetzbetreiber 50 Hertz leitet und Milliarden in neue Leitungen investiert.

Kapferer erinnerte daran, dass sich Tesla bei Berlin angesiedelt hat und Dresden sich Hoffnungen auf mehr Halbleiter-Industrie macht – auch wegen des hohen Anteils an Ökostrom in den ostdeutschen Netzen. Industriebetriebe suchen aktiv nach einem kleineren CO2-Fußabdruck, sagte auch Stefan Lowis, Chef des Energieversorgers Envia-M in Chemnitz. Während die Politik noch diskutiert, „sind unsere Kunden schon weiter“, sagte Lowis. Es gebe Tausende Interessenten für E-Auto-Ladepunkte, und Hausbesitzer informierten sich über Alternativen zu Öl- und Gasheizungen, weil sie immer teurer würden.

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Solarwatt Dresden eröffnet neue Produktionslinie

Ostdeutschlands größter Erdgashändler VNG in Leipzig investiert laut Vorstandschef Ulf Heitmüller stark in Biogasanlagen und sieht im bevorstehenden „Schwenk von Kohle- zu Gaskraftwerken“ einen ersten Beitrag zur CO2-Minderung. Doch auf Erdgas müsse Wasserstoffgas folgen, das mit Ökostrom hergestellt werden könne, um klimaneutral zu werden. Industriefirmen im Chemiedreieck warteten darauf.

Auch Hersteller von Solaranlagen zeigen sich nach den Pleiten des vergangenen Jahrzehnts jetzt wieder optimistisch. Gunter Erfurt, Chef von Meyer-Burger mit Fabrik in Freiberg, lobte die „sehr gute Innovationsförderung“ in Sachsen und kündigte an, der chinesischen Konkurrenz zwei bis drei Prozent des Weltmarktanteils bis 2027 abzunehmen. Seine nächsten Fabriken würden dezentral gebaut, nahe an den Zielmärkten, um Transporte zu verringern.

Sein Dresdner Konkurrent Solarwatt eröffnet an diesem Donnerstag eine neue Produktionslinie und verspricht wie Meyer-Burger Hunderte zusätzliche Arbeitsplätze. Daran hängen auch junge Unternehmen, von denen zwei sich auf dem Energieforum vorstellten: Q-Hub in Chemnitz hat für Meyer-Burger eine Software entwickelt, mit der alle Solarmodule auf Wunsch der Kunden registriert werden können. Ein Defekt könne damit schnell behoben werden.

Liovolt in Limbach-Oberfrohna beginnt in diesem Jahr laut Geschäftsführer Michael Roscher mit der weltweit ersten Serienproduktion flacher Lithium-Ionen-Batterien in einer neuen Bauweise für Heim- und Gewerbespeicher. In ein paar Jahren will Liovolt auch ins Geschäft mit der Autobranche einsteigen.

Kretschmer: Atomkraft "für nächste Jahre" ausgeschlossen

Bei allen Hoffnungen auf Innovationen sorgen sich Energieverbraucher aber um Sicherheit: Burkhardt Greiff, Sprecher der Unternehmerverbände Ostdeutschlands, forderte Verlässlichkeit in der Energiewende. Im Wahlkampf werde über einen Kohleausstieg 2030 statt 2038 diskutiert. „Das darf nicht sein“, sagte Greiff.

Ihm stimmte Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) zu und forderte, den Kohlekompromiss einzuhalten. Der sehe ohnehin vor, einen großen Teil der Kohlekraftwerke bis 2030 herunterzufahren.

Kretschmer sagte, er vertrete auch den beschlossenen Ausstieg aus der Kernenergie, obwohl er selbst dagegen sei. Allerdings werde damit „für die nächsten Jahre“ Atomkraft in Deutschland ausgeschlossen. Er wolle, dass „Generationen nach uns sich anders entscheiden können“. Offenheit für verschiedene Technologien sei nötig, damit der Wettbewerb neue Entwicklungen und niedrige Kosten hervorbringe.

Wasserstoff wird begehrt

Widerspruch erntete Kretschmer zunächst nicht. Erst in einer späteren Diskussionsrunde war Ingrid Nestle zugeschaltet, die im Bundestag die Energiepolitik der Grünen vertritt. Sie sagte, wenn alle Technologien im Raum stünden, könne man nicht verlässlich investieren.

Sie zeigte sich auch skeptisch gegenüber Hoffnungen auf Wasserstoff im Haushalt. Das Gas sei teuer und werde in großen Mengen für Industrie und Schwerverkehr benötigt. Wasserstoff müsse künftig auch importiert werden, sagte Kretschmer.

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