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Familie soll 20.000 Euro Stromkosten nachzahlen

Stromsperren treffen pro Jahr Tausende Sachsen. Die Geschichte einer Familie, die fast abgeklemmt worden wäre.

Susann Bilz aus Gelenau bei Chemnitz hat ein fünfstelliges Problem. Ihre Familie soll über mehrere Jahre hinweg ein Vielfaches der Strommenge verbraucht haben, für die sie Abschläge bezahlt.
Susann Bilz aus Gelenau bei Chemnitz hat ein fünfstelliges Problem. Ihre Familie soll über mehrere Jahre hinweg ein Vielfaches der Strommenge verbraucht haben, für die sie Abschläge bezahlt. © Uwe Mann

Der Schlamassel beginnt mit einer unheilvollen Ankündigung. „Uns liegen neue Fakten vor, die es erforderlich machen, Ihre Rechnungen zu berichtigen“, schreibt der Stromversorger Envia-M seiner Kundin Susann Bilz. Was die 45-Jährige aus Gelenau bei Chemnitz dann liest, lässt ihren Atem stocken. Fast 22.000 Euro soll sie für mehrere Jahre nachzahlen. Begründung: Die sich aus einer Zählerstandablesung ergebenden, tatsächlichen Werte seien viel höher als der ab 2017 nur noch geschätzte Stromverbrauch.

Bilz sagt, sie könne sich das gewaltige Plus von Zehntausenden Kilowattstunden pro Jahr nicht erklären. Doch ihre Bemühungen, die Sache zu ihren Gunsten aufzuklären, scheitern. Ein örtlicher Elektriker überprüft vermeintliche Stromfresser im Haushalt, kann aber keine Auffälligkeiten feststellen. Den enormen Mehrverbrauch habe er jedoch für unplausibel erklärt, sagt Bilz, die in der Altenpflege arbeitet. Ein Zählercheck durch einen staatlich anerkannten Prüfer entlastet sie nicht. „Befundprüfung bestanden“, steht im Protokoll, das ihr danach zugeschickt wird. Weil jedoch die Eichfrist des 1995 gebauten Geräts abläuft, demontiert es die beauftragte Firma und installiert ein neues. Weitere Klärungsversuche laufen ins Leere, bei Telefonaten mit Envia-M landet sie wiederholt bei wechselnden Ansprechpartnern. „Auch ein Energieberater der Verbraucherzentrale Chemnitz konnte uns nicht wirklich weiterhelfen“, sagt Bilz. Im Januar eskaliert die Situation. In einem Schreiben erklärt die Envia-M, der Fälligkeitstermin für nunmehr 21.636,38 Euro sei inzwischen weit überschritten. Und weiter: „Falls Sie die Zahlung nicht leisten, werden wir die Energielieferung vier Wochen nach Zugang dieses Schreibens einstellen.“

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Vermehrt Fälle aus Sachsen

Bei Verbraucherschützern kennt man solche Fälle, wenn auch selten so extreme. „Wir haben vermehrt Anfragen aus Sachsen“, sagt Leonora Holling vom Bund der Energieverbraucher. Die Zahl der Hilferufe aus dem Freistaat habe zuletzt um etwa ein Zehntel höher gelegen als im Bundesschnitt. Die Rechtsanwältin sagt, dass nicht mehr nur Konzerne ihren Stromschuldnern den Saft abdrehen, sondern auch kleinere, regional agierende Versorger. Oft geht es dabei um niedrige dreistellige Beträge. „Also 200 bis 300 Euro. Was bei einer durchschnittlichen Nachzahlung im Zuge einer Jahresabrechnung eben anfällt“, so Holling. Fünfstellige Summen, wie die in Gelenau, seien die absolute Ausnahme. Von solchen Fällen gebe es pro Jahr vielleicht 50 im gesamten Bundesgebiet.

Wie viele Sachsen von Elektrizitätssperren betroffen sind, zeigt eine Anfrage der FDP-Politikerin Judith Skudelny, die die Bundesregierung im Herbst 2020 beantwortet hat. Demnach ist 2019 in über 17.000 Haushalten zwischen Zittau und Zwönitz das Licht ausgegangen. Bundesweit lag die Zahl der Sperren in diesem Zeitraum bei rund 289.012, das sind 7.368 weniger als 2018. Dass das Problem jedoch viel mehr Menschen betrifft, zeigen die sogenannten Sperrandrohungen gegenüber Haushaltskunden. Laut Bundesnetzagentur waren es 2019 rund 4,8 Millionen.

Externer Fachmann hat einen Verdacht

Auf Nachfrage der SZ bei Envia-M kommt zum ersten Mal Bewegung in die Angelegenheit. Die angedrohte Sperrung wird ausgesetzt, zudem verschickt das Unternehmen keine Mahnungen mehr. „Frau Bilz muss die Nachzahlung zunächst nicht leisten“, sagt Unternehmenssprecher Stefan Buscher. „Solange wir den Sachverhalt nicht vollumfänglich aufklären können, passiert nichts.“

Hat womöglich jemand im oder am Haus illegal Strom abgezapft? Alle Beteiligten sagen, dafür gebe es keine Indizien. Ein externer Fachmann hat einen anderen Verdacht, wie der Verbrauch zustande gekommen sein könnte. Man habe ihm irgendwann vom Einbau einer Nachtspeicherheizung berichtet, sagt Stephan Schwarzbold, Honorarberater für die Verbraucherzentrale Chemnitz. Außerdem laufe die Warmwasserbereitung elektrisch. Sein Fazit: „Wenn ich mir einerseits die verbrauchten Kilowattstunden anschaue und andererseits die beheizten Quadratmeter sowie den energetischen Zustand des Hauses berücksichtige, passt das pi mal Daumen.“ Susann Bilz und ihr Lebensgefährte André Hässler verweisen dagegen auf die Einschätzung des örtlichen Elektrikers. Zudem habe die Nachtspeicherheizung nicht an dem ominösen Zähler gehangen. Eine finale Aufklärung der Frage steht noch aus.

Hohe Stromschulden durch "Quetsch-Effekt"

Grundsätzlich muss ein Versorger bei exorbitanten Verbräuchen den tatsächlichen Bezug der in Rechnung gestellten Energiemenge beweisen, wenn „die ernsthafte Möglichkeit eines offensichtlichen Fehlers besteht“, sagt Claudia Neumerkel, Rechtsreferentin bei der Verbraucherzentrale Sachsen. Dies habe der Bundesgerichtshof schon 2018 entschieden (Aktenzeichen VIII ZR 148/17). Im konkreten Fall war es um ein Ehepaar gegangen, das zwischen Juli 2014 und Juli 2015 insgesamt 31.814 Kilowattstunden verbraucht haben soll – zehnmal mehr als in den Jahren zuvor. Auch hier war der Zähler geprüft, für gut befunden und danach entsorgt worden. Die Frage ist nur: Hat es einen solchen Fehler im Fall von Susann Bilz gegeben?

Laut Bund der Energieverbraucher kommen hohe Stromschulden auch durch eine Art Quetsch-Effekt zustande. Dabei stellen Versorger zunächst im Zuge einer Turnusablesung fest, dass ihre Kunden über viele Jahre hinweg deutlich mehr verbraucht haben. Ihre Nachforderung können sie dann rückwirkend trotzdem nur auf drei Jahre aufsplitten. Für alles, was davor verbraucht wurde, greife eine Verjährungsregelung, erklärt Claudia Neumerkel. Rechtlich ist dieses Vorgehen in Ordnung. Auf Nachfrage sagt Envia-M-Sprecher Buscher, es sei „nicht auszuschließen, dass die Probleme bei den Zählerständen von Frau Bilz länger zurückliegen als 2017“.

Fünf Tipps für Stromschuldner:

1. Stromgebühren vorrangig zahlen (wie Miete und Heizkosten): Zählerstände regelmäßig ablesen und für sich selbst notieren, um zu vergleichen, ob die Abschläge zum aktuellen Verbrauch passen. Gegebenenfalls Abschlag erhöhen. Wann immer der Versorger bzw. Netzbetreiber um eine Zählerstandsmeldung bitten, diese entweder kurz portofrei per beigefügter Meldekarte oder online melden.

2. Rückstände ernst nehmen: Schon ab 100 Euro Schulden (abzüglich Mahngebühren) kann der Strom abgestellt werden. Das muss der Versorger aber vier Wochen vorher androhen und nochmals drei Tage vorher ankündigen.

3. Zahlungswilligkeit und aktive Mitwirkung signalisieren: Die Stromversorgung darf nur unterbrochen werden, wenn keine hinreichende Aussicht auf Ausgleich besteht. Um eine Ratenzahlung bemühen und/oder den monatlichen Abschlag erhöhen.

4. Hilfe organisieren: Wer eine private Rechtsschutzpolice hat, kann einen Anwalt einschalten. Außerdem helfen Verbraucherschutzorganisationen oder Schuldnerberater. Nicht sorglos werden: Manche Energieversorger verhandeln mit Rechtsbeiständen von säumigen Kunden, erhöhen aber parallel den Druck auf Betroffene. „Das war früher nicht so“, sagt Leonora Holling vom Bund der Energieverbraucher.

5. Extreme Fälle melden: Seit 2009 gibt es eine Erfassungsstelle für Energieunrecht beim Bund der Energieverbraucher. Dort können sich auch Nicht-Mitglieder helfen lassen. Ansprechpartner ist Thomas Schlagowski (Tel.: 02224/1231248. E-Mail: [email protected]). (rnw/are)

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Mit anderen Worten: An der Größe des Schlamassels dürften beide Parteien ihren Anteil haben. Auf der einen Seite das Paar aus Gelenau, weil es nicht regelmäßig geprüft hat, ob die Abschläge zu den Kosten ihres tatsächlichen Verbrauchs passen, auf der anderen Seite die Envia-M, deren Mitarbeiter sich zu lange auf Schätzungen und Eigenablesungen ihrer Kundin verlassen haben. Energieberater Schwarzbold rät dem Paar zu folgendem Kompromissvorschlag: Einen gewissen Nachlass auf die Gesamtsumme, im Gegenzug Zustimmung zu einer Ratenzahlungsvereinbarung. „Der Versorger hätte ja auch schon mal eher auf einer Ablesung bestehen können.“ Auch der Bund der Energieverbraucher will den Fall noch einmal prüfen.

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Dass Stromsperren in Zeiten der Coronakrise generell ausgesetzt sind, stimmt übrigens nicht. Auf Weisung der Politik habe man in der ersten Pandemie-Welle von Anfang April bis Ende Juni 2020 auf das Sperren von privaten Anschlüssen verzichtet, sagt Stefan Buscher. Anfang Juli ist diese Gnadenfrist abgelaufen. Insgesamt gab es vergangenes Jahr im Einzugsbereich der Envia-M rund 3.700 Haushaltssperrungen. Bei der aus Enso und Drewag hervorgegangenen SachsenEnergie sind es laut einer Firmensprecherin rund 3.000 gewesen.

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