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Schatz, ich habe Aktien gekauft

Paarberater Christian Thiel kennt sich auch an der Börse aus. Sein Rat: Hören Sie nicht auf Bankberater und nehmen Sie Ihr Geld selbst in die Hand.

Wie stehen die Aktien? Christian Thiel in einem Berliner Café.
Wie stehen die Aktien? Christian Thiel in einem Berliner Café. © Stephan Jockel

Die SZ-Leser kennen Christian Thiel vor allem als Single- und Paarberater. Seit 20 Jahren beschäftigt sich der Berliner aber auch mit der Börse. In seinem neuen Buch „Schatz, ich habe Aktien gekauft!“ erklärt Thiel, wie Anleger die Angst vor dem Aktiengeschäft verlieren können, wie Anfänger am besten starten und warum er selbsternannte Börsenexperten nicht mag.

Herr Thiel, sollten Sie den Aktienkauf nicht Ihrer Frau überlassen? Sie schreiben selbst, Frauen hätten bei Geldanlagen oft eine ruhigere Hand als Männer.

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Aber nicht jeder hat Interesse daran. Ich kenne viele Frauen, die Geld anlegen, und ihre Männer interessieren sich nicht dafür. Ich frage natürlich meine Frau, wenn es eine Aktie gerade günstig zu kaufen gibt. Dann entscheiden wir gemeinsam, welchen Betrag wir einsetzen.

Kann das denn wirklich jeder selbst – Geld in Aktien anlegen?

Ja. Und die Rendite wird deutlich besser sein, als wenn man sich bei einer Bank oder Sparkasse beraten lässt. Ist auch logisch, die Institute möchten Geld verdienen und bieten teure Produkte an. Wer darauf hört, ist verraten und verkauft. Nehmen wir an, der Aktienmarkt macht zehn Prozent, dann bekommt der Kunde davon fünf, der Rest geht an die Bank. Mehr Sinn macht es, auf Finanz-Blogs wie Finanzwesir nach Alternativen zu schauen. Ein ETF auf den Weltaktienindex MSCI World ist deutlich billiger. Es fallen kaum Gebühren an, denn es steht kein Management dahinter, das bezahlt werden will. Viele wünschen sich jemanden, dem sie vertrauen können. Aber das Vertrauen wird leider immer wieder missbraucht. Deshalb plädiere ich dafür: Nimm dein Geld selbst in die Hand.

Finanzberater kommen bei Ihnen nicht gut weg. Haben Sie so schlechte Erfahrungen gemacht?

Persönlich nicht, die Erfahrungen bekam ich auf meinem Blog grossmutters-sparstrumpf.de mitgeteilt. Viele Menschen haben mir geschrieben, da kommen einem echt die Tränen. Sie gehen zu einer Bank, wollen ein bisschen Geld anlegen, und verkauft werden ihnen zum Beispiel Beteiligungen an einem Containerschiff, das drei Jahre später insolvent ist. Der Einzige, der an dem Geschäft verdient hat, war das Institut. Es wird verkauft, was viel einbringt.

Wie findet ein Anleger denn heraus, ob er sich etwas Unrentables hat aufschwatzen lassen?

Auf Finanzportalen ist ein Vergleich ganz einfach. In meinem Buch betrachte ich den Fonds der Sparkasse Mittelthüringen: Der ist jahrelang gefallen. Aber wer informiert sich schon über Finanzprodukte? Die meisten nicht. Geldanlagen werden über Vertrauen verkauft – von Finanzberatern, freien Vermittlern bis zu Versicherungsvertretern mit fondsgebundenen Lebensversicherungen. Sie alle dürfen sich auch noch Berater nennen, obwohl sie nicht beraten, sondern verkaufen. Es ist schwer, dagegen anzukommen. Die Politik macht nichts und hat auch nicht vor, etwas zu ändern.

Was raten Sie also?

Hat man sehr kostenintensive Produkte im Depot, sollte man überlegen, diese in günstige Anlagefonds umzuschaufeln, sprich in billige ETFs. Die haben zum Teil nur eine Kostenquote von 0,07 Prozent im Jahr. Bei Fonds sind es bis zu zwei Prozent. Das bedeutet: Wenn Sie 10.000 Euro anlegen, sind das 200 Euro Kosten, bei zehn Jahren 2.000 Euro. Die werden aus dem angelegten Geld entnommen und fließen ins Management. Sie merken davon gar nichts. Bei einer Kostenquote von 0,07 Prozent dagegen kommen sie auf 70 Euro. Der Unterschied ist irre. Es macht Sinn, in die Index-Produkte zu investieren, wenn möglich in den Weltaktienindex. In den DAX zu investieren, lohnt sich kaum. Er ist viel zu autolastig und ein zu schmales Abbild der Weltwirtschaft.

Ist es wirklich so einfach, sein Geld zu vermehren?

Es ist ziemlich einfach. Gerade in den letzten zehn, elf Jahren war der Markt gut. Wenn Sie dagegen die 70er oder die 00er- Jahre nehmen – da konnte es passieren, dass sie selbst nach zehn Jahren keinen Gewinn gemacht haben. Zehn Jahre ist für die Aktienanlage ohnehin eine kurze Zeit. Wenn sie Ihr Geld über 40 Jahre anlegen, bringt der Aktienmarkt eine Rendite, die relativ hoch ist. Über die letzten 45 Jahre gesehen liegt sie bei 7,5 Prozent. Berücksichtigt man die Inflation, sind es zehn Prozent. Im Durchschnitt, wohlgemerkt. Da waren Jahre dabei mit einer Renditesteigerung von 20, 30 Prozent, aber auch Jahre, in denen nichts herauskam. Das muss man aushalten können.

Aber warum unbedingt Aktien?

Sie sind so erfolgreich, weil es eine Unternehmensbeteiligung ist. Das heißt, wenn ich eine Apple-Aktie habe, bin ich an den klugen Ideen, die die Burschen da haben, beteiligt. Da der menschliche Geist sich permanent Neues ausdenkt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass das in den nächsten zehn Jahren auch so ist. Früher hatte zum Beispiel kaum jemand ein Smartphone, jetzt haben alle eins. Menschen sind begeistert von neuen Produkten und Dienstleistungen. Warum sollte sich das ändern?

Sie empfehlen eher ETFs als Einzelaktien. Wieso?

Einzelaktien sind wahnsinnig riskant und schwanken stärker als der Gesamtmarkt. 20, 30 oder 40 Prozent abzugeben, ist normal. Das macht auch eine Apple-Aktie ganz gern mal. So mancher Anleger bekommt da Schwindelgefühle. Viele tendieren auch dazu, immer die angeblich besten Aktien zu kaufen, von der Deutschen Bank oder Daimler. Dabei waren die auf lange Sicht noch nie sonderlich lohnend. Mit Einzelaktien muss man sich beschäftigen, das ist aufwendig, und man muss Spaß dran haben. Eine Index-Anlage, also ein ETF, ist viel seriöser, billiger und konstanter.

Auf lange Sicht steigen Aktien immer. Warum haben viele Menschen dennoch Angst, ihr Geld so zu investieren?

Sind die Aktienkurse hoch, haben Menschen Angst, sie könnten fallen. Sind sie niedrig, könnten sie weiter fallen. Viele schauen auch zu oft in ihr Depot, manche mehrmals am Tag. Laut Forschung sollte man nur alle zwei Jahre nachsehen. Dann liegt die Wahrscheinlichkeit, dass das Geld mehr geworden ist, bei 99 Prozent. Hinzu kommt, dass der Mensch eine Verlustaversion hat, wie es die Psychologen nennen. Wenn sie 10.000 Euro verlieren, reagieren sie zwei- bis dreimal stärker, als wenn sie 10.000 Euro gewinnen. Es geht um dieselbe Summe, sie könnten sich genauso viel ärgern wie freuen, aber das ist nicht der Fall. Genau deswegen werfen Aktien auch so eine hohe Rendite ab. Bezahlt werden wir dafür, dass wir die Schwankungen aushalten.

Was sollte man also tun?

Es geht nicht darum, sein ganzes Vermögen reinzustecken. Auch nicht Geld, das in den nächsten fünf Jahren gebraucht wird. Für viele ist ein Sparplan bei einer Online-Bank die beste Variante. Sie fangen mit 50 Euro pro Monat an, erhöhen nach einem Jahr auf 100 Euro, schauen einmal im Jahr aufs Depot. So arbeitet im Übrigen auch der größte Staatsfonds der Welt aus Norwegen. Der kauft jeden Monat, auch wenn einzelne Kurse noch so fallen. Papiere, die er in der Krise 2018/2019 gekauft hat, sind heute viel mehr wert. Genauso kann es auch jeder Privatmensch tun.

Und wie schafft man es, Aktien zum richtigen Zeitpunkt zu erwerben?

Gar nicht. Ich kenne niemanden, der das kann. Nur Leute, die behaupten, sie könnten das. Der reichste Investor der Welt, Warren Buffet, hat ein Vermögen von mehr als 60 Milliarden US-Dollar. Das hat er nicht angehäuft, weil er wusste, wann der beste Zeitpunkt ist, in den Markt zu gehen, sondern weil er die besten Unternehmen herausgefunden hat. Der Rest ist Zinseszinsrechnung. Die Forschung sagt: Ein guter Zeitpunkt in den Markt zu gehen, ist immer jetzt. Das heißt aber nicht, dass es in einem Monat nicht auch ein guter Zeitpunkt wäre. Viele Privatanleger sind nicht in der Lage, auf eine hohe Rendite zu kommen, weil sie viel zu lange an der Seitenlinie stehen.

Wie handhaben Sie das?

Kauft man bei Euphorie und verkauft man bei pessimistischer Stimmung, kann man problemlos sein Geld verlieren. Ich habe zu Beginn der Corona-Krise im März und April Aktien gekauft. Einige Positionen sind jetzt 50 Prozent im Plus.

Sie halten nicht viel von Börsenexperten in den Medien. Wieso nicht?

Weil sie nur Aktien mit dem Versprechen auf hohe Gewinne anpreisen. Aber wenn man mal genau hinschaut… Warum wird zum Beispiel die Aktie von Südzucker so oft empfohlen? Sie steigt manchmal um 20 Prozent im Monat. Schaut man auf die vergangenen Jahre, ist der Kurs zwar immer heftig geschwankt, aber nie gestiegen. Anleger kaufen nichts anderes als die Schwankungen des Zuckerpreises am Weltzuckermarkt. Das ist bei vielen deutschen Papieren so, aber die Börsenschwätzer, so nenne ich sie gern, zeigen nur den Verlauf eines Jahres. Das ist unseriös. Keiner von ihnen würde Aktien kaufen, die er empfiehlt, weil er genau weiß, das geht nicht gut.

Das Gespräch führte Kornelia Noack

Christian Thiel: „Schatz, ich habe Aktien gekauft“, Campus Verlag 2020, 19,95 Euro.

So funktioniert ein ETF

Soll das Vermögen schneller wachsen als die Inflationsrate, kommen Sparer derzeit um Aktien nicht herum. Geeignet sind börsengehandelte Indexfonds, sogenannte ETF. Sie sind im Vergleich zu gemanagten Fonds günstig. Möglich ist, einen größeren Betrag in ETF-Anteile zu investieren oder ein monatlicher ETF-Sparplan. Zum Kauf eines ETF brauchen Anleger ein Wertpapierdepot. Meist sind Online-Depots günstiger.

Bei der Suche nach dem passenden Fonds dürfen Anleger sich nicht von dem Angebot beeindrucken lassen. Für Einsteiger ist es ratsam, erst einmal einen ETF auf einen Weltindex wie den MSCI World, den MSCI All Country World oder den FTSE All-World zu wählen. Entsprechende Fonds stammen von Anbietern wie Blackrock (ishares), DWS (Xtrackers) oder Lyxor, den Vermögensverwaltungsexperten der Société Générale-Gruppe.

Der Index sollte mehrere Länder und Branchen umfassen. Der MSCI World gilt oft als Maßstab. Er umfasst Aktien von etwa 1.600 Unternehmen aus mehreren Ländern. Noch breiter ist der MSCI All Country World. (dpa) 

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