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Welche Bank Strafzinsen nimmt – und welche nicht

Die Freibeträge sind auch bei sächsischen Banken und Sparkassen verschieden. Doch für Kunden gibt es Schlupflöcher.

Negativzinsen auf Girokonto-Guthaben können nach Ansicht des Landgerichts Leipzig auch für Neukunden zulässig sein.
Negativzinsen auf Girokonto-Guthaben können nach Ansicht des Landgerichts Leipzig auch für Neukunden zulässig sein. © Andrea Warnecke/dpa

Für die Sparkasse Vogtland ist es ein „Urteil mit Signalwirkung für die gesamte Finanzbranche“: Das Landgericht Leipzig hat am Donnerstag entschieden, dass Negativzinsen für private Girokonten zulässig sind. Welche Konsequenzen das für Neu- und Altkunden anderer Kreditinstitute hat, könnte sich schon bald zeigen.

Laut einer fortlaufenden Untersuchung des Branchenportals Biallo verlangen mittlerweile 450 Geldinstitute Strafzinsen für Privatkunden, meist in Höhe von 0,5 Prozent pro Jahr. Allein seit Anfang Januar sind rund 200 Banken und Sparkassen hinzukommen. Dieser Trend dürfte sich fortsetzen.

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Ab welchem Guthaben werden Negativzinsen fällig?

In jedem dritten Fall, den Biallo erfasst hat, liegt der Freibetrag bei 25.000 Euro oder darunter. Bei der großen Direktbank ING sollen künftig Neu- und Bestandskunden erst für Guthaben über 50.000 Euro ein „Verwahrentgelt“ zahlen. Mitbewerber DKB setzt die Schwelle bei 100.000 Euro. Ein ähnliches Bild ergibt sich bei Filialbanken: Für Postbankkunden etwa gilt seit 21. Juni ein Freibetrag von 50.000 Euro auf dem Giro- und von 25.000 Euro auf dem Tagesgeldkonto. Deutsche Bank und Commerzbank klammern jeweils 100.000 Euro aus.

Wie sieht es bei Sparkassen und Volksbanken in Sachsen aus?

Das Vergleichsportal Verivox listet momentan ein knappes Dutzend regionale Geldinstitute mit Negativzinsen für Privatkunden, bei Biallo sind es noch einige mehr. Die tatsächliche Zahl könnte noch höher liegen. Das ist dem Umstand geschuldet, dass diese Angaben nicht in jedem Fall online abrufbar sind. Auch Nachfragen von saechsische.de bei sämtlichen Sparkassen und Genossenschaftsbanken im Freistaat blieben teilweise unbeantwortet. Explizit keine Negativzinsen für Privatkunden erheben laut eigener Aussage die Volksbanken in Pirna und Mittweida, die Raiffeisenbank Burgstädt, die Sparkasse Chemnitz und die die Erzgebirgssparkasse. Die Volksbank Chemnitz teilt mit, kein „pauschales Verwahrentgelt“ zu berechnen. Im Bedarfsfall führe man aber Gespräche mit den Kunden, um gemeinsam nach individuellen Lösungen zu suchen, sagt Unternehmenssprecherin Vanessa Wegner.

© Quelle: rnw

Womit begründen Geldhäuser die Einführung der Zinsen?

Dreh- und Angelpunkt ist die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank. Durch sie werden Kreditinstitute dazu gezwungen, Negativzinsen an die gemeinsame Währungsbehörde der EU-Staaten zu zahlen, wenn sie dort überschüssiges Geld „parken“. Dieser Einlagenzins liegt bei 0,5 Prozent – und wird immer häufiger an die Kunden weitergereicht. Letztlich, so hatte es 2020 auch die Sparkasse Vogtland erklärt, schütze man sich so vor einem „ungebremstem Liquiditätszufluss“. Um wie viel Geld es geht, zeigt das Beispiel der Ostsächsischen Sparkasse Dresden: Weil man bis 1. Februar 2021 kein Verwahrentgelt berechnet habe, seien „immer mehr neue Kunden mit zum Teil signifikanten Einlagen zu uns gekommen“, sagt Firmensprecher Andreas Rieger. Allein 2020 seien es rund 200 Millionen Euro gewesen.

Welche Wege gibt es, dem Verwahrentgelt zu entgehen?

Die Verbraucherzentrale Sachsen empfiehlt, größere Summen auf mehrere Konten zu verteilen. „Man sollte hier aber genauer in die Vertragsbedingungen schauen und prüfen, ob Verwahrentgelte pro Konto oder pro Person erhoben werden“, sagt Finanzexpertin Andrea Heyer. Für die nächsten Monate rechne sie damit, dass Banken und Sparkassen ihre Freibeträge weiter senken oder Salden mehrerer Konten eines Kunden addieren.

Ist nicht auch der Wechsel der Bank eine Option?

Ja, durchaus. Laut Biallo gibt es noch rund 30 Anbieter von kostenlosen Girokonten. „Allerdings besteht keine Garantie, dass die neue Bank künftig keine Negativzinsen einführen wird“, warnt Duygu Damar vom Institut für Finanzdienstleistungen in Hamburg. Demnach können die Kreditinstitute bei Neuverträgen die negative Verzinsung als Preisabrede in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen festschreiben. Wer den Bankwechsel scheut, kann sein Geld aber auch anlegen. Bei Festgeldkonten gibt es nach Angaben der FMH-Finanzberatung zwischen 0,05 und 1,14 Prozent Zinsen für Laufzeiten zwischen sechs Monaten und drei Jahren. Mittel- und langfristig seien Aktienfonds derzeit alternativlos, ergänzt Annabel Oelmann von der Verbraucherzentrale Bremen.

Wie geht es im Streit um die Zinsen der Vogtlandsparkasse weiter?

Die Verbraucherzentrale Sachsen hat nach der Verhandlung am Landgericht Leipzig angekündigt, den Fall in die nächsthöhere Instanz tragen zu wollen. „Wir geben nicht auf und lassen die Entscheidung vom OLG Dresden überprüfen“, so Michael Hummel. Er und seine Kollegen hielten Negativzinsen grundsätzlich für unzulässig und seien bereit, auch bis vor den Bundesgerichtshof zu ziehen, um ein endgültiges Urteil zu erreichen. Den oft kolportierten Leidensdruck bei den Sparkassen sehe er nicht. „Wenn man sich die Bilanzen anschaut, sieht man, dass dort immer noch ordentlich Gewinne erwirtschaftet werden.“

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Offen bleibt, welchen Kurs die Sparkasse Vogtland nach dem juristischen Erfolg vor dem Landgericht einschlägt. Auf die Nachfrage, ob die bereits 2020 geplanten Entgelte nun doch kommen oder die Einführung bis zu einem möglichen BGH-Entscheid vertagt wird, hieß es am Donnerstag lediglich, es gebe dazu keine Planungen – „weder in die eine noch in die andere Richtung.“ (mit dpa)

  • Sind Sie Kunde einer VR-Bank oder Sparkasse mit Sitz in Sachsen, die Negativzinsen erhebt bzw. dies ankündigt? Schreiben Sie uns: [email protected]

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