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Über Geld spricht man doch

Frauen verdienen weiterhin weniger als Männer – auch weil sie schlechter verhandeln. Eine Trainerin gibt Ratschläge.

Die Gehaltsverhandlung ist kein leichter Termin - mit der richtigen Vorbereitung schaffen es Arbeitnehmer aber, zu einer guten Einigung zu kommen.
Die Gehaltsverhandlung ist kein leichter Termin - mit der richtigen Vorbereitung schaffen es Arbeitnehmer aber, zu einer guten Einigung zu kommen. © Britta Pedersen/dpa

Von Corinna Cerruti und Ingrid Müller

Eins sieht Christina Panhoff bei Frauen noch immer viel zu oft: „die Angst vor der Konfrontation“. Sie scheuen das Personalgespräch, trauen sich schlicht nicht, nach mehr Geld zu fragen. „Männer sind meist ungeduldiger. Wenn sie sich mit ihrer Chefin oder ihrem Chef nicht einigen können, wechseln sie den Job“, sagt Christina Panhoff. Die 61-Jährige spricht aus Erfahrung. Seit 14 Jahren bereitet sie als Jobcoachin Frauen wie Männer auf Gehaltsverhandlungen vor. Dass Mitarbeiterinnen noch immer weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen, wundert sie deshalb nicht.

Rein rechnerisch haben Frauen von Jahresbeginn bis zum 10. März umsonst gearbeitet, während Männer seit Jahresbeginn für ihre Arbeit bezahlt werden. Der „Equal Pay Day“ markiert symbolisch die Verdienstunterschiede zwischen Frauen und Männern und wird in zahlreichen Ländern an anderen Tagen begangen, je nachdem wie groß die Lohnlücke ist.

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Nach Angaben des statistischen Bundesamts haben Frauen in Deutschland im Jahr 2020 durchschnittlich 18 Prozent weniger verdient als Männer. Im Vorjahr waren es noch 19 Prozent. Hierbei handelt es sich um den sogenannten „unbereinigten Gender Pay Gap“, der den Durchschnittsverdienst aller Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen vergleicht. Deutschland liegt damit über dem EU-Schnitt von 15 Prozent.

„Dramatische Unterschiede

Dabei warnt die Soziologin Jutta Allmendinger davor, den Gender Pay Gap als gering abzutun. Vor allem mit Blick auf die Rente komme sehr viel weniger Geld bei den Frauen an. Für eine westdeutsche Frau bedeute das: „900 Euro weniger eigene Rente. Das ist jede Menge Holz“, sagte die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) auf einer digitalen Diskussionsveranstaltung der Landesvertretung Baden-Württemberg in Berlin.

Hinzu komme, dass Frauen weiterhin – und mit Corona verstärkt – den größten Anteil der unbezahlten sogenannten Care-Arbeit wie Versorgung von Kindern oder Eltern leisteten, betonte die vermutlich bekannteste Soziologin Deutschlands. Auch wenn junge Männer Studien zufolge inzwischen fünf Stunden dieser unbezahlten Arbeiten übernähmen, Frauen machten zehn. Die kognitive und mentale Last, die vornehmlich Frauen trügen, lasse sich schlecht in Stunden ausrechnen. Da gebe es ebenso „dramatische Unterschiede“.

Doch woran liegt es, dass Frauen finanziell noch immer so viel schlechter abschneiden? Auf der einen Seite gibt es strukturelle Unterschiede. Frauen wählen tendenziell Berufe, die schlechter bezahlt sind, arbeiten seltener in Führungspositionen und häufiger in Teilzeit oder Minijobs. Gängige Rollenstereotypen beeinflussen sie nach wie vor bei der Berufswahl. Doch: Selbst wenn Frauen dieselbe Position wie ihre Geschlechtsgenossen erreichen, verdienen sie nicht zwangsläufig dasselbe. Das zeigt der sogenannte „bereinigte Gender Pay Gap“: Selbst wenn strukturbedingte Faktoren herausgerechnet werden und somit der Verdienst von Frauen und Männern bei gleicher Qualifikation, Tätigkeit und Erwerbsbiografie verglichen wird, bleibt eine Lücke von sechs Prozent. Dieser Wert stagniert seit Jahren. Ein Grund dafür wird auch die fehlende Gehaltstransparenz in vielen Unternehmen sein. Wer nicht weiß, was der Kollege verdient, weiß auch nicht, welche Zahl in der Gehaltsverhandlung fallen sollte.

Stark bleiben in der Verhandlung

Dazu kommt aber auch, dass Frauen ihren Chef oder ihre Chefin seltener nach mehr Geld fragen als Männer. Das zeigt eine Umfrage im Auftrag des Karriere-Netzwerks Linkedin. 41 Prozent der Frauen gaben dabei an, weder bei Jobantritt noch bei ihrem aktuellen Arbeitgeber je ihr Gehalt verhandelt zu haben. Bei den Männern lag der Anteil nur bei 26 Prozent. Bei der Frage nach den Gründen, antworteten Frauen häufiger als Männer, dass sie sich nicht wohl dabei fühlen, danach zu fragen. Eine Studie aus dem Jahr 2018 zeigt auch, dass Männer eine deutlich positivere Einstellung zum Thema Verhandeln haben. Sie setzen sich lieber für ihre eigenen Interessen ein, Ablehnung fordert sie heraus und sie gehen mit Überzeugung auf Erfolg in ein Gespräch. Auf der anderen Seite gaben die befragten Frauen an, Verhandlungsverluste eher persönlich zu nehmen und möglichst fair bleiben zu wollen.

Christina Panhoff beobachtet diese Einstellung auch in ihren Coachings. „Viele Frauen sind sich ihres eigenen Werts gar nicht bewusst. Damit beginnt die Unsicherheit: Was darf ich überhaupt fordern?“ In dem Fall sei Recherche immens wichtig. Viele junge Frauen seien schon gut vernetzt, auch in den sozialen Netzwerken. Panhoff betont: „Wer genau weiß, was die künftigen oder aktuellen Kolleginnen und Kollegen verdienen, kann genau diese Zahl in die Verhandlungen führen.“

Dass hier die Vorstellungen noch immer weit auseinanderklaffen, zeigt eine repräsentative Befragung des Beratungsunternehmens McKinsey unter 6.500 gut qualifizierten Nachwuchskräften in Deutschland. Frauen rechnen hier mit einem Einstiegsgehalt von 50.300 Euro, Männer dagegen mit 61.800. McKinsey-Partnerin Julia Klier erklärte dazu: „Die Befragung zeigt, dass trotz der jahrelangen Diskussion um das Thema Gender Pay Gap die Top-Studentinnen immer noch zu niedrige Gehaltserwartungen haben.“

Ein Stufenplan für die nächsten Jahre

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Panhoff zufolge sei es deswegen auch wichtig, die eigene Gehaltsgrenzen zu kennen – und einen Alternativplan zu haben. „Wer das Gefühl hat, unter Wert zu arbeiten, sollte auch bereit sein, dass Unternehmen zu wechseln oder das Jobangebot auszuschlagen“, sagt sie. Wer nun top informiert ist, sein Wunschgehalt und die Taktik parat hat, muss sie dann auch glaubhaft vermitteln. Panhoff betont, wie wichtig eine ruhige Körpersprache und Stimme sowie Blickkontakt sei. Wenn der Moment gekommen sei, solle man sagen: „Meine Gehaltsvorstellung liegt bei dieser Summe“ – und dann Schweigen. „Das ist gar nicht so leicht. Am besten übt man das zu Hause mit jemandem Vertrautem“, sagt die Jobcoachin. Frauen haben hier die Tendenz, sich lang und breit zu erklären. Panhoff empfiehlt, sich selbst bewusst zu machen, dass man sich die Stelle zutraut oder im eigenen Aufgabenbereich bewiesen hat. „Jede Gehaltsverhandlung braucht gute sachliche Argumente“, sagt Panhoff. „Legen Sie sich zurecht, warum Sie den Job können und warum Sie dafür angemessen bezahlt gehören.“ Manche Frauen seien da eher zurückhaltend, vor allem wenn sie aus der Elternzeit kommen. Dann glauben sie nicht, dass sie „das noch können“. Das sei jedoch Quatsch. Besser sei es, zuvor eine genaue Taktik zu überlegen. Wie kann ich auf Gegenwehr reagieren? Und wie bleibe ich ruhig dabei? Wenn das Gehalt dann noch immer nicht den Wünschen entspricht, der Job aber behalten oder angenommen werden muss, empfiehlt Panhoff einen Stufenplan für die nächsten Jahre. „Werden Sie sich bewusst, was Sie in ein, zwei und fünf Jahren verdienen wollen und ziehen Sie es durch.“

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