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Österreicher finden in Sachsen den richtigen Ton

Der Ziegelhersteller Eder geht seit 25 Jahren dem Geheimnis des Freitaler Töpferbergs auf den Grund.

Das Führungstrio des Ziegelwerks Eder spielt für Freital eine tragende Rolle: Werkleiter Sascha Grafe, Konzernchef Johannes Eder und Mitgeschäftsführer Friedrich Lehensteiner (v.l.).
Das Führungstrio des Ziegelwerks Eder spielt für Freital eine tragende Rolle: Werkleiter Sascha Grafe, Konzernchef Johannes Eder und Mitgeschäftsführer Friedrich Lehensteiner (v.l.). © Jürgen Lösel

Wie kommen Österreicher dazu, in Freital Ton zu schürfen? „Das war purer Zufall“, sagt Johannes Eder, Mitinhaber des gleichnamigen Ziegelherstellers unweit von Linz. Er habe 1990 bei einem privaten Sachsenbesuch die alte Tongrube gesehen und sei begeistert gewesen, so der Chef des Familienkonzerns. Zur Gruppe gehören Ziegelwerke am Sitz in Peuerbach und Weibern, vier Transportbetonwerke in Oberösterreich und eine Fabrik für Fertigkeller, Treppen und Betonbauteile.

In Freital werden seit 250 Jahren Ziegel produziert. Aber zur Tongewinnung konnte bis 1976 nur der Oberflächenlehm erschlossen werden. Dann setzte die DDR im Wohnungsbau auf Beton. Dabei barg der „Töpferberg“ in seinen Tiefen weit wertvollere Erden. „Doch zum Abbau der sehr harten Tonlagen fehlte die Technologie“, sagt Eder. Er hatte sie.

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Schatz mitten in der Stadt

Gute Infrastruktur, hochqualifizierte und motivierte Fachkräfte. Das hört man oft als Beweggrund von Investoren, sich in Sachsen anzusiedeln – noch vor dem Lockruf freistaatlichen Fördergelds. Die Eder-Gruppe mit 250 Beschäftigten und fast 80 Millionen Euro Jahresumsatz war zuerst auf das einzigartige Ton-Lehmgemisch scharf, gibt der Geschäftsführer zu. Der 59-Jährige, der das Unternehmen in 3. Generation führt, spricht von einem „Geschenk der Natur“, lobt aber auch „die Weitsicht der Freitaler“, einen Bodenschatz mitten in der Stadt zu erhalten und nicht zu überbauen.

Fachleute erkennen die 15 bis 18 Kilo schweren Freitaler Ziegel an ihrer einzigartigen Farbe.
Fachleute erkennen die 15 bis 18 Kilo schweren Freitaler Ziegel an ihrer einzigartigen Farbe. © Jürgen Lösel

„Wir konnten die 50 Hektar Bergwerkseigentum kaufen“, erzählt Mitgeschäftsführer Friedrich Lehensteiner. „Die Stadt wollte zwar industrielle Ansiedlungen, aber ebenso Sauberkeit sowie Gewerbe und mehr Wohnraum für junge Familien“, erinnert sich der Salzburger, der Dresden auch durch die Partnerschaft seiner Heimatstadt kennt.

Auf halben Besitz verzichtet

„So haben wir gemeinsam verschiedene Bebauungspläne verfolgt und zuerst auf zehn Hektar das ,Wohngebiet am Pulverturm‘ für fast 500 Menschen errichtet“, sagt Lehensteiner. Dann habe Eder etwa 100 gewerbliche Jobs an der Wilsdruffer Straße geschaffen. „Wir haben in Summe auf die Hälfte unseres Besitzes verzichtet, aber für alle Beteiligten eine wunderbare und langfristige Lösung gefunden“, ist der 59-Jährige begeistert.

Erst das Wohngebiet (hinten), dann die eigene Tongrube. Die Österreicher legen Wert auf gute Nachbarschaft.
Erst das Wohngebiet (hinten), dann die eigene Tongrube. Die Österreicher legen Wert auf gute Nachbarschaft. © Jürgen Lösel

Der Preis war hoch: Denn wegen ihrer Gastgeschenke waren die Österreicher mit der Eröffnung durch Sachsens damaligen Premier Kurt Biedenkopf (CDU) 1996 spät dran und der Nachwendeboom am Bau vorüber. Weil das 60 Millionen D-Mark, gut 30 Millionen Euro, teure vollautomatische Werk das letzte in Ostdeutschland war, sei „klar gewesen, dass es alles können muss“, sagt Lehensteiner. „Also sind wir sofort mit Planziegeln auf den Markt gekommen.“ Solche, nach dem Brennen per Diamant millimetergenau geschliffenen Teile habe man dort nicht gekannt. Mit ihnen lässt sich erheblich Mörtel sparen.

Selten was zu meckern

Die Österreicher schauen in Freital alle zwei Wochen nach dem Rechten und haben selten was zu meckern. In diesem Jahr ohnehin nicht, denn es wird gefeiert. Gemeinsam mit den 65 Beschäftigten und zwei Azubis begehen sie den 25. Geburtstag. Als Geschenk soll es für die Belegschaft „ein Extra aufs Konto“ geben, die Höhe verrät der Chef nicht. Kein Geheimnis ist, dass das Freitaler Werk rund um die Uhr arbeitet und so das Stammhaus auch beim Ausstoß übertrifft. Nur im Winter ist für zwei Monate der Ofen aus. Revision.

Drei, die sich auskennen mit dem guten Ton: Sascha Grafe, Geschäftsführer des Freitaler Werkes, Johannes Eder, Mitinhaber des gleichnamigen Ziegelherstellers mit Sitz in Oberösterreich, und Mitgeschäftsführer Friedrich Lehensteiner (v.l.).
Drei, die sich auskennen mit dem guten Ton: Sascha Grafe, Geschäftsführer des Freitaler Werkes, Johannes Eder, Mitinhaber des gleichnamigen Ziegelherstellers mit Sitz in Oberösterreich, und Mitgeschäftsführer Friedrich Lehensteiner (v.l.). © Jürgen Lösel

Und warum ist bislang alles so gut gegangen? Lehensteiner nennt zwei Faktoren: die Unterstützung durch die Politik und die gute Nachbarschaft zu Anwohnern und Gewerbetreibenden. Nach starkem Beginn „hatte es 2000 richtig geknallt“, sagt Johannes Eder. Viele Wettbewerber seien pleite gegangen. Seine Gruppe habe durchgehalten und sei „stabil am Markt“.

Rohstoff reicht 30 Jahre

Fachleute würden die 15 bis 18 Kilo schweren Freitaler Ziegel an ihrer Farbe erkennen, ist sich Sascha Grafe, seit 2016 Chef des Werks, sicher. Die Abnehmer sitzen „200 Kilometer rund um Freitals Kirchturm“, sagt er. Nach dem langen Winter gebe es nun einen Ansturm. „Wir stellen täglich 550 Paletten mit je einem Kubikmeter Ziegeln her und verkaufen 900“, so der 45-Jährige, der vom Baustoffprimus Saxonia kam. „Aber wir haben ein gutes Polster und sind lieferfähig.“

Der gepresste Endlosstrang mit dem feuchten Ton-Lehm-Gemisch wird geschnitten. Die einzelnen Steine kommen nach der Trocknung in den 170 Meter langen Tunnelofen, wo sie bei 960 Grad zwei Tage lang gebrannt werden.
Der gepresste Endlosstrang mit dem feuchten Ton-Lehm-Gemisch wird geschnitten. Die einzelnen Steine kommen nach der Trocknung in den 170 Meter langen Tunnelofen, wo sie bei 960 Grad zwei Tage lang gebrannt werden. © Jürgen Lösel

„Wir drehen 2021 weder an der Preis- noch an der Mengenschraube“, verspricht Konzernchef Eder. Dabei leide auch das Freitaler Werk unter Mangel und Mehrkosten für Holzpaletten, Diesel, Verpackungsfolie, Stahl in Gitterträgern. „Bauen hat mit Vertrauen zu tun“, sagt er.„Der Rohstoff in Freital sollte noch 25 bis 30 Jahre reichen“, schätzt Statthalter Grafe. Zudem liege im zweiten Eder-Tagebau in Dresden-Luga eine Reserve für viele Jahre. Für dessen Analyse werde noch 2021 für zwei Millionen Euro in Freital ein Labor gebaut. Im letzten Jahrzehnt waren dort 15 Millionen Euro investiert worden, auch in ein Besucher- und Beratungszentrum.

Zurück zur Streuobstwiese

Das Unternehmen sitzt auf einem Schatz und gräbt am eigenen Fundament. „Der Standort liegt bereits fünf Meter tiefer als beim Start“, verrät Johannes Eder. Und was passiert, wenn auch die letzte Fuhre aus der 400 Meter langen, 200 Meter breiten und 30 Meter tiefen Grube geholt wurde? „Das mussten wir schon vor dem Bau erklären“, sagt der Chef. „Es wird wieder eine natürliche Landschaft geben mit Streuobstwiesen, Wald- und Wiesenbiotopen“, versichert er.

Pro Jahr werden in Freital Ziegel für 1.500 Einfamilienhäuser produziert.
Pro Jahr werden in Freital Ziegel für 1.500 Einfamilienhäuser produziert. © Jürgen Lösel

So lehrt das Investment der Österreicher in Sachsen zwei Dinge: Verzicht kann auch großen Gewinn bringen, und perfekten Ton gibt’s nur, wenn der Ton stimmt.

Natürlicher Baustoff

  • Gebrannte Ziegel werden seit über 5.000 Jahren verbaut.
  • Um 1700 gab es in Sachsen 1.160 Manufakturen.
  • Heute arbeiten dort noch zwei größere Hersteller: Eder und Wienerberger in Zwickau.
  • Die Jahresproduktion der Freitaler reicht für 1.500 Einfamilienhäuser.
  • Jedes 3. Eigenheim in Sachsen und Südbrandenburg kommt von dort.
  • Auch das Schloss Pirna und das Kurländer Palais in Dresden sind aus Freitaler Ziegeln. (mr)

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