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GDL-Chef: "Jeder weiß, dass wir Streik können"

Nach der gescheiterten Schlichtung mit der Bahn erklärt die Gewerkschaft der Lokführer ihrem Konkurrenten EVG den Krieg. Und droht indirekt mit neuen Streiks.

Claus Weselsky war selbst einmal Lokführer, heute vertritt er als Chef der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer rund 34.000 Mitglieder.
Claus Weselsky war selbst einmal Lokführer, heute vertritt er als Chef der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer rund 34.000 Mitglieder. © Boris Roessler/dpa (Archiv)

Bei der Deutschen Bahn (DB) brennt schon Wochen vor Weihnachten der Baum. Als wären Milliardenverluste durch die Pandemie nicht schlimm genug, droht nach der gescheiterten Schlichtung mit der Lokführergewerkschaft GDL neues Unheil. Und mit der Umsetzung der Tarifeinheit 2021 gibt es weiteres Konfliktpotenzial.

Zwei Monate nach der Einigung mit der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG auf ein Corona-Tarifpaket mit niedrigem Lohnplus und Jobgarantie meldet der größere GDL-Konkurrent Nachschlag an. Die EVG verlangt für ihre Mitglieder jene steuerfreie Corona-Prämie von 800 beziehungsweise 600 Euro, die von der GDL ausgeschlagen wurde. Die Bahn lehnt das ab.

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Und wie verhält sich die streikerprobte GDL, die nach eigenen Angaben 34.000 Mitglieder hat und 80 Prozent der Lokführer sowie 40 Prozent der Zugbegleiter vertritt? Ihre Spitzen berieten jetzt zwei Tage in Dresden, Sächsische.de sprach mit ihrem Bundesvorsitzenden Claus Weselsky.

Herr Weselsky, die GDL-Spitze trifft sich ausgerechnet am Buß- und Bettag. Sind Sie nach der versagten Schlichtung noch mal in sich gegangen?

Ich bin zwar Atheist, stehe aber zu den Grundwerten, die die Menschheit zusammenhalten. Dennoch war das Büßen und Beten nicht Anlass unseres Treffens.

Sie müssen demnach auch mit Abstand nichts am Nein zum Solidarbeitrag für die krisengebeutelte Bahn korrigieren?

Der Schlichtungsvorschlag von Herrn Platzeck mit 800 Euro Bonus zeigt, dass der Tarifabschluss zwischen Bahn und EVG eine Mogelpackung ist. Auch dem Schlichter war das 1,5-prozentige Lohnplus zu wenig.

Jetzt fordert auch die EVG für ihre Mitglieder diesen Nachschlag ein …

Und sie wird ihn vermutlich bekommen – und das nur, weil wir die Schlichtung haben scheitern lassen. Das nenne ich auch Ausübung von Macht. Entscheidend ist: Wir bleiben frei. Die Bahn wollte uns in den Tarifvertrag der EVG zwingen und für 24 Monate in die Friedenspflicht bringen, damit sie unseren Tarif unterlaufen kann.

Also hat der Schlichter Matthias Platzeck ein faires Angebot unterbreitet?

Ja, aber es hatte keine Chance. Die Arbeitgeber hatten die Schlichtung mit der Drohung eröffnet, keinen Grundlagentarifvertrag mehr mit uns abzuschließen und ab Januar das Tarifeinheitsgesetz anzuwenden.

Laut Bahn gab es diese Drohung nicht.

Die Ansage war auf dem Tisch und die Schlichtung für uns unannehmbar. Diesen Konflikt kann ein Schlichter, der Parteien zusammenbringen soll, auch nicht lösen.

Was wäre denn die GDL mitgegangen?

Die 1,5 Prozent waren für die DB unverrückbar. Für mehr Lohn hätten wir zur Kompensation Errungenes aus bestehenden Verträgen aufgeben sollen. Das Mehr hätten auch alle Eisenbahner bekommen.

Die Bahn geht davon aus, dass die Mehrheit der Belegschaft bei der EVG ist.

Und aus dieser Bedrohung werden wir uns befreien müssen.

Wie soll das passieren?

Wir haben in Hauptvorstand und Bundestarifkommission beschlossen, in der Tarifrunde 2021 noch mehr als bisher zu fordern. Ferner werden wir die Verträge der EVG verdrängen und die der GDL schützen.

Die GDL strebt die Mehrheit der Gewerkschafter in den Betrieben an?

Genau. Das bedeutet, dass wir uns nicht mehr nur auf das Zugpersonal konzentrieren, sondern auch Tarifverträge für die Mitarbeiter in den Werkstätten, in der Infrastruktur und für alle in systemrelevanten Berufsgruppen der DB abschließen und so Verantwortung für das deutsche Bahnsystem insgesamt übernehmen.

Hatten GDL und EVG nicht vereinbart, nicht im Teich des anderen zu fischen?

Dafür gibt es weder einen Vertrag noch einen Hinderungsgrund. Wir erleben eine Eisenbahnerschaft, die nicht nur murrt, sondern die die EVG nicht mehr versteht. Für uns ist das eine gelbe Gewerkschaft, die ums Überleben kämpft, sich mit dem Management verbündet und sich nicht zu schade ist, nicht nur zulasten ihrer Mitglieder Dumping-Tarifverträge abzuschließen. Die Eisenbahner erwarten, dass die GDL bessere Verträge abschließt, von denen sie zuletzt bereits profitiert haben, denn unsere Abschlüsse wurden auf alle angewendet.

Die Deals könnten bald Makulatur sein.

Das Fatale ist: Die Tarifpartei, deren Verträge verdrängt werden, verliert ihr Existenzrecht. Welches Gewerkschaftsmitglied bezahlt noch Beiträge für eine Organisation, die für ihn weder Einkommen, Arbeitszeit noch andere wichtige Dinge regeln kann?

Ihre Antwort ist eine Kriegserklärung?

Man hat uns den Fehdehandschuh hingeworfen. Wir nehmen ihn auf und werden ihn zu unseren Gunsten gestalten. Das bedeutet, dass die EVG dort, wo schon heute unsere Tarifverträge existieren, weniger oder keine Mitglieder mehr haben wird.

Wie wollen sie das angehen?

Wir hatten uns jahrelang eine Selbstbeschränkung auferlegt, weil alles andere eine offene Kriegserklärung gegenüber der EVG gewesen wäre. Jetzt haben wir eine Kriegserklärung zugestellt bekommen – in Tateinheit mit dem Arbeitgeber Deutsche Bahn. Und jetzt hält uns nichts mehr.

Warum sollte Ihr Plan aufgehen?

Wenn es unsere besseren Tarifverträge künftig nicht mehr geben soll, wird die Botschaft bei den Beschäftigten ankommen. Wenn sie hören, dass wir uns öffnen, wird sich das in unserer Mitgliedschaft abbilden.

In Corona-Zeiten ist mehr denn je Solidarität gefragt. Der GDL wird Egoismus unterstellt, und Sie basteln weiter an Ihrem Image als Buhmann der Nation.

Wir leben seit Jahren Solidarität – und jetzt mit allen Eisenbahnern, die mehr wert sind als 1,5 Prozent.

Die Bahn argumentiert, auch Führungskräfte leisteten ihren Corona-Beitrag.

Was für ein Schwindel. Das ist kein Solidarbeitrag, sondern Folge des variablen Vergütungssystems. Werden vereinbarte Finanzziele wie jetzt nicht erreicht, sind diese Entgelte automatisch geringer. Vom meist 20-prozentigen Anteil der Variablen fällt auch nur ein Teil weg – und das in einer Pandemie! Ein echter Beitrag wäre es, wenn alle Manager für die Dauer des Corona-Vertrags auf alle variablen Vergütungen verzichten.

Und die Jobgarantie für die Mitarbeiter?

Die braucht es nicht. Kein Beschäftigter im direkten Bereich muss Angst um seinen Job haben. Es fehlt an Fahrdienstleitern, Lokführern, Zugbegleitern und Mechatronikern in den Werkstätten. Nur der Overhead steht sich die Füße platt. Die Verwaltung ist seit März daheim und arbeitet nicht – ein schönes Leben.

Was bedeutet Ihre Ansage für die Tarifrunde? Bis Februar ist Friedenpflicht.

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Diese Tarifrunde wird anders laufen. Wir werden im Januar Forderungen auch für die anderen Tarifgebiete aufstellen. Wir müssen keinen Warnstreik androhen. Jeder weiß, dass wir es können. Sollte es vier, fünf ergebnislose Runden geben, könnte es im Mai die Urabstimmung geben – genug Zeit, Mitarbeiter von uns zu überzeugen.

Ihr Angriff könnte morgen beginnen?

Er hat bereits begonnen.

Das Gespräch führte Michael Rothe

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