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Häschen in der Stube

Die Pappeier von Nestler gehören seit über 100 Jahren zur sächsischen Ostertradition. Doch in diesem Jahr ist vieles anders.

Bettina Nestler im Auslieferungslager des Unternehmens. Inzwischen gibt es mehr als 100 Ostermotive.
Bettina Nestler im Auslieferungslager des Unternehmens. Inzwischen gibt es mehr als 100 Ostermotive. © Jürgen Lösel

Eier finden sich bekanntlich in Nestern. Pappostereier kommen von Nestler. Generationen von Sachsen besitzen die ovalen Schachteln, die süße Leckereien beherbergen können. Die Motive von lächelnden Häschen und Küken gehören in den sächsischen Stuben zur österlichen Dekoration wie bemalte Eier aus der Lausitz.

Bettina Nestler, Tochter der Geschäftsführerin Ursula Nestler, und in dem Familienbetrieb verantwortlich für E-Commerce, Marketing und Produktentwicklung, sagt: „Wir haben für die diesjährige Saison rund eine halbe Million der Pappostereier produziert. In den Jahren vor Corona stellten wir jährlich fast eine Million her. Doch seit viele Geschäfte als Folge der Pandemie vorübergehend schließen mussten, ging zwangsweise der Verkauf im Einzelhandel deutlich zurück. Auch wir haben damit verstärkt in den Direktverkauf unserer Produkte über den firmeneigenen Onlineshop investiert. In der Folge stieg unser Online-Umsatz beträchtlich, sagt die 36-Jährige.

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Die sz-auktion bringt Händler und Kunden zusammen und unterstützt damit regionale Unternehmen gerade in dieser schweren Zeit.

Nachdem unsere Kunden schon 2020 die Geschäfte zu Ostern geschlossen hatten, so wie es sich auch für dieses Ostergeschäft abzeichnet, hoffen und wünschen wir, dass wir im nächsten Jahr mit unseren langjährigen Partnern gemeinsam Umsätze generieren können.

Dafür errichtete die Nestler GmbH 2018 neben der Produktionshalle in Ehrenfriedersdorf ein Logistiklager mit Regalen, eine Verpackungsstrecke sowie einen Versand. „Langfristig gesehen können wir so unabhängiger von den Schwankungen des Einzelhandels agieren“, sagt Nestler. Österliche Bilder wie Hasen und Küken waren schon immer typische Aufdrucke der Eier.

© Jürgen Lösel

Die Ursprünge des Unternehmens liegen im Jahr 1894, als in dem kleinen erzgebirgischen Dorf Wiesa eine Feinkartonagenfabrik erste Schultüten und Pappostereier produzierte. 1936 gründete der Urgroßvater von Bettina Nestler einen Betrieb zur Drahtverarbeitung. Ihr Großvater führte im Jahre 1953 beide Betriebe zusammen. Inzwischen gibt es etwa 100 verschiedene Ostermotive pro Jahr. Immer wieder sucht Nestler im hauseigenen Archiv typische nostalgische Abbildungen. Außerdem werden Lizenzen für moderne Zeichnungen erworben. So zum Beispiel von Mr. und Mrs. Panda alias Nora von Gadenstedt und Tobias Pirk aus Hannover. Deren gemalte Hasen, Mäuse und Küken sind mit höchstem Niedlichkeitsfaktor ausgestattet und zurzeit extrem beliebt.

In einer Druckerei kommen die Bilder auf Papier, das dann in Handarbeit auf die Pappen aufgeklebt wird. Vor allem die Eier mit den nostalgischen Motiven sind nach wie vor der Verkaufshit. Und das nicht nur in Deutschland. Auch nach Amerika oder Schweden verkauft das Unternehmen massenhaft Ostereier made in Sachsen. Das Geheimnis der Herstellung will Bettina Nestler allerdings nicht verraten. „Dieses Verfahren, das aus zwölf Schritten besteht, gehört uns. Im Zeitalter der Kopie müssen wir unser Produkt schützen“, sagt die Sächsin.

So sieht der Besucher in dem Gebäude des Unternehmens nur die historischen Holzformen der Eier, kann sich vorstellen, wie die Pappe darüber gezogen wird, um ihre ovale Form zu erhalten. Es dauert insgesamt acht Wochen, bis das Ei ausgeliefert wird. Es muss ausreichend trocknen, sonst verzieht es sich, und die zwei ineinander gesteckten Teile halten nicht mehr die Form. Wer das obere Teil hebt, wird nie erleben, dass das Unterteil abfällt. Diese deutsche Qualität schätzen Kundinnen sowie Kunden und sind ein entscheidendes Merkmal gegenüber der Billigware aus Asien. „Die Nähe zu unserer Kundschaft ist ebenfalls ein großer Vorteil, denn heute entscheidet vor allem im Online-Handel die Schnelligkeit der Lieferung“, sagt Bettina Nestler.

Europaweit einmalig

In Europa ist der Familienbetrieb der Einzige, der diese Pappeier anbietet. Deren Herstellung macht etwa 15 Prozent der Gesamtproduktion aus. Von September bis Anfang März werden die Festartikel hergestellt. Dann geht es mit den Zuckertüten los. Zwei Millionen davon werden jährlich produziert. Außerdem entstehen in dem Unternehmen Weihnachtskugeln aus Pappe. Wichtigstes Ziel für dieses Jahr sei es, den Jahresumsatz von 4,5 Millionen Euro trotz Krise zu halten und den 65 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern langfristig ihre Arbeitsplätze zu sichern.

Sämtliche Materialien bezieht die Firma aus der Region. Pappe, Papier, Klebstoff sind die wichtigsten Grundlagen dafür. In der Produktionshalle sitzen Frauengruppen um Tische herum, komplettieren die Pappe, kleben Borde an. Sechstausend Mal klebt eine der Mitarbeiterinnen pro Schicht Gaze an kleine Zuckertüten. Viele der Eier werden zur Auslieferung in Folie eingeschweißt. Doch inzwischen wird ein Großteil in Seidenpapier verpackt, denn Folie wird immer unbeliebter.

Bettina Nestler erzählt, dass nach der Enteignung 1972 fast alle alten Motive verschwanden. Nach der Reprivatisierung 1990 habe man eine der früheren Malerinnen in Bayern wiedergefunden. Die damals 85-jährige Marianne Drechsler zeichnete noch einmal ähnliche Motive wie vor dem Krieg. Da lachen die Häschen in der Malwerkstatt. Auf einem anderen Bild kommt ein Langohr als Eierdieb straffrei zu seinen Ostergeschenken. Die Hühner gackern ganz aufgeregt, denn ihre Nester sind jetzt leer.

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