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Bautzen: Supermärkte in Personalnot?

Der Betreiber des Edeka-Marktes im Allendeviertel will aufgeben, weil er keine Mitarbeiter findet. Sächsische.de erklärt, wie es auf dem Arbeitsmarkt aussieht.

Ein Händler findet für seinen Edeka-Markt in Bautzen kein Personal. Ist der Arbeitsmarkt tatsächlich leergefegt? Sächsische.de hat sich umgehört.
Ein Händler findet für seinen Edeka-Markt in Bautzen kein Personal. Ist der Arbeitsmarkt tatsächlich leergefegt? Sächsische.de hat sich umgehört. © kairospress

Bautzen. Kaum eine Nachricht wird derzeit in Bautzen so diskutiert wie das drohende Aus für den Edeka-Markt im Allendeviertel. Betreiber László Megyesi hat den Mietvertrag mit der Bautzener Wohnungsbaugesellschaft zum 30. Juni dieses Jahres gekündigt. Der Grund: Personalmangel.

„Ich stehe vor dem Problem, dass zwei Fleischfachverkäuferinnen in Rente gegangen sind“, sagt er. Neue finde er nicht. Und einen Edeka-Markt ohne Fleischstand führen? „Das bringt doch nichts“, sagt Megyesi. Aber es fehle auch noch anderes Personal, nicht nur für den Fleischstand.

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420 Verkäuferinnen und Verkäufer suchen Arbeit

Ist also der Arbeitsmarkt mit Blick auf Verkäuferinnen und Verkäufer in Bautzen leergefegt? Aktuelle Zahlen der Arbeitsagentur bestätigen das nicht. Demnach sind derzeit im gesamten Landkreis 939 Frauen und Männer mit Verkaufsberufen als arbeitssuchend gemeldet, davon allein 420 in Bautzen und Umgebung. 100 von ihnen haben derzeit zwar einen Job, möchten sich aber verändern. 320 Verkäuferinnen und Verkäufer im Raum Bautzen sind momentan ohne Arbeitsvertrag. Wer im Zahlenwerk der Arbeitsagentur gezielt nach arbeitsuchenden Fleischverkäuferinnen oder -verkäufern sucht, findet davon genau drei.

Wie der Markt im Allendeviertel gehört auch Marktkauf im Gewerbegebiet Bautzen-Ost zur Edeka-Gruppe. Geschäftsführer Frieder Seifert berichtet, er habe "kein Personalproblem". Das liege zum einen daran, dass er immer junge Leute ausbilde. "Wir haben derzeit vier Azubis, wollen aufstocken auf sechs. Wenn jemand in Rente geht, wollen wir sofort Nachwuchs aus den eigenen Reihen haben."

Zudem, so Seifert, sei es "kein Geheimnis, dass Marktkauf nach Tarif bezahlt. Eine Verkäuferin bei uns bekommt genauso viel Geld wie bei Marktkauf in München oder Hamburg." Sicher, wenn jemand mit einer Handwerksausbildung gesucht werde, zum Beispiel aus dem Fleischerhandwerk, sei die Suche schon schwieriger. "Aber bisher haben wir immer eine Lösung gefunden, wir kennen das Problem nicht", berichtet der Geschäftsführer.

Wunschberuf Nummer eins in der Oberlausitz

Ähnlich äußert sich Annegret Adam von der Pressestelle der Handelskette Kaufland. "Wir beobachten derzeit keinen Personalmangel. Viele Mitarbeiter beschäftigen wir in langfristigen Arbeitsverhältnissen." Neues Personal suche Kaufland über Jobplattformen wie Stepstone oder Indeed, zudem gebe es konzernweit eine eigene Karriere-Website und nicht zuletzt Aushänge in den Märkten. "Auf diese Weise können wir in der Regel bislang alle offenen Stellen besetzen", erklärt die Sprecherin.

Ebenso lässt Konkurrent Netto ausrichten, "dass wir auch in Bautzen ausreichend Bewerbungen für offene Stellen in unseren Filialen erhalten". Zudem sorge Netto selbst für Nachwuchs: Von bundesweit rund 78.000 Mitarbeitern seien mehr als 5.100 Auszubildende, berichtet Unternehmenssprecherin Lea Fürtjes.

In der Oberlausitz wurden für das aktuelle erste Lehrjahr insgesamt 179 Ausbildungsstellen zur Verkäuferin oder zum Verkäufer gemeldet. Bewerber gab es viel mehr: 313 junge Leute gaben gegenüber der Arbeitsagentur diesen Beruf als ihren Wunsch Nummer eins an. Mehr Interesse gab es für keinen anderen Berufszweig.

Handelsverband fürchtet Jobverlust wegen Corona

Dass Supermärkte wie im Bautzener Allendeviertel kein Personal finden, hält auch der Handelsverband Sachsen für eine Ausnahme. "Weitere Fälle aus Bautzen sind uns nicht bekannt", erklärt Hauptgeschäftsführer René Glaser. Er fürchtet eher, dass in den nächsten Wochen und Monaten Verkäuferinnen oder Verkäufer ihre Arbeit verlieren könnten - wegen der Corona-Zwangspause vieler Geschäfte: "Die Situation zahlreicher von der Schließung betroffener Unternehmen ist sehr ernst, extrem angespannt und verschärft sich mit jedem weiteren Tag."

Der Handelsverband habe schon vor vielen Wochen davor gewarnt, dass zahlreiche Geschäftsaufgaben drohen, wenn die Unternehmen keine wirksamen Wirtschaftshilfen erreichen. Täglich meldeten sich Handelsbetriebe, die wegen Corona vor dem Aus stünden oder Standorte schließen müssten.

Dienstleistungsgewerkschaft warnt vor Tarifflucht

Jörg Lauenroth-Mago von der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) kennt weder den Edeka-Kaufmann László Megyesi noch seinen Markt im Bautzener Allendeviertel. Aber der Landesfachbereichsleiter Handel im Verdi-Landesbezirk Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen kennt ein generelles Problem im Einzelhandel: Tarifflucht durch Ausgründung. Ein wachsender Teil von Edeka-Filialen werde nicht mehr vom Konzern selbst betrieben, sondern von privaten Kaufleuten. In diesen Märkten lägen die Löhne oft 20 bis 30 Prozent unterhalb des üblichen Tarifniveaus des Einzelhandels. In einem Edeka-Zentrallager bei Döbeln hatten 2019 zahlreiche Mitarbeiter für eine höhere Entlohnung gestreikt.

"Es gibt keinen leergefegten Arbeitsmarkt im Einzelhandel", bekräftigt Jörg Lauenroth-Mago. Die Kaufleute von Edeka entlohnten ihre Mitarbeiter unterschiedlich, hätten dabei aber Spielraum. "Wenn alle ihre Mitarbeiter nach Tarif bezahlen, lösen sich auch Personalprobleme", ist der Verdi-Fachbereichsleiter überzeugt.

László Megyesi selbst war am Montag für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Eine E-Mail von Sächsische.de mit Fragen auch zum Thema Bezahlung blieb bis zum Abend ohne Antwort.

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