merken
PLUS Wirtschaft

Handelsverband wirft Sachsen Praxisferne vor

Was macht den Unterschied, ob man Schnitzel-Pommes-Pilze oder ein Buch abholt? Das eine ist jetzt als Umsatz-Strohhalm erlaubt, das andere nicht.

Im Gegensatz zu anderen Ländern verwehrt Sachsen im zweiten Lockdown das Abholen von Waren aus festen Läden.
Im Gegensatz zu anderen Ländern verwehrt Sachsen im zweiten Lockdown das Abholen von Waren aus festen Läden. © Ole Spata/dpa

Der Lockdown kommt stationäre Händler im wichtigen Weihnachtsgeschäft teuer zu stehen. Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln erwartet im Dezember und Januar Ausfälle von 16 bis 22 Milliarden Euro. Laut Handelsverbands Sachsen (HVS) verlieren allein die Geschäfte im Freistaat jeden Tag 50 Millionen Euro. Wegen "extremer Unsicherheit" sei es hinter den geschlossenen Ladentüren sehr unruhig und hektisch.

Andererseits profitiere der Onlinehandel, heißt es vom IW. Nach Schätzungen shoppen Deutsche zwischen November und Januar für 26,2 Milliarden Euro online, 5,6 Milliarden Euro mehr als 2019. Etwa die Hälfte dieses Geschäfts mache Amazon. Nutzten stationäre Händler die Plattform des Online-Riesen um ihre Umsatzverluste auszugleichen, profitiere Amazon durch die Gebühren zusätzlich – und gewinne an Attraktivität, weil seine Auswahl steige.

TOP Immobilien
TOP Immobilien
TOP Immobilien

Finden Sie Ihre neue Traumimmobilie bei unseren TOP Immobilien von Sächsische.de – ganz egal ob Grundstück, Wohnung oder Haus!

Sachsen schließt Händler von Förderung aus

Dennoch gebe es Händler, die sich auf diesen Vertriebskanal einließen, sagt David Tobias, der beim HVS den Großraum Dresden verantwortet. Das entscheide jeder für sich. Aber wie für alle Geschäftsmodelle gelte, Abhängigkeiten von einem einzigen Kunden, Lieferanten oder Absatzkanal zu vermeiden. Stationäre Läden hätten auch selbst investiert, um sich digital weiterzuentwickeln – im Gegensatz zu reinen Online-Händlern zusätzlich zum Kerngeschäft und ohne nennenswerte Fördermittel. Sachsen sei besonders streng zur Branche und schließe Händler aus, die sich, um überhaupt existieren zu können, bei der Warenbeschaffung zusammentun, kritisiert er. Aber genau solche Geschäfte für Sport, Mode, Schuhe, Spielwaren prägten die kleinen und mittleren Städte.

„Der oberflächliche Verweis der Politik, ,die können ja online was machen‘, zeugt von erschreckend wenig Praxis-Kenntnis“, moniert Tobias. „Im Haifisch-Becken des Internethandels braucht es hohen Umschlag und Finanzkraft, um mitzuhalten.“ Die Kunden setzten Lieferfähigkeit voraus - jederzeit, in allen Farben, Formen und Größen. „Das erfordert einen Bestand, der weit über die Ware eines normalen Ladengeschäfts hinausgeht.“ Es gebe betriebswirtschaftliche und logistische Grenzen – auch hinsichtlich Retouren.

Hilflosigkeit gegenüber der Politik

„Wollen wir wirklich, dass der lokale Handel sukzessive ins Netz geschoben wird“, fragt der Geschäftsführer rhetorisch. Schon jetzt würden erfolgreiche Online-Händler ihre festen Läden hinterfragen. Das hänge auch mit der Hilflosigkeit gegenüber Politik und Ministerien zusammen. Es brauche Überlebenskonzepte für den Innenstadthandel, fordert er.

Weiterführende Artikel

Corona: Mehr als 900 Todesopfer in 24 Stunden

Corona: Mehr als 900 Todesopfer in 24 Stunden

Weniger Infektionen als vor einer Woche, Sachsens Grüne fordern Lockerungen, wieder Krawalle in den Niederlanden - unser Newsblog.

Dresden: Wie hat der Handel noch eine Chance?

Dresden: Wie hat der Handel noch eine Chance?

"Die Innenstädte werden durch Corona nicht sterben", sagt ein großes Immobilienunternehmen voraus. Aber sie werden anders aussehen.

Lockdown: Sachsens Händler verlieren täglich 50 Millionen

Lockdown: Sachsens Händler verlieren täglich 50 Millionen

Der erneute Lockdown wird Sachsens Händler hart treffen. Ihr Verbandschef fordert nun neue Staatshilfen und sagt, wie sich Betroffene selbst helfen können.

Händler frustriert wegen Ladenschließungen

Händler frustriert wegen Ladenschließungen

Viele haben Angst, auf ihrer Ware sitzenzubleiben. Für manchen wird das bedrohlich. Ihre Forderung: wenn Hilfe, dann für alle.

Und jetzt, kurz vor Weihnachten? Der Verband habe die Staatsregierung gebeten, wenigstens das Abholen von Ware zu ermöglichen, sagt Tobias. Doch im Gegensatz zu anderen Ländern verwehre Sachsen diesen Umsatz-Strohhalm. Dabei habe es im Frühjahr vom Sozialministerium genehmigte Abholkonzepte gegeben. „Warum dürfen nun Pakete geliefert, aber nicht kontaktlos abgeholt werden?“, fragt er und: „Worin liegt der Unterschied, Schnitzel-Pommes-Pilze im Restaurant abholen zu dürfen, nicht aber ein Buch vom Buchhändler?“

Mehr zum Thema Wirtschaft