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Bäcker sammeln körbeweise Kassenbons

Vor einem Jahr wurde der Kassenzettel zur Pflicht und löste Proteste aus. Doch es änderte sich nichts. Die Branche hat mittlerweile neue Sorgen.

Claudia Schönig zeigt in der Bäckerei Kopke in Förstgen den Papiermüll, der durch die Bonpflicht jeden Tag entsteht.
Claudia Schönig zeigt in der Bäckerei Kopke in Förstgen den Papiermüll, der durch die Bonpflicht jeden Tag entsteht. © André Schulze

Der Plastikeimer ist jeden Tag gut gefüllt in der Bäckerei Kopke (ehemals Landbäckerei Gerber) in Förstgen. Darin sammeln sich die Kassenbons, die den Kunden zwar zustehen, aber von ihnen nicht mitgenommen werden. Heike Kopke, die zusammen mit ihrem Mann Uwe die Bäckerei führt, sagt, dass sie nur eine Kundin haben, die darauf besteht, ihren Kassenzettel mitzunehmen. "Alle anderen Bons sammeln wir und entsorgen sie. Am Tag kommen da schon rund 100 Stück zusammen", so die Bäckersfrau. Daran hat sich seit einem Jahr nichts geändert.

Im Gegenteil. Der Einzelbon ist seit diesem Jahr sogar um ein paar Zentimeter länger geworden: Mit Buchstaben und Zahlenkolonnen, die dem Kunden noch weniger sagen als dem Verkaufspersonal. Ein Paradebeispiel deutscher Bürokratie. Nicht nur, dass die Start- und Endzeit des Kassiervorgangs sekundengenau erfasst und ausgedruckt wird, sondern auch die Signaturen für das TSE. Die drei Buchstaben stehen für Technische Sicherheitseinrichtung, die aus einem in der Ladenkasse platzierten und codierten Chip besteht. Dieser zeichnet alle Vorgänge auf und kann nur durch das Finanzamt ausgelesen werden. Wozu dann das alles nochmal für den Kunden ausdrucken?

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Kunden finden es lästig

Das fragt man sich auch in der Bäckerei Werner in Niesky. Dort ist es nicht anders als in Förstgen. Mandy Werner sagt: "Wir haben einen, zwei Kunden am Tag, die ihren Zettel mitnehmen, alles andere fliegt bei uns in den Papierkorb." Mandy Werner gibt den Bon mit dem Rückgeld. Das Geld wird eingesteckt, aber der kleine weiße Zettel bleibt in der Regel liegen. "Viele Kunden finden es lästig, den Kassenzettel auch noch mitzunehmen und haben kein Verständnis für diese Papierverschwendung", ist das Fazit von Mandy Werner für ein Jahr Kassenbonpflicht.

Das Verschwenden von Papier ist der Hauptgrund, warum die vor einem Jahr vom Bundesfinanzministerium durchgesetzte Bonpflicht auf Ablehnung stößt. Man kann es sich selbst ausrechnen: Beim Kauf von drei oder vier Produkten ist der Kassenzettel rund 20 Zentimeter lang. Wenn man 100 Stück, wie sie in Förstgen im Laden zurückbleiben, aneinander legt, ergibt das eine Papierfläche von 1,2 Quadratmetern. Und das nur an einem Tag in einer Bäckerei. In der Bäckerei Herkner in Nieder Seifersdorf wird das genauso gesehen. Aber wenn die gesetzliche Regelung nun einmal so ist, dann muss sich daran gehalten werden, sagt Antje Herkner. Sie bestätigt, dass nur sehr wenige Kunden den Kassenzettel einstecken. Oft bleibt er im Laden zurück.

Corona rückt das Thema in den Hintergrund

"Für uns ist das Thema in den Hintergrund gerückt", sagte Heike Eichler. Sie führt die Bäckerei Melzer in Königshain. Auch wenn in Zeiten des Lockdowns weiter gebacken und verkauft wird, sind es andere Sorgen, die die Bäckereichefin umtreiben. Dass ihre Angestellten und Kunden gesund durch die Corona-Krise kommen, ist ihr jetzt wichtig. Auch eine Antwort auf die Frage, wann sie ihr Café wieder öffnen darf. Was die Bons betrifft, sagt sie, dass die Kunden danach gefragt werden, ob sie den mitnehmen wollen. Meist wird das verneint, also landet er im Papierkorb.

Die Bonpflicht bleibt für uns ein Thema, sagt Roland Ermer. Er ist Landesobermeister der sächsischen Bäckerinnung. Der Bäckermeister steht selbst in der Backstube und verkauft seine Produkte in den eigenen Filialen in Bernsdorf, Hoyerswerda und Lieske. Somit kann er täglich drei Papierkörbe mit zurückgelassenen Kassenzetteln leeren. Ermer könnte somit eine Fläche von 3,6 Quadratmetern mit Kassenbons belegen, um bei der genannten Berechnung zu bleiben. Als Landesinnungsmeister sieht er diese Pflicht zur Bonmitgabe als überholt an. Selbst spricht er von "Schwachsinn". Er begründet es damit, dass der eigentliche Grund für einen Kassenbon, dem Finanzamt eine lückenlose Kontrolle zu ermöglichen, nicht mehr besteht. Die neuen und vom Gesetzgeber geforderten Kassen speichern die Zahlungsvorgänge automatisch ab. Hinzu kommt aus dem eigenen Erleben, dass die große Mehrheit der Bäckereikunden keinen Zettel will.

Sinnvoller beim Fleischer

Roland Ermer würde es als sinnvoll ansehen, wenn bei einem Einkauf ab zehn Euro die Pflicht zum Kassenzettel besteht. Aber nicht für Kunden, die sich nur ein paar Semmeln oder ein Stück Kuchen holen. Dann ist es wie im Fleischerhandwerk, wo der Kassenbon Sinn macht, weil die Leute mehrere Waren einkaufen. Zudem ist beim Fleischer nicht nur Produkt und Preis aufgedruckt, sondern auch das Gewicht. "Wir geben unseren Kunden schon immer den Bon mit, denn sie wollen wissen, was sie eingekauft haben", sagt Angela Zschoch von der Fleischerei Schulze in Förstgen.

In der Bäckerei Medack in Klitten ist die Pflicht zum Kassenbon nicht der Rede wert. Das Geld wird über eine Handkasse eingenommen und ausgegeben. "Unsere Betriebsgröße gestattet es uns, auf eine teure Kasse zu verzichten", sagt Inhaberin Beatrice Borkenhagen. Dafür muss die Geschäftsfrau aber akribisch Buch führen.

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