merken
PLUS Leben und Stil

Onlinebetrug mit Tiefstpreisen nimmt zu

Verbraucherschützer führen jetzt eine Fake-Shop-Liste. Juristin Julia Rehberg erklärt typische Merkmale dubioser Anbieter.

So könnte die Startseite eines gefälschten Online-Shops aussehen. Elf Indizien, die potenzielle Käufer skeptisch machen sollten, lesen Sie im Text.
So könnte die Startseite eines gefälschten Online-Shops aussehen. Elf Indizien, die potenzielle Käufer skeptisch machen sollten, lesen Sie im Text. © VZ Niedersachsen

Ware bezahlt, aber nie geliefert: Onlinekäufer fallen immer wieder auf Fake-Shops herein. Um potenzielle Opfer zu schützen, führt die Verbraucherzentrale Hamburg seit wenigen Wochen eine Warnliste. Die SZ sprach mit Julia Rehberg, der zuständigen Abteilungsleiterin, über das Projekt und die Schnäppchenjagd in Corona-Zeiten.

Frau Rehberg, wann ist ein Onlineshop „Fake“, also gefälscht?

Anzeige
Die Ernährung der Zukunft
Die Ernährung der Zukunft

In der neuen Veranstaltungsreihe von SLUB und Konrad-Adenauer-Stiftung steht am 22. April 2021 die Zukunft der Ernährung im Fokus. Diskutieren Sie mit!

Es müssen bestimmte Kriterien zusammentreffen. Punkt eins: Der vermeintliche Shop weist kein Impressum aus. Oder die Angaben darin, etwa die Nummer im Handelsregister, existieren nicht. Oder unter dieser Nummer ist eine andere Firma eingetragen. Ein zweites Kriterium ist supergünstige Ware, die aber nur per Kreditkarte oder Vorab-Überweisung bezahlt werden kann. Punkt drei: Der Shop sitzt angeblich in Deutschland, das Firmenkonto aber hat eine ausländische IBAN. Viertens: Sie suchen günstige Elektronik und landen dabei auf einer Domain, die den Begriff „Strandurlaub“ enthält. Je mehr dieser Kriterien vorliegen, desto eher sollten Sie davon ausgehen, dass etwas nicht stimmt.

Laut Bundesverband der Verbraucherzentralen hat das Phänomen der Fake- Shops in Corona-Zeiten zugenommen. Dessen Marktbeobachter haben 2020 bundesweit rund 1.100 Fälle registriert, Tendenz steigend. Hängt das mit veränderten Kaufgewohnheiten zusammen?

Das würde ich schon sagen. Überall dort, wo es die Möglichkeit zum Betrügen gibt, wird dies auch genutzt. Wir führen deshalb seit Februar eine Fake-Shop-Liste. Verbraucher sind aufgefordert, verdächtige Internetseiten zu melden. Wir bekommen ständig neue Meldungen rein. Ansonsten muss man natürlich sagen, dass es seit Jahren immer wieder Beschwerden zu Fake-Shops gibt. Die Dunkelziffer dürfte aber viel höher sein. Denn wenn man auf einen Fake-Shop reingefallen und sein Geld los ist, lohnt es sich normalerweise nicht mehr, sich kostenpflichtig von uns beraten zu lassen. Wir können das Geld für die Bestellung ja nicht zurückholen.

Wie beurteilen Sie die Rolle von Google und anderen Preisvergleichsportalen? Letztlich findet man die dubiosen Seiten auch deshalb, weil sie dort – dank ihrer Preise – weit oben gelistet werden.

Es ist schwer, das zu verhindern. Am Ende läuft es immer auf eine Frage hinaus: Will ich jemanden, den ich nicht kenne, vorab mein Geld geben? Mein Rat: Zahlen Sie nicht per Vorauskasse, wenn Ihnen die Summe wehtun würde oder Sie sich über den Verlust ärgern. Bei einem Zehn-Euro-Shirt mag es manchen Leuten egal sein, ob tatsächlich geliefert wird. Bei einem Sofa für 300 Euro sieht das schon anders aus.

Das beantwortet die Frage nach der Rolle der Portale aber noch nicht.

Sofern die Suchmaschinen Filter anbieten, sollten Sie diese nutzen. Zum Beispiel können Sie vorgeben, dass Sie nur Anbieter aus Deutschland gelistet haben wollen. Gleichzeitig sollten Sie die Betreiber warnen, wenn Ihnen ein Shop dubios erscheint.

Was halten Sie von Gütesiegeln?

Zunächst sollte man immer gucken, wofür das Siegel eigentlich stehen soll. Wird nur netter Kundenservice geboten? Oder wird auch Geldrückgabe garantiert, zum Beispiel bei einer Insolvenz des Shops? Die Initiative Trusted Shops halte ich grundsätzlich für eine gute Sache. Natürlich müssen Sie auf der Internetseite des Siegelgebers nachschauen, ob der Shop dort wirklich gelistet ist. Aber wie gesagt, das sind alles nur flankierende Maßnahmen. Entscheidend ist: Wem schicke ich da gerade mein Geld?

Julia Rehberg (52) ist Juristin bei der Verbraucherzentrale Hamburg und Fachfrau für Handels- und Dienstleistungsthemen.:
Julia Rehberg (52) ist Juristin bei der Verbraucherzentrale Hamburg und Fachfrau für Handels- und Dienstleistungsthemen.: © Karin Gerdes

Bin ich immer auf der sicheren Seite, wenn ich als Zahlungsoption Paypal angeboten bekomme?

Häufig ist es so, dass bei solchen Shops mehrere Zahlungsoptionen, darunter Paypal oder Rechnung, aufgeführt werden. Im Bestellvorgang lehnt das System diese dann aber ab, sodass Sie letztlich bei Vorkasse landen. Natürlich kann bei Paypal der sogenannte Käuferschutz greifen. Nur gilt der nicht für alle denkbaren Konstellationen. Letztlich bieten Zahlungsdienstleister eine gewisse Sicherheit, aber keine vollumfängliche.

Wie groß ist die Chance, mir das Geld zurückholen zu können, wenn ich mit Kreditkarte gezahlt habe?

Wenn Sie trotz Zahlung keine Ware erhalten, sollten Sie sich umgehend an Ihr Kreditkarteninstitut wenden und die Buchung reklamieren. Über das sogenannte Chargeback-Verfahren können Sie sich Ihr Geld im Falle eines Betruges gegebenenfalls zurückholen. Voraussetzung ist aber, dass Ihr Kreditkarteninstitut das Verfahren anbietet. „Mir kann ja nichts passieren, wenn ich mit Kreditkarte zahle“ halte ich für eine gefährliche Fehleinschätzung.

Die Aufklärungsquote von Fake-Shop-Betrügereien dürfte ziemlich gering sein. Was bringt es den Opfern, Anzeige bei der Polizei zu erstatten?

Sie sollten das schon allein deshalb tun, um das Problem aufzuzeigen. Es hat ja keinen Sinn, wenn so etwas immer wieder passiert und alle darüber schweigen. Außerdem gibt es hin und wieder Fälle, bei denen Betroffene ihr Geld zurückbekommen, wenn die Konten der Fake-Shop-Betreiber beschlagnahmt worden sind. Nicht zuletzt dürften Strafverfahren dazu geeignet sein, überführte Täter auf Dauer von solchen Betrügereien abzuhalten.

Warum werden solche Shops nicht schneller vom Netz genommen?

Das ist Sache der Strafverfolger und gar nicht so einfach. Zum Beispiel, wenn die Server im Ausland stehen. Außerdem handelt es sich um ein sehr schnelllebiges Geschäft. Die Shops sind nur kurz online, die Betreiber kassieren ab und verschwinden.

Wie viele Fälle kennen Sie, in denen man Fake-Shop-Betreibern habhaft werden und Geld an geprellte Kunden zurückzahlen konnte?

Mir ist nur ein einziger Fall bekannt, wo das tatsächlich gelungen ist. Ich halte das also für eine Ausnahme.

Was folgern Sie daraus? Muss mehr Präventionsarbeit betrieben werden?

Ja, klar. Geklickt ist schnell. Als Onlinekäufer sollten Sie sich immer vergegenwärtigen, dass Sie Ihr Gegenüber nicht kennen.

Einer der Shops auf Ihrer Warnliste ist de24tech.website. Auf dieser Seite findet sich ein Impressum, als Ansprechpartner wird ein Mann im thüringischen Pößneck genannt. Sind es Strohmänner, die sich für so etwas hergeben?

Das lässt sich oft nicht ohne Weiteres sagen. Mal wird mit Daten von regulären Firmen Schindluder getrieben, mal werden Fantasienamen benutzt. Alles ist möglich. Solche Shops sind heutzutage schnell gebaut und sehen oft ganz schick aus. Davon sollte sich niemand blenden lassen.

Müsste der Gesetzgeber in diesem Bereich regulierend eingreifen? Geht das überhaupt?

Natürlich wäre es besser, wenn immer ein für Verbraucher sicheres Zahlungsmittel angeboten würde. Doch der Onlinehandel würde sicherlich Sturm laufen, wenn er zwingend jedem Kunden Rechnungskauf oder Bezahlung per Einzugsermächtigung anbieten müsste. Mehr Klarheit wünschte ich mir außerdem beim Thema Domainnamen. Nicht jeder weiß, dass die de-Endung einer Internetadresse keineswegs automatisch bedeutet, dass der Onlineshop seinen Sitz in Deutschland hat.

Das Gespräch führte Andreas Rentsch.


Elf Indizien für Fake-Shops:

Weiterführende Artikel

Falsche Paket-SMS infiziert Smartphones

Falsche Paket-SMS infiziert Smartphones

Eine neue Masche verteilt Schadsoftware. Wer darauf reingefallen ist, sollte den Trojaner aber nicht sofort löschen.

  • Webadresse mit de-Endung ist kein Beleg für deutschen Firmensitz. Vorsicht bei Adresse ohne https-Kürzel und Schlosssymbol.
  • Unschlagbare Preise.
  • Zahlung nur per Vorauskasse, Sofortüberweisung oder per Gutschein. Andere Optionen werden im Bestellvorgang abgelehnt.
  • Kaufen-Button ist mit „Bestellen“, „Anmelden“ oder „Weiter“ beschriftet.
  • Selbst rare Artikel sind auf Lager und sofort lieferbar.
  • Missbräuchlich verwendete oder erfundene Gütesiegel.
  • Nur positive Kundenbewertungen.
  • Keine Widerrufsbelehrung.
  • Irritierende Regelungen zum Widerrufs- oder Rückgaberecht.
  • Nur Nennung von Postfach/Postbox und/oder teurer Servicehotline.
  • Impressum ohne Name und ladungsfähige Anschrift.

Quelle: Vverbraucherzentrale Niedersachsen

Mehr zum Thema Leben und Stil