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Handwerk will nicht die Corona-Zeche zahlen

Die Dresdner Kammer fordert von der Politik ein langfristiges Konzept für ein Wirtschaftsleben mit dem Virus.

Seit Wochen sind auch bei den Friseuren in Deutschland die Schotten dicht. Viele Geschäftsinhaber sorgen sich um ihre Existenz.
Seit Wochen sind auch bei den Friseuren in Deutschland die Schotten dicht. Viele Geschäftsinhaber sorgen sich um ihre Existenz. © dpa

Sachsens Friseure und Kosmetiker tragen Trauer. Rund 100 Vertreter beider Zünfte versammelten sich am Donnerstag ganz in Schwarz am Dresdner Elbufer – vis à vis vom Landtag. Verunsichert wegen vermeintlich schlechten Krisenmanagements der Politik. Enttäuscht, wütend und resigniert ob versprochener, aber ausbleibender Staatshilfe. Manche auch in Angst, demnächst das eigene Unternehmen beerdigen zu müssen.

Zeitgleich liefert die Dresdner Handwerkskammer der Presse Belege und Argumente. Laut deren aktueller Corona-Umfrage ist die unmittelbare Betroffenheit unter ihren rund 22.500 Pflichtmitgliedern noch größer, als zu Beginn des Lockdowns angenommen. Demnach sind in Ostsachsen zwei Drittel aller Betriebe direkt von der Krise betroffen – gut jeder vierte durch Erkranken von Unternehmern und Mitarbeitern und fast dreiviertel wegen Quarantäne und Freistellungen.

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Neun von zehn Betrieben betroffen

„Insgesamt ringen 92 Prozent der befragten Betriebe mit den wirtschaftlichen Auswirkungen“, sagt Hauptgeschäftsführer Andreas Brzezinski. Das sei „besorgniserregend“. Je ein Fünftel beklage Umsatzrückgänge und Kosten für Hygienemaßnahmen. Fehlendes Personal durch Kinderbetreuung, Quarantäne oder Grenzschließungen, Auftragsstornierungen und Materialengpässe seien weitere direkte Folgen.

„Sieben Prozent der Betriebe mussten wegen behördlicher Anordnung ganz schließen“, sagt der Kammerchef. Regional gebe es kaum Unterschiede, wohl aber bei den Branchen und der Betriebsgröße. Am Bau hätten noch 13 Prozent „normale“ Geschäfte, in der Gesundheits- und Reinigungsgewerbe sei es ein Prozent. Bei der Größe gelte: je mehr Mitarbeiter, desto größer die Not.

Keine schnelle Besserung erwartet

„Das Handwerk kann nicht warten, bis wir irgendwann Herdenimmunität erreicht haben“, appelliert Kammerpräsident Jörg Dittrich an die Politik. Viele Betriebe hätten „ganz reale Existenzsorgen“. Der Dresdner Dachdeckermeister „weiß aus eigenem Erleben, wenn Mitarbeiter wegen Quarantäne oder Kinderbetreuung fehlen“.

Die Umfrage zeige, so der Handwerkspräsident, dass die Betriebe durch den Impfbeginn allein keine schnelle Verbesserung erwarten. Sie gingen von einem mittel- bis langfristigen Prozess aus. Die Gründe: Haushaltssperren, geringere Auftragsvolumina der öffentlichen Hand, Verschiebung von Aufträgen, rückläufige Kaufkraft wegen zunehmender Arbeitslosigkeit. Zudem komme es bei Baugenehmigungen zu erheblichen Verzögerungen. Ein funktionierender Dreiklang aus Testung, Nachverfolgung und Impfung brauche auch ein langfristiges Konzept für ein Wirtschaftsleben mit Corona, fordert Dittrich.

Nur jeder Elfte impfbereit

Laut Befragung ist die Impfbereitschaft unter den Geschäftsinhabern mit neun Prozent gering. Keine Coronaleugner, denn 93 Prozent gaben auch an, Ansteckungsrisiken durch bekannte Hygienemaßnahmen zu reduzieren sowie durch Homeoffice und Schichtarbeit. Für die meisten sei der Impfstoff unzureichend getestet, erklärt Dittrich. Ostsachsens Oberhandwerker sieht Politik und Wissenschaft in der Pflicht, der Bevölkerung durch intensive Aufklärung die Zweifel an der Impfung zu nehmen. „Auch würde ein reibungsloser Ablauf das Vertrauen in die Impfung stärken.“

Die Kammer nennt es „alarmierend, dass beinahe jeder dritte Betriebsinhaber Steuererhöhungen befürchtet, um die ungeplanten Mehrausgaben des Staates auszugleichen“. Aber es sei „keine Option, dass der Mittelstand durch erhöhte Steuer- und Sozialabgaben die Corona-Schulden auffängt“, sagt Hauptgeschäftsführer Brzezinski – auch weil die Steuer- und Sozialkassen bereits leergeräumt worden seien. „Dafür braucht es andere Wege“, so der Kammerchef. Er fordert zudem eine Stundung jener Beiträge analog dem Vorjahr.

Botschaft als gewollte Infektion

Seit Beginn der Pandemie sind bei der Corona-Hotline der Kammer gut 9.000 Anrufe eingegangen, oft zu Anträgen für Staatshilfen, die schon vor Wochen versprochen wurden. „Das alles ist das Gegenteil von unbürokratischer, schneller Hilfe“, moniert Präsident Dittrich. Daher habe die Kammer sogar Amtshilfe angeboten, Anträge und Auszahlung für ihre Mitgliedsbetriebe abzuwickeln, um ein Firmensterben in Ostsachsen abzuwenden.

Dittrich hat Verständnis für den Unmut und die Enttäuschung vieler Handwerkskollegen. Auch für verzweifelte Friseure und Kosmetiker, die in Sichtweite des Landtags Zeichen setzen. Dort gab’s am Donnerstag im Plenarsaal nur eine Anhörung des Umweltausschusses – nicht der erste Adressat für die Hilferufe des Handwerks in Sachen Corona. Womöglich wird die Botschaft ja dennoch weitergegeben. Sozusagen als eine gewollte Infektion.

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  • Sachsens Handwerk steht mit rund 56.000 Betrieben für fast 20 Prozent der Wirtschaftsleistung im Freistaat sowie für jede dritte Lehrstelle.
  • Mit je 30 Prozent Anteil sind die Gewerbe Bau und Metall/Elektro mit großem Abstand am stärksten vertreten.
  • Die Handwerksdichte liegt in Sachsen mit 14 Betrieben pro 1.000 Einwohner über dem Bundesmittel von zwölf.
  • Zum Kammerbezirk gehören Dresden und die Kreise Görlitz, Meißen, Sächsische Schweiz-Osterzgebirge, Bautzen.
  • Für ihre Umfrage zur Corona-Betroffenheit befragte die Kammer Anfang Januar 2.005 ihrer 22.500 Mitgliedsbetriebe mit 125.000 Beschäftigten.
  • Die Rücklaufquote betrug 23 Prozent und ist repräsentativ. (SZ/mr)

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