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Inflation – es sind nicht nur die Energiepreise

Lieferengpässe machen einige Produkte teurer. Das liegt auch am Klimaschutz. Aber die wahre Gefahr für unseren Wohlstand ist eine andere. Ein Kommentar.

Von Nora Miethke
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Die Preise steigen und das Geld wird damit weniger wert.
Die Preise steigen und das Geld wird damit weniger wert. © dpa

Viele von uns können sich noch daran erinnern, was es bedeutet, in einer Mangelwirtschaft zu leben. Grundnahrungsmittel gab es in der DDR zwar für wenig Geld, auch die Miete war niedrig. Aber bei Konsumgütern gab es Engpässe. Die Produktion konnte die Nachfrage nicht befriedigen und das führte zu hohen Preisen. In den 1980er-Jahren mussten DDR-Bürger für den Farbfernseher „Chromat 67“ über 6.000 Mark zahlen.

Das fällt einem wieder ein, wenn man in diesen Tagen Geschichten darüber hört, was Leute alles tun, um an Fahrradzubehör zu kommen. Zwei von drei Einzelhändlern klagen über Lieferprobleme. Es fehlt an Unterhaltungselektronik, Computern, Baumaterialien und Zellstoff, was Klopapier fünf Prozent teurer macht. Knappes Angebot führt zu steigenden Preisen. Die jährliche Inflationsrate liegt bei 4,1 Prozent, bis zum Jahresende könnte sie auf fünf Prozent klettern. Steigen die Preise und bleibt der Lohn gleich, kann man sich für dasselbe Geld weniger leisten. Auch frisst die Inflation die Ersparnisse auf, in Zeiten von Nullzinsen ein gravierendes Problem. Es trifft die breite Masse der Sparer.

Lieferengpässe, ein schlechter Sommer, demografischer Wandel, Handelskonflikte mit China – die Ursachen für die Teuerung sind vielfältig. Die Frage ist, welche Faktoren sind vorübergehender Natur und welche nicht?

Die wichtigste Ursache ist eigentlich eine positive Nachricht: Die Weltwirtschaft hat sich schneller von Covid-19 erholt als erwartet. Da ungewiss war, wie lange die Pandemie die Wirtschaft belasten würde, wurde weniger bestellt, die Produktion gedrosselt, wurden Investitionen zurückgestellt. Doch die Verbraucher konnten mehr Geld als sonst für Waren ausgeben, weil sie nicht in Urlaub fahren oder ins Restaurant gehen konnten. Staatliche Konjunkturprogramme verstärkten noch den Nachfrageschub, der die globalen Lieferketten überforderte. Nur ein Beispiel: Der Verkauf von Computern boomte, aber der Mangel an Mikrochips beeinträchtigte die Produktion in Taiwan.

Nicht Klimaschutz, sondern Klimawandel macht Probleme

Einen Laptop kauft man sich nur selten. Zu spüren bekommt man die Teuerung unmittelbar an der Zapfsäule und der Stromrechnung. Im Corona-Krisenjahr 2020 brachen die Preise für Öl, Gas und Benzin massiv ein. Jetzt sind diese Energieträger wieder gefragt. Das allein erklärt die Steilheit der Preiskurve allerdings nicht.

Sie beruht auch auf der „grünen Inflation“. Die Einführung des CO2-Preises haben fossile Brennstoffe verteuert. Teurere CO2-Zertifikate im EU-Emissionshandelssystem erschweren der Industrie bei Windflaute den Wechsel auf andere „schmutzige“ Energieformen wie Kohle. In China werden Betriebe stillgelegt wegen Knappheit an Ökostrom. Das führt zu Lieferengpässen und höheren Preisen. Die Mangelwirtschaft ist also auch das Ergebnis von Entkarbonisierung und Umbau zur klimaneutralen Wirtschaft.

Daraus aber zu schließen – und das tun nicht wenige – der Klimaschutz sei für die steigenden Energiepreise verantwortlich, ist falsch. Nicht der Klimaschutz, sondern der Klimawandel führt zu Problemen bei den Lieferketten. Holz ist deshalb teurer geworden, weil aufgrund von Schädlingsbefall und häufigeren Waldbränden weniger verfügbar ist. Wenn wir die Klimaziele einhalten wollen, ist eine gewisse „grüne Inflation“ durch einen höheren CO2-Preis unumgänglich, um Anreize zu setzen, klimaschädliches Verhalten von Menschen und Unternehmen zu ändern.

Viel Staatskunst in der Politik notwendig

Den Gürtel enger schnallen für einen effizienten Klimaschutz darf aber nicht einseitig zu Lasten von Geringverdienern und Einwohnern im ländlichen Raum gehen. Die neue Bundesregierung muss dafür sorgen, dass der finanziellen Belastung beim Heizen und Tanken eine Entlastung gegenübersteht. Mehr als die Hälfte des Strompreises entfallen auf Steuern und Abgaben, da sind Erleichterungen wie die Abschaffung der EEG-Umlage überfällig. Mehr profitieren würden Geringverdiener jedoch von einer stärkeren Senkung der Sozialabgaben, denn die werden ab dem ersten verdienten Euro fällig. Auch eine Anhebung des Hartz-IV-Satzes wäre denkbar.

Eine außer Kontrolle geratene Inflation ist unwahrscheinlich. Laut Prognosen werden die Energiepreise nächstes Jahr wieder sinken. Die Verbreitung von Impfstoffen und neue Covid-19-Therapien werden Störungen in den Lieferketten verringern. Doch der Preisdruck bleibt. Die Notenbanker müssen wachsam sein, dass die höheren Inflationsraten nicht in höhere Inflationserwartungen und Tarifabschlüsse münden. Und in der Politik kommt es auf viel Staatskunst an, all die erforderlichen Maßnahmen von der Sozialpolitik über die Investitionspolitik in klimafreundliche Technologien bis zur Handelspolitik klug zusammenzuführen.

Viele Wähler geben der Regierung die Schuld an leeren Regalen und Energiekrisen. Die Politiker werden versuchen, sich aus der Verantwortung zu stehlen, indem sie anfällige Lieferketten anprangern und nach Preiskontrollen rufen, die das Angebot nur noch weiter verknappen würden. Die Spannungen in der Wirtschaft könnten zur Ablehnung der Klimaschutzpolitik führen, mit verheerenden Folgen in der Zukunft. Das ist die wahre Gefahr für unseren Wohlstand, nicht die Inflation.