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Jedes Jahr mehr Pendler aus Polen und Tschechien

Sächsische Betriebe brauchen Tausende Grenzgänger. Da zeigen sich Unterschiede zwischen den beiden Nachbarstaaten.

Offene Grenzen seit 13. Juni: Auf der Görlitzer Altstadtbrücke beendeten zwei Oberbürgermeister die Corona-Schließung, rechts Octavian Ursu aus Görlitz, links aus Zgorzelec Rafal Gronicz. In den Kreis Görlitz pendeln rund 3.000 Polen zur Arbeit.
Offene Grenzen seit 13. Juni: Auf der Görlitzer Altstadtbrücke beendeten zwei Oberbürgermeister die Corona-Schließung, rechts Octavian Ursu aus Görlitz, links aus Zgorzelec Rafal Gronicz. In den Kreis Görlitz pendeln rund 3.000 Polen zur Arbeit. © Nikolai Schmidt

Dresden. Morgens über die Grenze, abends zurück nach Hause: Zum Kodersdorfer Sägewerk HS Timber Productions nahe der Autobahn 4 kommen bis zu 150 der rund 450 Mitarbeiter aus Polen. Ähnlich viele arbeiten in der Autofelgenfabrik des Unternehmens Borbet nebenan. Rund zwei Dutzend polnische Pendler sind im Klinikum Görlitz beschäftigt, gut ein Dutzend im Görlitzer St.-Carolus-Krankenhaus. 

Sachsens Wirtschaft und das Gesundheitswesen verlassen sich auf polnische und tschechische Pendler: Seit im Jahr 2011 volle Freizügigkeit für Arbeitnehmer aus den benachbarten EU-Staaten erlaubt wurde, ist die Zahl der Grenzpendler stetig gewachsen. Einen zusätzlichen Schub bekam der Pendlerverkehr, als Deutschland 2015 einen gesetzlichen Mindestlohn garantierte. Seitdem mussten mindestens 8,50 Euro pro Stunde auch an Ausländer bezahlt werden.

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Pendler aus Polen und Tschechien sind eine Stütze des deutschen Arbeitsmarktes, urteilt der Chemnitzer Forscher Uwe Sujata. Mit seinen Kolleginnen im Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hat er eine Studie darüber verfasst, die der Sächsischen Zeitung vorliegt. Das Papier zeigt die rasch gewachsene Bedeutung der Grenzpendler für sächsische Unternehmen in den vergangenen Jahren. 

Dresden für Pendler attraktiv

Mitte vorigen Jahres waren in Sachsen 19.789 Polen sozialversicherungspflichtig beschäftigt, davon 10.008 Pendler. Aus Tschechien pendelten 8.580 Menschen zur Arbeit nach Sachsen, das waren mehr als drei Viertel der insgesamt 11.129 Tschechen mit Beschäftigung im Freistaat. Hinzu kommen noch Selbstständige und Minijobber, doch über sie gibt die Statistik keine Auskunft.

Sujata zieht aus der raschen Zunahme der Arbeitsverträge den Schluss: „Sachsen ist attraktiv und bietet gute Bedingungen für ausländische Arbeitskräfte.“ Polen und Tschechen hätten zur positiven Entwicklung der sächsischen Wirtschaft beigetragen. Der Arbeitsmarktforscher stellte dabei deutliche Unterschiede zwischen den Beschäftigten aus den beiden Nachbarstaaten fest. Der auffälligste: Unter den polnischen Grenzpendlern sind nur etwa 20 Prozent Frauen, unter den tschechischen dagegen 37 Prozent Frauen.

© SZ Grafik/Gernot Grunwald

Ein Grund dafür liegt in unterschiedlichen Branchen: Bei den tschechischen Pendlern spielen Gastgewerbe und Gesundheitswesen eine größere Rolle als bei den polnischen. Allein im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge waren zur Zeit der Zählung Mitte vorigen Jahres 471 tschechische Pendler im Gastgewerbe beschäftigt. Die Nähe zum Wohnort macht es möglich. Dafür sind kaum Polen in diesem Landkreis beschäftigt. Umgekehrt spielen Tschechen eine geringe Rolle in der Wirtschaft der Oberlausitz.

Die Stadt Dresden ist für Pendler aus beiden Staaten attraktiv: 936 tschechische und 870 polnische Pendler wurden dort gezählt. Leipzig dagegen scheint für Tschechen schwer erreichbar: In der Messestadt waren gerade einmal 44 tschechische, aber 942 polnische Pendler beschäftigt.

Corona-Folgen nicht erfasst

Von den polnischen Pendlern in Sachsen ist laut Statistik jeder Dritte als Leiharbeiter beschäftigt. 23 Prozent arbeiten im Verkehr oder in Lagern, 22 Prozent sind im verarbeitenden Gewerbe angestellt und neun Prozent auf dem Bau. Bei den tschechischen Pendlern dagegen steht das verarbeitende Gewerbe mit 27 Prozent vorn, Verkehr und Bau spielen eine geringere Rolle. 

Bei der Auswertung ist Sujata aufgefallen, dass viele Pendler von den Arbeitgebern nur als Helfer bezahlt werden statt als Fachkräfte. Unter den tschechischen Pendlern hat der Anteil dieser sogenannten Helfer in den vergangenen Jahren noch deutlich zu- statt abgenommen. Der Forscher zieht daraus den Schluss, möglicherweise würden ausländische Abschlüsse nicht anerkannt, und mehr Weiterbildungen müssten angeboten werden.

Die Corona-Folgen für den Arbeitsmarkt sind in dieser Studie noch nicht erfasst. Als im Frühjahr die Grenzen geschlossen wurden, konnte für einen Teil der Pendler kein Kurzarbeitergeld beantragt werden, sodass manche Chefs ihnen kündigten. In der deutschen Arbeitslosenstatistik werden Ausländer, die im Ausland leben, nicht mitgezählt. Sachsens Landesregierung will „im Interesse unserer Wirtschaft und der Arbeitnehmerfreizügigkeit keine erneute Schließung der Grenze“.

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