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Keine Untergangsstimmung an Sachsens Elbhäfen

Der Verbund leidet unter Corona, Niedrigwasser, Strukturwandel. Ein Hoffnungsanker sind Trailerzüge. Die SZ sprach mit dem Chef Heiko Loroff.

© kairospress

Herr Loroff, Schiffsumschlag macht nur noch vier Prozent Ihres Geschäfts aus. Fühlen Sie sich noch als Hafenchef?

Man muss realistisch sein. Viele Container werden in Hamburg nicht mehr verladen, weil sie mit dem Zug in 14 Tagen in China sind. Auf dem Seeweg dauert es 36 Tage. Wenn Kunden akzeptieren, dass Schiffe von Riesa nach Hamburg drei Tage brauchen und lernen, dass das konkurrenzfähig ist, funktioniert es. Die wenigsten haben die Zeit, noch wollen sie mehr zahlen.

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In der Krise lag der öffentliche Fokus auf Bahn, Luftfahrt, Touristik, Handel. Aber wie geht Hafen in Corona-Zeiten?

Nichts ist mehr planbar – und der Zustand hält seit einem Jahr an. Wir hängen wie kaum eine Logistikbranche am internationalen Handel und müssen laut Gesetz und mit einem aufwendigen Hygienekonzept unsere Infrastruktur am Leben erhalten.

Das müssen Airports auch und erhalten von Bund und Ländern Hunderte Millionen Ausfallgeld. Brauchen Sie nichts, oder fehlt der Schifffahrt die Lobby?

Wir hätten das Geld gebraucht, haben uns aber bewusst nicht in die erste Reihe gestellt. Vielen Firmen geht es schlechter als uns. Außer Kurzarbeit haben wir keine Staatshilfe genutzt. Robustheit zeigt sich, wenn man ohne Hilfen überleben kann. Ich bin stolz auf meine 150 Mitarbeitenden. Die Häfen waren immer arbeitsfähig.

Fürchten Sie eine Pleitewelle mit Folgen für Sachsens Binnenhäfen?

Nein, wir schauen nicht nach Deutschland, sondern auf die generellen Frachtströme in der Welt. Nach China ziehen auch andere Volkswirtschaften wieder an. Wir müssen zwar noch Monate mit rückläufigen Mengen bei Schwergut, Containern und konventionellen Gütern leben, kompensieren das aber mit Trailern nach Nordeuropa.

Seit Januar transportieren Sie so per Bahn Sattelauflieger von Dresden zum Rostocker Überseehafen? Wie läufts?

Die Züge sind mit je 38 Lkw-Ladungen voll ausgelastet und verbinden in 16 Stunden Sachsen und Tschechien mit Skandinavien. Das ist auf der Straße nicht zu schaffen. Logistik-Dienstleister haben bereits Transporte in weitere Regionen angefragt.

Täglich geht ein 640 Meter langer Zug vom Dresdner zum Rotocker Hafen auf die Reise: 19 Waggons mit je zwei Sattelaufliegern. Sie transportieren unter anderem Autoteile, Papierrollen, Holz und Altpapier. Das Be- und Entladen dauert etwa fünf Stunden, die
Täglich geht ein 640 Meter langer Zug vom Dresdner zum Rotocker Hafen auf die Reise: 19 Waggons mit je zwei Sattelaufliegern. Sie transportieren unter anderem Autoteile, Papierrollen, Holz und Altpapier. Das Be- und Entladen dauert etwa fünf Stunden, die © kairospress

Was sind die größten Probleme in der Pandemie?

Der Containerhandel war weltweit zusammengebrochen, zog wieder an, und jetzt schwirren die Teile in Asien umher und fehlen in Europa. In Deutschland war der konventionelle Gütertransport fast zum Erliegen gekommen. Es wurde weniger Kohle, Mineralöl und Zuschlagstoffe transportiert. Chemie- und Autoindustrie haben runtergefahren. Das ist unser Metier, wir hängen am Wohl und Wehe der Industrie.

Und der Grenzverkehr mit Tschechien?

... war ein Riesenproblem, weil die Schiffsführer auf dem Weg nach Deutschland in Quarantäne mussten. Nach zwei Tagen hat sich alles normalisiert – wie bei einem Unfall. Es gibt kaum noch Einschränkungen.

Spediteure beschweren sich über Testvorschriften und dass es für Gütertransporte nicht wie 2020 Ausnahmen gibt?

Das Prozedere ist schwierig. Auch unsere Fahrer brauchen tägliche Tests. Wir haben das Glück, dass wir in Tschechien eine Firma mit Kontakten zu Testern haben, wo sie nach 15 Minuten weiterfahren können. Wer nicht vernetzt ist, hat ein Problem.

Diesen Vorteil könnten Sie verlieren. Immerhin soll der Freistaat laut Koalitionsvertrag prüfen, ob er noch Häfen außerhalb Sachsens betreiben soll.

Auf eine solche Entscheidung habe ich keinen Einfluss. Wenn es so sein soll, dann ist es so. Ich halte es aber für nicht richtig.

Warum?

Alle wichtigen Häfen in Europa schließen sich zusammen. Man kann nur gemeinsam und in einer bestimmten Größe überleben – auch wegen der teuren Infrastruktur.

Kritiker nennen Sachsens Häfen wegen der eingeschränkten Schiffbarkeit der Elbe ein Millionengrab.

Es wird immer kolportiert, dass Verluste der SBO durch Steuergelder kompensiert würden. Dabei ist es nur ein bilanzieller Verlust, es fließt kein Geld. Grund sind Abschreibungen auf die sehr teuren Anlagen.

Heiko Loroff (52) ist seit 2012 Chef der Sächsischen Binnenhäfen Oberelbe GmbH (SBO).
Heiko Loroff (52) ist seit 2012 Chef der Sächsischen Binnenhäfen Oberelbe GmbH (SBO). ©  André Wirsig

2018 sollte in Riesa ein neues Containerterminal starten. Ist das Vorhaben ein Opfer deutscher Bürokratie?

Die Bedingungen zur Planfeststellung haben sich drei, vier Mal geändert, und wir mussten nacharbeiten. Und Umweltschützer brüsten sich: Wir konnten das Terminal zwar nicht verhindern, haben es aber teurer gemacht. Der Bund steht zum Vorhaben und hat die 80-prozentige Förderung verlängert. Wir haben alles abgeliefert.

Was kostet das Vorhaben mittlerweile mehr?

Wir haben immer noch den Förderbescheid über 24 Millionen Euro. Daran hat sich nichts geändert. Wir wissen erst nach der Planfeststellung, ob es durch Auflagen teurer wird. Sonst gehe ich nicht davon aus, dass es viel teurer wird. Nur die Baupreise werden um drei Prozent zulegen.

Der Hafen in Riesa ist auf Container spezialisiert und sollte dafür ein neues Terminal bekommen. Doch das Millionen-Vorhaben zieht sich seit Jahren hin.
Der Hafen in Riesa ist auf Container spezialisiert und sollte dafür ein neues Terminal bekommen. Doch das Millionen-Vorhaben zieht sich seit Jahren hin. © kairospress

Wird noch in diesem Jahr gebaut?

Wir brauchen dringend moderne Logistikstrukturen und sollten schnellstmöglich beginnen. Man baut immer auf Zuwachs für die doppelte Kapazität. Hier ist viel Schwarzmalerei dabei. Wir reden anfangs von 50.000 Standardcontainern, die wir zu vernünftigen Kosten umschlagen können.

Die Riesaer fürchten noch mehr Laster.

Ich habe Verständnis für ihre Sorgen. Mehr Container bedeuten zwangsläufig mehr Lkw-Verkehr. Wir verlagern die Transporte von der Nord- auf die Südseite und entlasten so zumindest den Stadtteil Gröba.

Welche Vision haben Sie?

Der klassische Transport zum Seehafen wird sich verändern. Viele Häfen werden verbunden sein und Frachten austauschen, um per Bahn und Schiff effizienter zu sein. Wir können bei Containern auf jeden Fall auf zehn Prozent Schiffsanteil kommen.

Zehn Prozent – ganz ohne Elbausbau?

Ja. Das ist im Elbe-Gesamtkonzept auch so berücksichtigt – vorausgesetzt, Unterhalt und Fahrrinnentiefe werden unter Beachtung des Umweltschutzes gewährleistet.

Wie fällt Ihre Bilanz für das Coronajahr 2020 aus?

Die Konzernzahlen liegen noch nicht vor. Die drei sächsischen Häfen – Dresden, Riesa, Torgau – haben im konventionellen Gütertransport 17 Prozent verloren auf knapp 1,9 Millionen Tonnen. Das ist für das Corona-Jahr aber in Ordnung. Beim Umsatz stehen 19,2 Millionen Euro – ein Minus von fünf Prozent zum Rekordjahr 2019.

Die niedrige Elbe als Spielverderber?

Für konventionelle Güter brauchen wir 1,40 Meter Fahrrinnentiefe, Schwergut können wir noch bei 1,10 Meter fahren. Doch das war wegen des Einbruchs im Maschinenbau nicht so gefragt. Auf einigen Strecken hatten wir im Schnitt fast 100 Tage weniger als 1,40 Meter. Die Elbe war im Sommer fast vier Monate nicht befahrbar.

Immer wieder bringt das Niedrigwasser der Elbe den Güterverkehr zum Erliegen. Die Ausflugsdampfer der Weißen Flotte können hingegen auch bei geringer Tiefe unterwegs sein.
Immer wieder bringt das Niedrigwasser der Elbe den Güterverkehr zum Erliegen. Die Ausflugsdampfer der Weißen Flotte können hingegen auch bei geringer Tiefe unterwegs sein. © ZB

Droht, wenn der Schnee der letzten Monate schmilzt, jetzt das andere Extrem?

Wir erwarten kein Hochwasser und bis Mai guten Abfluss der Elbe. Der Winter war super, und das macht Hoffnung für ein gutes Frühjahr. Auch die Salzlager von K+S in Lovosice sind leer. Wir haben wieder erste Turbinen- und Schwergutanfragen im Dresdner Hafen. Es geht wieder los – hoffentlich ohne eine dritte Lockdownwelle.

Das Gespräch führte Michael Rothe.

Schrott und Schrot

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Auf das Rekordjahr folgt die Ernüchterung: Die Umschlagszahlen der SBO sind 2020 deutlich zurückgegangen - trotz besserer Schiffbarkeit der Elbe.

  • Die Elbe ist mit 1.094 km Länge (727 km in Deutschland) Nummer 14 unter Europas Flüssen. Um 1900 war sie dort noch am verkehrsreichsten.
  • Zur Gruppe der Sächsische Binnenhäfen GmbH gehören Häfen in Dresden, Riesa, Torgau (Sachsen), Roßlau (Sachsen-Anhalt), Mühlberg (Brandenburg), Decin, Lovosice (Tschechien).
  • Der Konzern gehört dem Freistaat.
  • Verschifft werden zum Beispiel Sojaschrot, Holz (Heidegesellschaft Trittau), Chemikalien (Wacker), Baustoffe (Lausitzer Granit), Stahl (Feralpi), Container (Kronospan), Getreide, Turbinen, Trafos (Siemens, VEM), Schrott.
  • Im Jahr 2019 hatten die drei sächsischen Häfen bei 20,2 Millionen Euro Umsatz einen Jahresfehlbetrag von 575.000 Euro ausgewiesen. (SZ/mr)
Der Dresdner Alberthafen wurde zwischen 1891 und 1895 erbaut. Auf dem Gelände sind knapp 50 mit etwa 650 Beschäftigten angesiedelt, darunter die Sächsische Binnenhäfen Oberelbe GmbH.
Der Dresdner Alberthafen wurde zwischen 1891 und 1895 erbaut. Auf dem Gelände sind knapp 50 mit etwa 650 Beschäftigten angesiedelt, darunter die Sächsische Binnenhäfen Oberelbe GmbH. © SBO

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