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Wie die Kohle-Milliarden verteilen?

Umweltschützer sammeln Ideen, wie die Lausitz nach der Kohle aussehen könnte. Fahrräder und Windräder stehen ganz oben auf der Liste.

Noch läuft das Braunkohlekraftwerk Schwarze Pumpe der Lausitz Energie Kraftwerke AG (LEAG). Doch seine Tage sind gezählt. Nur: Was soll danach kommen?
Noch läuft das Braunkohlekraftwerk Schwarze Pumpe der Lausitz Energie Kraftwerke AG (LEAG). Doch seine Tage sind gezählt. Nur: Was soll danach kommen? © Monika Skolimowska/dpa

Über 20 Milliarden Euro an staatlichen Geldern werden in den nächsten zwanzig Jahren in die Lausitz fließen, die Entschädigung für den Tagebaubetreiber Leag und das Anpassungsgeld für die Beschäftigten in der Kohlewirtschaft eingerechnet. Stefan Zundel, Professor für Energie- und Umweltökonomik an der Universität BTU Cottbus-Senftenberg, ist sich sicher: „So viel Geld wie die Lausitz wird keine andere Region in Deutschland mehr bekommen.“

Und dennoch sei in der Region am Verhandlungsergebnis zwischen den vier Kohleländern und der Bundesregierung zum Kohleausstieg und Strukturwandel herumgemäkelt worden. „Dass man so einen guten Erfolg in Berlin erzielt hat, ist längst nicht in allen Lausitzer Köpfen angekommen“, betont Zundel zum Auftakt der Strukturwandelkonferenz des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) am Montag.

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Ein brutaler Stoß ins berufliche Abseits

Der Landesverband Sachsen und der Bundesverband luden gemeinsam zum virtuellen Austausch ein, da die Umweltschützer den Eindruck haben, dass der Transformationsprozess im Freistaat doch noch recht klassisch angegangen wird – „man baut Straßen und Fabriken und dann wird das schon“, so David Greve, Geschäftsführer des BUND Sachsen.

Der Wandel sollte naturverträglich und nachhaltig verlaufen. Wie das genau aussehen kann, dies ist den Kohlegegner selbst noch nicht klar. Deshalb haben sie eine Ideenkonferenz einberufen, um gemeinsam mit Vertretern und Vertreterinnen aus Politik, Wissenschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft ihre Vorstellungen von der Zukunft der Lausitz zu entwickeln.

Dabei ist sich Hubert Weiger, ehemaliger Bundesvorsitzender des Verbandes und Initiator der Konferenz, durchaus bewusst, dass zuerst die dramatischen Erfahrungen vieler Menschen in der Lausitz nach 1990 aufgearbeitet werden müssten. „Was wir im Westen immer als Erfolg des Klimaschutzes verstanden haben, bedeutete für viele Menschen hier einen brutalen Stoß ins berufliche Abseits“, so Weiger. Innerhalb weniger Jahre wurde damals eine ganze Industrie bis auf einige wenige Tagebaue und Kraftwerke reduziert.

Mehr Jobs im Tourismus als in der Kohle

In vier Workshops wurden die Chancen für den Ausbau erneuerbarer Energien, Öko-Landwirtschaft, neuer Mobilitätskonzepte und Tourismus diskutiert. Angeregt wurde zum Beispiel, Projekte für Solar- und Windparks stärker in die Rekultivierungsplanungen für die Tagebaue integriert werden. Großes Potenzial für die Region sehen viele Teilnehmer in der Entwicklung des Naturschutztourismus wie die Besucherströme zur Beobachtung von Störchen und Kranichen zeigten.

Schon jetzt hätte der Tourismus mehr Arbeitsplätze geschaffen als in der Braunkohleindustrie sind, doch müssten Naturschutz und Kulturtourismus noch besser verzahnt werden. Auch sei eine Verbesserung der Verkehrsanbindung durch den Ausbau des Öffentlichen Nahverkehrs und von Fahrradstrecken notwendig wie auch eine stärkere nationale und internationale Vernetzung, um die Naturschönheiten der Lausitz noch bekannter zu machen.

Wie finden sie Gehör?

Die Mittel aus den Geldtöpfen für den Strukturwandel sollten auch dazu genutzt werden, neue Verkehrskonzepte für dünn besiedelte Gebiete auszuprobieren, die dann die Blaupause für die Mobilitätswende in anderen Regionen Deutschlands sein könnte. Doch zuerst müsste definiert werden, was eine Mobilitätswende in der Lausitz bedeuten kann, damit am Ende nicht nur der Verbrennungsmotor im Auto gegen einen Elektromotor ausgetauscht wird. Auch könnte die Lausitz ein Versuchslabor werden für den Aufbau einer nachhaltigen Landwirtschaft. Gefordert wurde, die Förderrichtlinien für den Strukturwandel auch für den Ökolandbau zu öffnen.

Ideen für die Lausitz gab es viele. Doch das große Problem ist, wie finden sie das Gehör der Verantwortlichen in den Staatskanzleien in Dresden und Potsdam oder im Bundeswirtschaftsministerium. „Es gibt keinen festgelegten Prozess für die breite Bürgerbeteiligung. Wir sind noch dabei, Ideen zu entwickeln“, gab denn auch Stephan Gößl zu, im Sächsischen Ministerium für Regionalentwicklung für die Revierkommunikation zuständig.

Viele junge Lausitzer sind heimatverbunden

Als vorbildhaft bezeichnete die Soziologin Julia Gabler vom Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung in Potsdam die Einbeziehung der Bevölkerung in Boxberg. Dort sei es gelungen, die Anliegen der Einwohner wirklich zur Agenda zu machen, deren Umsetzung jetzt von extra eingerichteten Bürgervereinen eigenverantwortlich verfolgt wird. Generell ist die Situation jedoch so, dass die Politik auf große Akteure setze wie Wissenschaftseinrichtungen und Großunternehmen, die sich ansiedeln sollen, die Interessen der Menschen vor Ort dagegen blass blieben.

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