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Wirtschaft

Kubaner hoffen auf die neue Währung

Der Inselstaat bereitet eine große Finanzreform vor, mit der Löhne und Renten steigen sollen.

Kubaner mit einem drei Peso Geldschein mit dem Portrait von Ernesto Che Guevara.
Kubaner mit einem drei Peso Geldschein mit dem Portrait von Ernesto Che Guevara. © www.imago-images.de

Havanna. „Ab Januar verdiene ich 3.620 Pesos. Bisher lag mein Grundgehalt bei 740 Pesos“, rechnet Iván Martínez zufrieden vor. Er arbeitet als Radiotechniker für einen staatlichen Sender in Havanna. Sein Freund Luis Marrero, Fassadenkletterer und Arbeiter auf eigene Rechnung, wie Kubas Kleinunternehmer genannt werden, hat von den Lohnerhöhungen im Rahmen der Währungsunion auf der Insel dagegen nichts. „Ich werde aber meine Preise entsprechend erhöhen“, sagt er. Die Reform begrüßt er: „Endlich hat die Ungewissheit ein Ende.“

Ende vergangener Woche hatte Kubas Präsident Miguel Díaz-Canel die seit 2013 mehrfach angekündigte Währungsreform zum Jahreswechsel bekannt gegeben. Dann wird der 1994 geschaffene konvertible Peso (CUC), der dem US-Dollar entspricht, aus dem Verkehr gezogen und der kubanische Peso (CUP) als einzige Währung im Umlauf belassen. Die Abschaffung des CUC wird einhergehen mit einer Lohn- und Preisreform und dem Abbau von Subventionen. Löhne, Renten und deren reale Kaufkraft sollen steigen. So gilt ab dem 1. Januar ein landesweiter Mindestlohn von 2.100 Pesos (rund 75 Euro) pro Monat. Der durchschnittliche Lohn im Staatssektor steigt von derzeit knapp 900 auf rund 3.000 Pesos (107 Euro). Grundschullehrer verdienen künftig knapp 4.000 (143 Euro), ein Arzt kommt auf 5.000 Pesos (179 Euro). Die Mindestrente wird von 280 auf 1.528 Pesos (55 Euro) angehoben. Das entspricht der Summe des Grundwarenkorbs, der von der Regierung als Existenzminimum angenommen wird. Die libreta, das monatliche Rationierungsheft, wird zunächst beibehalten, soll nach den Plänen der Regierung aber schrittweise abgeschafft werden. Viele bisher subventionierte Grundnahrungsmittel werden deutlich teurer.

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Das bereitet Eduardo Fabra, der als privater Tischler sein Geld verdient, einige Sorgen: „Die Löhne, aber auch die Preise werden steigen. Ich arbeite nicht für den Staat, ich werde also meine Preise anpassen.“ Fabra sieht schwierige Zeiten auf sich und seine vierköpfige Familie zukommen. Auch Martínez ist skeptisch. „Die Regierung sagt, dass man am Ende mehr Geld in der Tasche haben wird. Das ist gelogen. Wir werden weiterhin von Tag zu Tag über die Runden kommen müssen.“ Er befürchtet, dass der Mehrverdienst von den Preiserhöhungen aufgefressen wird.

„Das Inflationsrisiko ist einer der schlimmsten Feinde der Währungsreform“, sagt der kubanische Ökonom Ricardo Torres Pérez vom Studienzentrum der kubanischen Wirtschaft (CEEC) an der Universität von Havanna. Tatsächlich gebe es bereits einen starken Preisauftrieb, nicht zuletzt wegen der angespannten Versorgungslage. „Es ist unwahrscheinlich, dass das Warenangebot kurzfristig durch eine erhöhte Produktion im Inland oder mehr Importe zunimmt.“ Auch Präsident Díaz-Canel warnte, dass die Inflation durch das „aktuelle Angebotsdefizit“ höher ausfallen könnte als gedacht. Zugleich aber drohte er mit „schweren Strafen“ gegen Preisspekulation. „Leider scheint sich der Diskurs dahingehend zu verschieben, den privaten Sektor und die ,Spekulanten‘ zu beschuldigen, ohne die Ursachen für die Inflation infrage zu stellen“, sagt Torres. „Das ist eine riskante und unehrliche Strategie.“

Reform löst Probleme nicht

Große Auswirkungen wird die Währungsumstellung auf den Staatssektor haben. Künftig gilt auch für staatliche Unternehmen ein einheitlicher Wechselkurs zum US-Dollar von 24:1. Faktisch bedeutet dies eine Abwertung des Peso für Staatsbetriebe. Bisher operierten die zum Teil mit einem Kurs von 1:1. Das parallele Währungssystem verschleierte die wirklichen Produktionskosten, verbilligte Importe künstlich und ließ Exporte unwirtschaftlich erscheinen. Das soll sich ändern. Die Regierung kündigte an, staatliche Unternehmen, die aufgrund der Währungsreform Verluste erleiden, ein Jahr lang zu subventionieren, um den Abbau von Arbeitsplätzen zu vermeiden und die Produktion von Grundgütern sicherzustellen. „Das Ziel, die relativen Preise zu ändern und die Exporte anzukurbeln, ist richtig“, bescheinigt Torres. „Nach vielen Jahrzehnten der Lethargie ist es jedoch unrealistisch zu glauben, dass Unternehmen schnell reagieren können oder dass die beabsichtigte Umstrukturierung ohne Kosten erfolgen wird.“ Der angekündigte Zeitraum von einem Jahr reiche bei Weitem nicht aus. Aus seiner Sicht sind eine schnellere Flexibilisierung des Privatsektors und die Zulassung kleiner und mittlerer Unternehmen vonnöten, „um das Angebot anzukurbeln“.

Die Reform sei „keine magische Lösung für sämtliche Probleme unserer Wirtschaft“, so Díaz-Canel, sie bilde jedoch die Voraussetzung für den angestrebten Umbau des Wirtschaftsmodells. In den vergangenen Monaten hatte die Regierung auf die schwere Zahlungs- und Versorgungskrise durch den coronabedingten Einbruch des Tourismus und verschärfte US-Sanktionen mit einer Reihe von Wirtschaftsreformen reagiert, darunter mehr Autonomie für Staatsbetriebe und Neuerungen in der Landwirtschaftspolitik. Um dringend benötigte Devisen einzunehmen, eröffnete die Regierung vor einem Jahr zudem staatliche Devisenläden, in denen Haushaltsgeräte und Autoteile und seit Juni auch Lebensmittel und Hygieneartikel per Kartenzahlung in ausländischen Währungen gekauft werden können.

Seit der Teil-Dollarisierung des Einzelhandels ist der Peso gegenüber dem US-Dollar stark abgewertet worden. Auf dem Schwarzmarkt muss man mittlerweile 36 CUP und mehr für einen US-Dollar zahlen. Mit Blick darauf sagt Torres: „Der angekündigte Wechselkurs von 1:24 korrigiert die Überbewertung des kubanischen Peso in gewissem Maße, beseitigt sie aber nicht.“ Er erwartet weitere Abwertungen in der Zukunft. Die nächsten Monate werden hart werden, glaubt Fabra. Trotzdem unterstützt er den Kurs: „Es wurde Zeit, dass die Währungsumstellung kommt. Wenn es das Beste für das Land ist, bin ich dafür.“ Ähnlich äußert sich Martínez. Wichtig sei, dass der Tourismus bald wieder anlaufe.

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