merken
PLUS Wirtschaft

Kunden müssen länger auf neue Möbel warten

Viele Menschen möchten sich neu einrichten, doch so schnell geht das nicht. Holz ist knapp, die Lieferzeiten verlängern sich. Auch bei Ikea gibt es Lücken.

Warten auf die neuen Möbel: Kunden müssen mit längeren Lieferzeiten rechnen.
Warten auf die neuen Möbel: Kunden müssen mit längeren Lieferzeiten rechnen. ©  Pixabay (Symbolfoto)

Von Heike Jahberg

Denys Nagel ist zufrieden. Die Geschäfte laufen gut. „Wir haben tierisch viel zu tun“, erzählt der Berliner Unternehmer. Nagel ist Chef von „Holzconnection“. Seit nunmehr 36 Jahren stellt der Familienbetrieb hochwertige, handgefertigte Massivholzmöbel her. Qualität und Individualität haben ihren Preis: Zwischen 1000 und 3000 Euro muss man etwa für eine Kommode ausgeben.

Doch immer mehr Menschen sind dazu bereit. „Deutschlands größte Tischlerei“, wie Nagel sein Unternehmen nennt, hat im vergangenen Jahr den Umsatz um 40 Prozent auf 15 Millionen Euro gesteigert, in diesem Jahr sieht es genauso aus.

Anzeige
Sächsische Staatskapelle erklingt wieder
Sächsische Staatskapelle erklingt wieder

Mit Symphonie-, Sonder- und Kammerkonzerten spielt die Sächsische Staatskapelle wieder mit Publikum in Dresden bis Saisonende.

Doch statt Möbel zu entwerfen, ist Nagel seit einiger Zeit immer häufiger damit beschäftigt, das nötige Material, vor allem Holz, aufzutreiben. Fällt einer der Hauptlieferanten aus, wird es stressig, Ersatz zu finden. „Wir bekommen Stoff, aber wir haben mehr Aufwand, und die Kosten steigen“, sagt Nagel. Das kann zu längeren Lieferzeiten führen. Zwei bis drei Wochen Geduld müssten die Kunden dann schon mal aufbringen.

Auch bei Ikea gibt es Lieferengpässe

Mit dem Problem steht Nagel nicht allein da. Auch Ikea, Deutschlands größter Möbelhändler, berichtet von Lieferengpässen. Besonders stark nachgefragte Stücke seien in zahlreichen Häusern „nicht oder nur in geringen Stückzahlen verfügbar“, heißt es auf Anfrage. Die hohe Nachfrage nach Möbeln, limitierte Kapazitäten der Hersteller, gepaart mit Problemen in der Transportbranche, führen dazu, dass sich nicht jeder Wunsch, schöner wohnen zu wollen, auch sofort erfüllen lässt.

Nie war der Wille der Menschen, ihr Zuhause umzugestalten, größer als in der Pandemie. Um sich fürs Homeoffice zu rüsten, haben viele Berufstätige in Möbel investiert, die ein Arbeiten zu Hause ermöglichen – Regale mit einklappbarem Schreibtisch, Trennwände oder Aufbewahrungsmöglichkeiten. Auch Küchen waren und sind angesichts geschlossener Kantinen und Restaurants Bestseller. Doch auch ein neues Schlafzimmer oder ein hübsches Sofa zum Entspannen nach der Heimarbeit sind begehrt.

Nicht alles da: Auch bei Ikea gibt es Probleme.
Nicht alles da: Auch bei Ikea gibt es Probleme. © Jürgen Lösel (Archiv)

Und obwohl viele schon gehandelt haben, gibt es noch Nachholbedarf. Rund 147 Milliarden Euro haben die Bundesbürger nach Schätzungen des Instituts der deutschen Wirtschaft im vergangenen Jahr weniger für den Konsum ausgegeben, Geld, das sie in neue Möbel stecken können, wenn die Möbelhäuser wieder überall aufmachen dürfen.

Die Möbelhersteller kommen nicht hinterher

Doch die Möbelhersteller haben noch damit zu tun, die letzte Auftragswelle zu verkraften. Nach dem Ende des Lockdowns im vergangenen Jahr haben viele Kunden die Gunst der Stunde genutzt und renoviert. Trotz wochenlang geschlossener Möbelhäuser hat die Industrie 2020 fast so viel Umsatz gemacht wie im Vorjahr.

Doch nun wird es schwierig, denn das Material wird knapp. Holzlieferanten, Polsterhersteller, Schrauben- oder Scharnierverkäufer haben ihre Lager leer geräumt. Für die Möbelproduzenten, die just in time arbeiten und keine eigene Lagerhaltung betreiben, wird das jetzt zum Problem: „Es gibt keine Puffer mehr, um eine steigende Nachfrage bedienen zu können“, warnt Jan Kurth, Geschäftsführer des Verbands der Deutschen Möbelindustrie. Auch Kurth stimmt die Kunden auf längere Lieferzeiten ein. „Das können zwei bis drei Wochen sein, in Einzelfällen aber auch längere Zeiträume“, sagte Kurth dem Tagesspiegel. Dass sich das ändert, sei im Moment nicht absehbar. Im Gegenteil: „Wenn wieder alle Möbelläden öffnen, dürfte der Druck noch steigen“, befürchtet er.

Vor allem Holz fehlt. In einer Verbandsumfrage klagen zwei Drittel der Produktionsbetriebe über Engpässe bei der Versorgung von Holzwerkstoffen. „Zulieferungen werden gekürzt, verschoben oder fallen ganz aus“, berichtet Kurth. Das treibt auch die Preise in die Höhe: Binnen Jahresfrist habe sich Holz um 30 Prozent verteuert, aber auch Metalle und Polstermaterialien seien für die Möbelindustrie deutlich teurer geworden, sagt Kurth.

Der deutsche Sofakäufer ist Spielball globaler Wirtschaftsströme

Die deutschen Sofakäufer werden zum Spielball globaler Wirtschaftsströme. Weil sich in den USA und China die Wirtschaft erholt und auch der Hausbau anzieht, kaufen die großen Wirtschaftsmächte Rohstoffe in großem Stil ein. China steht dabei schon seit längerem auf der Kundenliste deutscher Holzlieferanten. Das Reich der Mitte hat bereits vor einiger Zeit käfergeschädigtes Schadholz aus deutschen Wäldern abgenommen, als es hierzulande noch zu Billigstpreisen verschleudert wurde. Die USA shoppen in Europa, weil ihr einstiger Hauptlieferant Kanada mit Strafzöllen belegt ist. Deutschland ist in der EU der größte Holzproduzent.

Obwohl die deutsche Säge- und Holzindustrie ihre Produktion gesteigert hat, fehlt Holz. Denn nicht nur in den USA und in China, auch hierzulande wächst der Bedarf. Das betrifft nicht nur Indoor-Möbel oder die Sitzgruppe auf der Terrasse. Holz spielt auch beim Hausbau eine immer größere Rolle. Weil das Material als umwelt- und klimafreundlich gilt, entstehen immer mehr Häuser aus Holz. Der Staat unterstützt das Bauen mit Holz mit einigen Programmen auch finanziell.

Doch nun kommt so manches Projekt ins Stocken. Der Bundesverband Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen warnt vor einem kompletten Stillstand auf den Baustellen. In einer aktuellen Mitgliedsumfrage beschweren sich 90 Prozent der Bauträger und Projektentwickler über „signifikante Engpässe bei Holz, Dämmmaterial und Stahl“.

Auch Handwerker und Do-it-yourself-Bastler müssen sich auf schwerere Zeiten einstellen. Wegen des sehr volatilen Rohstoffmarkts warnt die Heimwerkerkette Bauhaus vor einer „hochdynamischen Preisentwicklung und längeren Lieferzeiten“. Gegenwärtig könnten die langjährigen und guten Lieferbeziehungen diese Schwankungen noch ausgleichen, sagte ein Bauhaus-Sprecher dem Tagesspiegel. Bleibe der Rohstoffmarkt aber so sprunghaft, könne es vereinzelt zu Preissteigerungen kommen.

Waldbesitzer: Im Wald ist genug Holz

Glaubt man den Waldbesitzern, müsste es eigentlich gar keinen Mangel geben. „Im Wald ist genug Holz“, sagt Georg Schirmbeck, Präsident des Deutschen Forstwirtschaftsrats, in dem private und öffentliche Waldbesitzer, Wissenschaftler, Ministerien, Bauern, Baumschulen und die Gewerkschaft IG Bau vertreten sind. Wer Holz wolle, könne jede Menge bekommen, aber dazu müsse der Preis stimmen. Und das, sagt der langjährige CDU-Bundestagsabgeordnete, sei nicht der Fall.

Im vergangenen November habe der Kubikmeter Holz im Hamburger Freihafen noch 280 Euro gekostet, „jetzt sind es 600 Euro“, rechnet Schirmbeck vor. Doch die Waldbesitzer würden immer noch mit Niedrigstpreisen abgespeist. 70 Euro bekomme ein Waldbesitzer in der Lüneburger Heide für einen Festmeter Fichte, ein Festmeter entspricht etwa einem Kubikmeter. Im Teutoburger Wald seien es 75 Euro.

Schirmbeck weiß das aus eigener Erfahrung. Er hat selbst zehn Hektar Wald in Ostwestfalen, das ist etwas kleiner als die Betriebsfläche der Domäne Dahlem. Verdient hat er mit seinen Bäumen nichts, sagt er – trotz der staatlichen Hilfen, die es im vergangenen Jahr nach der Dürre und der Käferplage gab. „Ich habe genauso viel Geld bekommen wie die Räumung gekostet hat“, erzählt Schirmbeck. „Alles, was ich danach gepflanzt habe, ist vertrocknet“.

"Wir könnten sofort sägen"

„Wir könnten sofort sägen“, sagt der Verbandschef, „aber nicht um jeden Preis“. Schirmbeck will einen „fairen Anteil“ an den Preissteigerungen, die die großen Sägeunternehmen und Holzlieferanten derzeit erzielen. Das Problem: Viele Waldbesitzer, vor allem die kleinen, stehen mit dem Rücken zur Wand und verkaufen, obwohl die Preise niedrig sind. „Die Einkäufer haben leichtes Spiel“, kritisiert Schirmbeck.

Hinzu kommen aber auch staatliche Einschränkungen. Damit sich Deutschlands Wälder von der Borkenkäferplage, der Trockenheit und den Stürmen erholen kann, schreibt eine Bundesverordnung vor, dass – gemessen an der Erntemenge der Jahre 2013 bis 2017 – nur 85 Prozent des Fichtenholzes geschlagen werden darf. Während das Bundeslandwirtschaftsministerium die Regelung verteidigt, kommt jetzt aus Bayern Protest. Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) will zumindest für kleinere Waldbesitzer, die maximal 50 Hektar haben, die Vorschrift aussetzen.

Weiterführende Artikel

Baumaterial wird knapp - und immer teurer

Baumaterial wird knapp - und immer teurer

Firmen hamstern, und mancher erinnert sich an DDR-Zeiten. Schuld sind der kanadische Latschenkäfer, Trump, die Chinesen - und ein festgefahrenes Schiff.

Weil Holz fehlt, könnten Gebäude nicht rechtzeitig fertiggestellt werden, gibt Aiwanger zu bedenken. Und selbst der Nachschub an Pizzaschachteln sei gefährdet: „Das für die Herstellung von Papier und Pappkarton ebenfalls stark nachgefragte Papierholz aus jungen Fichtenbeständen, die zur Gesunderhaltung der Bestände dringend durchforstet werden müssen, darf ebenfalls kaum mehr geerntet werden“, ärgert sich der Minister.

Mehr zum Thema Wirtschaft