SZ + Löbau
Merken

Darum hinkt der Kreis Görlitz beim Biolandbau hinterher

Der Freistaat lenkt den Scheinwerfer auf ökologische Landwirtschaft - aber kommt das an? Ein Blick auf Erwartungen, Hürden vor Ort und den Trend im Kreis Görlitz.

Von Anja Beutler
 6 Min.
Teilen
Folgen
Reinhard Mosig baut seinen Hof in Ottenhain aktuell auf Bio um. Dabei hat er einige Hürden zu überwinden.
Reinhard Mosig baut seinen Hof in Ottenhain aktuell auf Bio um. Dabei hat er einige Hürden zu überwinden. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Reinhard Mosig hat als Landwirt vieles ausprobiert: 1991 ist er mit Treuhandland gestartet. Er bestellte Felder, hielt Kühe und baute zwischen Löbau und Laucha einen Schweinestall. "Der war keine Erfolgsgeschichte", sagt er heute. Vor drei Jahren hat er sich von Stall und den Tieren getrennt. Mit dem Geld finanziert sich der 55-Jährige jetzt seinen ökologischen Neustart: ein kleiner Hof und Flächen in Kottmars Ortsteil Ottenhain. Aber warum eigentlich ausgerechnet Bio?

Reinhard Mosig hat sich schon immer dafür interessiert, Dinge anders zu machen, sagt er. Nicht immer glückten seine Versuche. Aber bei der Umstellung auf Bio ist er optimistisch, "weil mich diese Idee schon seit meinem Studium vor 30 Jahren beschäftigt." Außer seinen etwa 100 Mutterschafen samt Nachzucht, die er gewissermaßen auch als "Mitarbeiter" für das Grünland hält und nicht nur zum Schlachten, will er sich vor allem auf den Ackerbau konzentrieren. Seit April 2020 stellt er seine Produktion um, zwei Jahre wird das dauern. Mosig beschäftigt sich deshalb intensiv mit einer umfangreichen Fruchtfolge für seine Flächen, baut Getreide, Hirse, Körnermais, Ölfrüchte und Grünfutter sowie Lupinen an und befasst sich mit der Frage, wie er ausreichend Nährstoffe in seinen Boden bekommen kann.

Bio-Bauern sind weit ab vom Markt

Die Hürden, die Mosig und alle anderen Bio-Landwirte zu nehmen haben, sind vielfältig - zum Teil aber sehr typisch für die Region. Denn, dass im Landkreis Görlitz der Biolandbau nicht übermäßig boomt, bestätigen auch das Landwirtschaftsministerium in Dresden sowie Bio-Landwirtschaftsverbände wie Gäa oder Bioland. Uwe Becherer, der als Berater für Umstellungen bei Bioland tätig ist und selbst in Ostsachsen einen Hof hat, nennt dafür zwei wesentliche Gründe: Die große Entfernung zu guten Bio-Märkten durch die Grenzlage und die nicht gerade nahe gelegenen Großstädte sowie den Mangel an Betrieben vor Ort, die Bio-Produkte gleich weiterverarbeiten - also Mühlen, Schlachtereien oder Molkereien.

Ein Problem, das niemand leugnet. Wer aber soll es regeln? Der umstellungswillige Landwirt selbst? Die Politik? Eric Krems, Geschäftsführer des Oberlausitzer Bauernverbandes, ist sich sicher, dass genau diese Dinge viele vom Umstellen abhalten. Denn als Unternehmer ginge man nicht nur mit der Umstellung an sich ein finanzielles Risiko ein. Man müsste auch noch in die nötige Infrastruktur selbst investieren: "Wenn ich Bio-Weizen ernten würde, müsste ich ihn entweder sofort komplett verkaufen oder mir ein eigenes Lager bauen. Denn die Baywa, zu der viele Landwirte ihre Ernten bringen und dann nach und nach abverkaufen, kann Bioware hier gar nicht lagern", skizziert er. Dafür braucht es zertifizierte, von konventionell erzeugter Ware getrennte Lagerräume.

Bio-Bauern fehlen Lagermöglichkeiten

Reinhard Mosig hat das auf dem Schirm. Seine Ernte müsste er zum Teil bis Leipzig zum Lagern bringen. Das will er vermeiden: "Ich bin da auf das Entgegenkommen anderer Kollegen hier in der Gegend angewiesen, werde mir aber künftig selbst eine Lösung schaffen", sagt er. Dafür hat er die ehemalige Bullenmastanlage in Glossen gekauft. Hier will er - mit Fördermitteln - in den kommenden Jahren eine Lager- und Aufbereitungsstätte einrichten, die auch Platz für andere Bio-Landwirte lässt.

Mühlen oder Molkereien aber kann sich auch Mosig nicht herbeizaubern. Liegt hier der Ball bei der Politik? Dass Bio-Verarbeitungsunternehmen im Landkreis Görlitz - wie auch in anderen Kreisen - "bislang leider nicht stark vertreten sind", weiß man im Umweltministerium, sagt Pressesprecher Robert Schimke. Das Instrument der Wahl sind in dem Fall Förderprogramme. Viele von ihnen sind bereits fünf, sechs Jahre alt. Neue Impulse gehen von ihnen für die Landwirte im Kreis Görlitz selten aus, zeigt die SZ-Recherche.

Ministerium: Nicht Ziel, dass alle Bio machen

Mit Elan versucht der Umweltminister Wolfram Günther von den Grünen, diese Programme zu erweitern und dabei genau die Problemfelder abzuarbeiten: zu wenige und zu teuer einzurichtende Schlachtstätten, zu lange Transportwege zum Verbraucher statt regionale Vermarktung. Doch diese Dinge voranzubringen, dauert. Dabei gehe es nicht nur, aber auch um Bio-Betriebe, betont der Pressesprecher. Das Ziel, alle Betriebe in Sachsen auf Bio umzurüsten, bestehe ohnehin nicht. Vielmehr solle zunehmend marktgerecht ökologisch gewirtschaftet werden und vor allem "eine Transformation in Richtung regionaler Wertschöpfungsketten" angestrebt werden, heißt es.

Beim Thema mehr Regionalität trifft das Ministerium auf viele offene Ohren. Auch auf Bereitschaft der größeren Unternehmen im Südkreis, die bislang aus Risikogründen eine Umstellung noch nicht in Erwägung ziehen. Hagen Hartmann, Geschäftsführer der Miku Agrarprodukte GmbH in Oberseifersdorf, ist sich sicher: "Bio kommt über kurz oder lang automatisch, denn die Bestimmungen, die wir einhalten müssen, gehen immer mehr in die Richtung. Wir machen ja jetzt schon so etwas wie bio-light", findet der Mann, der einem konventionell wirtschaftenden Betrieb vorsteht. Dem würden zwar Bio-Bauern heftig widersprechen. Dennoch hat sich in den vergangenen Jahren vieles verändert.

Zaghafte Annäherung an Bio

Dass sich auch konventionell arbeitende Betriebe zunehmend mit dem Thema Bio beschäftigen, beobachtet Reinhard Mosig immer wieder bei Seminaren. Man kennt sich schließlich. Auch Robert Otto, Vorstand der Agrargenossenschaft Eibau, interessiert sich für diese Themen, selbst wenn er sich nicht vorstellen kann "schwuppdiwupp auf Bio umzustellen". An einem vom Freistaat geförderten Projekt, bei dem regionale und Bio-Aspekte eine Rolle spielten, habe man sich aber als Unternehmen mit beteiligt - sei nur leider nicht zum Zuge gekommen.

Der Bio-Zug rollt im Kreis Görlitz langsam vorwärts. Da dem Landwirtschaftsministerium keine konkreten Zahlen zu den Betrieben im Kreis vorliegen, skizziert Sprecher Schimke die Bio-Entwicklung mit der Zahl von ökologisch wirtschaftenden Betrieben, an die Förderungen ausgezahlt wurden: Waren es im Antragsjahr 2019 50 Betriebe mit 3.066 Hektar Land, förderte der Staat ein Jahr später 59 Betriebe mit 3.608 Hektar. Die Daten zeigen bereits: Vor allem kleinere oder auch Familienunternehmen wagen den Schritt. So wie Tobias und Eva-Maria Herkner, die seit März dieses Jahres ihren Hof in Ebersdorf bei Löbau als anerkannten Bio-Betrieb führen können. Sie haben die Umstellungsphase schon hinter sich, in der Landwirt Mosig gerade steckt.