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Düngen Bauern im Kreis Bautzen zu viel?

Sachsen hat große Teile des Landkreises Bautzen als nitratbelastet eingestuft. Das hat Folgen für die Bauern, doch die wehren sich.

Kerstin Rolle, Prokuristin der Lausitzer Hügelland Agrar AG, steht in einem Gersteschlag bei Gersdorf. Felder des Unternehmens wurden als nitratbelastet eingestuft.
Kerstin Rolle, Prokuristin der Lausitzer Hügelland Agrar AG, steht in einem Gersteschlag bei Gersdorf. Felder des Unternehmens wurden als nitratbelastet eingestuft. © Matthias Schumann

Bautzen. Die Getreideernte steht vor der Tür. Kerstin Rolle bemüht sich am Rande eines Gerstenfelds bei Kamenz zu lächeln, doch eigentlich ist der Prokuristin der Lausitzer Hügelland Agrar AG nicht nach Lachen zumute. "Eine Produktion von Qualitätsgetreide ist kaum noch möglich", erklärt Kerstin Rolles Chef Marco Habendorf. Und nennt den Grund: "die vorgeschriebene Unterernährung der Pflanzen mit Nährstoffen".

Aber woher rührt diese Unterernährung - und wer hat sie vorgeschrieben? Das Schlüsselwort für die Antwort auf diese Frage heißt Nitrat. Das kommt ganz normal im Erdboden vor und ist für die meisten Pflanzen ein wichtiger Nährstoff.

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Landwirte müssen das Düngen einschränken

Um mehr ernten zu können, düngen Bauern ihre Felder. Kommt mehr Dünger, als die Pflanzen und der Boden verarbeiten und speichern können, landet Nitrat irgendwann im Grundwasser. Kommt aus dem Wasserhahn zu nitrathaltiges Wasser, kann das gesundheitsschädlich wirken, besonders für Säuglinge und kleine Kinder.

Diese Gefahr sieht das Sächsische Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie für Teile des Freistaates. Deshalb gilt seit Anfang dieses Jahres eine geänderte Düngeverordnung, die aufschlüsselt, wer seine Felder mit wieviel zusätzlichen Nährstoffen impfen darf. Wo das Landesamt zu viel Nitrat im Boden sieht, dürfen Landwirte nur noch vier Fünftel der bisherigen Menge düngen.

Besonders betroffen sind die Landkreise Meißen, Mittel- und Nordsachsen. Aber auch Teile des Landkreises Bautzen, vor allem nordöstlich der Kreisstadt und südöstlich von Kamenz - wo sich die Felder der Lausitzer Hügelland Agrar AG befinden. Für deren Vorstand Marco Habendorf "ist es nicht nachvollziehbar, woher die zu hohen Nitratwerte stammen". Der Betrieb habe einen eigenen Sensor, der den aktuellen Dünger-Bedarf der Pflanze misst - "damit sie nur so viel bekommt, wie sie wirklich benötigt und aufnehmen kann".

Vermutung: Nitrat-Messstellen arbeiten mangelhaft

Zu viel Nitrat im Boden könne viele Ursachen haben, sagt Habendorf - zum Beispiel ehemalige Mülldeponien in der Nähe. Auch könne die Nitrat-Messstelle fehlerhaft sein. "Es ist ein Irrglaube, dass die Landwirtschaft allein für den Nitratgehalt verantwortlich ist", ärgert sich der Landwirt. "Eine Ursachenforschung wurde hier nie betrieben. Es ist leichter, uns die Schuld zu geben."

Im gleichen Tenor äußert sich Thomas Pätzold, Vorstand der Agrargenossenschaft Sohland, die im Süden des Landkreises etwa 1.200 Hektar bewirtschaftet. Rund ein Sechstel davon gelten seit dem jüngsten Jahreswechsel plötzlich als sogenanntes Rotes Gebiet, also nitratbelastet. "Bei der Einstufung ist für mich absolut keine Systematik nachvollziehbar", sagt Thomas Pätzold und nennt ein Beispiel: Zwei annähernd gleich große Schläge Ackerland sind nur durch eine kleine Straße getrennt - aber ein Schlag befindet sich jetzt im Roten Gebiet, der andere nicht.

Zum Bestand der Sohlander gehören auch etwa 850 Rinder. Deren Gülle dient als natürlicher Dünger auf Feldern und Wiesen. "Durch die Einstufung in Rote Gebiete ist diese Düngemöglichkeit massiv eingeschränkt", erregt sich Landwirt Pätzold. "Es sind Mindererträge vorprogrammiert."

Dagegen wehrt sich die Agrargenossenschaft, indem sie sich an einer Sammelklage beteiligt. Diese strengen der Sächsische Landesbauernverband sowie mehrere Vereine gemeinsam an. Bisher haben sich etwa 200 Betriebe aus dem ganzen Freistaat dem Klageverfahren angeschlossen, sagt Manfred Uhlemann, Hauptgeschäftsführer des Landesbauernverbandes.

Auch der Verband zweifelt an der Zuverlässigkeit der Grundwasser-Messstellen und gab deshalb schon 2019 ein eigenes Gutachten in Auftrag. Der Gutachter untersuchte 173 Messstellen und bewertete allein 127 von ihnen als ungeeignet. Landesbauernpräsident Torsten Krawczyk appellierte schon damals an die Politik, die Mängel an den Messstellen schrittweise zu beheben.

Umweltbund fordert viel weniger Tierhaltung

Pressesprecherin Karin Bernhardt vom Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie erklärt, wie die Roten Gebiete ermittelt wurden: "Die punktuell im Grundwasser gemessenen Nitratwerte wurden mithilfe eines mathematischen Verfahrens in die Fläche übertragen." Das Amt teilte die Flächen dann in sogenannte Feldblöcke ein - und einige davon gelten jetzt als besonders nitratbelastet. Wer dort trotzdem mehr als erlaubt düngt, müsse mit einer Kürzung der Agrarzahlungen und Verwarn- oder Bußgeldbescheiden rechnen.

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Für den Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) indes steht fest: "Das Nitrat in unserem Grundwasser stammt größtenteils aus der Landwirtschaft, und zwar aus der Gülle, die zum Düngen auf den Feldern ausgebracht wird." Der sächsische BUND-Landesvorsitzende Felix Eckardt fordert: "Die Gegenstrategie gegen die Nitratbelastung ist die gleiche wie gegen den Klimawandel: null fossile Brennstoffe und eine stark reduzierte Tierhaltung. Wenn die EU-Kommission am 20. Juli ihre neuen Vorschläge für eine ambitioniertere Klimapolitik vorstellt, geht es genau um diese Dinge."

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