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Der Gut-Macher von Pesterwitz

Schon als Kind wollte er Bauer werden. Heute führt Lars Folde einen der wichtigsten Direktvermarkter der Region.

Lars Folde in seinem Weinberg. Als junger Spund hat er die Anlage noch zu DDR-Zeiten mit aufgebaut. Heute erntet er als Chef von Gut Pesterwitz die Früchte.
Lars Folde in seinem Weinberg. Als junger Spund hat er die Anlage noch zu DDR-Zeiten mit aufgebaut. Heute erntet er als Chef von Gut Pesterwitz die Früchte. © Daniel Schäfer

Wenn man die Kinder fragt, wo die Erdbeeren wachsen, und die sagen, im Kaufland, dann ist es Zeit für einen Ausflug zum Gut Pesterwitz. So jedenfalls erklären die Erzieherinnen der Kita Pusteblume, wieso sie heute hier sind, auf dem Erdbeerfeld am Pesterwitzer Kreisel. Allemal eine prima Idee, wie die rot verschmierten Schnuten der Stöpsel beweisen. Die Frauen beratschlagen, was aus dem Rest der Ernte wird. Favorit: Kuchen.

Lars Folde macht es Spaß, der Szene auf seinem Acker zuzuschauen. Das bisschen Mundraub nimmt er gerne hin, wenn nur die Kinder dadurch mitkriegen, wo ihr Essen herkommt, und wann es reif ist. Das Gespür dafür ist nicht mehr selbstverständlich, auch nicht bei den Großen. Die Natur, sagt Folde, hat ihre Abläufe, die man nicht ignorieren sollte. "Man muss sie begreifen und nutzen."

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Die Offenbarung beim Onkel

Lars Folde hat die Abläufe sehr früh begriffen. Als Schuljunge verbrachte er die großen Ferien beim Onkel in Thüringen. Der Onkel besaß einen Bauernhof. Acht Wochen barfuß. "Die schönste Zeit." Der kleine Lars war überall in der Wirtschaft dabei - Futter holen, Vieh versorgen, Mist karren, Pflaumen pflücken. "Da habe ich gewusst: Ich will auch Bauer werden."

Selbst ist der Pflücker: Ben stöbert mit seiner Kindergartengruppe und Mama Franziska im Pesterwitzer Erdbeeracker.
Selbst ist der Pflücker: Ben stöbert mit seiner Kindergartengruppe und Mama Franziska im Pesterwitzer Erdbeeracker. © Daniel Schäfer

Und so kam es. Lars Folde wurde Rinderzüchter und Agrar-Ingenieur. Er hätte den Hof des Thüringer Onkels übernehmen können. Aber da hätte er das Gefühl gehabt, daheim etwas zu verpassen, sagt er. An der Heimat hängt er sowieso. Also ist er Chef von Gut Pesterwitz geworden. Fünfzig Hektar Obstplantagen, acht Hektar Weinberg, 16 Köpfe Belegschaft, darunter praktisch die ganze Familie. Selbst der Enkel fährt schon Trecker.

Selber pflücken liegt voll im Trend

Lars Folde fährt für gewöhnlich Motorroller. Täglich kurvt er damit über die Ländereien und schaut nach dem Rechten. Die Erdbeeren machen ihm dieses Jahr Freude. Das Wetter hat gepasst und die Leute sind verrückt nach den Früchten. Die Anbaufläche beträgt inzwischen neun Hektar. Immer mehr pflücken selbst, vor allem in den letzten beiden Jahren, sagt Folde. "Der Trend geht steil nach oben."

Die neuen Mitarbeiter: Zur Sicherung der Bestäubung hat Gutschef Lars Folde vierzig Bienenvölker angeschafft.
Die neuen Mitarbeiter: Zur Sicherung der Bestäubung hat Gutschef Lars Folde vierzig Bienenvölker angeschafft. © Daniel Schäfer

Nicht nur bei den Erdbeeren. Die Menschen holen auch Sauerkirschen oder Äpfel direkt vom Baum. Das funktioniert deshalb so gut, denkt Folde, weil sein Betrieb den Dresdnern genau vor der Nase liegt. In vielen Stadtgärten ist neben Carport und Koniferen kaum noch Platz für Obst. So pflückt man eben in Pesterwitz, beim Familienausflug. Das Vertrauen ins Regionale wächst sowieso, sagt der Gutschef: kurze Wege, deutsche Standards - "uns kann das nur recht sein".

Erinnerung an die Kindheit im Bienenhaus

Lars Folde verlässt das Erdbeerfeld. Im Vorbeifahren zeigt er auf Krautstreifen am Ackerrand. Phacelia, Klee. Bald blühen die Sonnenblumen. Es ist die Nahrung für sehr wichtige Mitarbeiter: Bienen. Die örtlichen Imker kommen in die Jahre. Um künftig genug Bestäuber zu haben, hat sich Folde selbst vierzig Völker besorgt und dazu das Wissen der Alten aufgesaugt. Ein bisschen davon besaß er vorher schon, vom Opa, der auch Imker war. "Ich bin im Bienenhaus groß geworden."

Einer von Freitals schönsten Blicken: Die Aussicht vom Pesterwitzer Weinberg reicht weit hinein ins Osterzgebirge.
Einer von Freitals schönsten Blicken: Die Aussicht vom Pesterwitzer Weinberg reicht weit hinein ins Osterzgebirge. © Daniel Schäfer

Wer mit dem Ureinwohner Folde durch Pesterwitz fährt, hat eine Fremdenführung inklusive. Hier war der Fleischer, hier der Schuster, da die Kegelbahn, da die alten Weinstuben. Er zeigt auch, wo er früher mal sein Büro hatte, im einstigen Herrenhaus des Pesterwitzer Ritterguts. Heute sind hier Wohnungen und Geschäfte.

Eine Chance, die nie wieder kommt

Damals war es der Sitz des Volkseigenen Gutes Gartenbau Pesterwitz. Lars Folde war Leiter der Tierproduktion. Schweine, Bullen, Milchkühe und zeitweise über 10.000 Schafe. Als die Marktwirtschaft kam, wusste er nichts über Obst- oder gar Weinbau. Aber er wusste, es gibt eine Chance, die nie wieder kommt. Gemeinsam mit dem langjährigen Gutsdirektor Rainer Töpolt pachtete er Obstplantagen und Äcker vom Freistaat. Am 1. Januar 1994 nahm das neue Gut Pesterwitz den Betrieb auf.

Stefanie Folde-Jäpel kümmert sich um die Weinvermarktung. Bis zu 30.000 Flaschen wirft der Weinberg von Pesterwitz jährlich ab.
Stefanie Folde-Jäpel kümmert sich um die Weinvermarktung. Bis zu 30.000 Flaschen wirft der Weinberg von Pesterwitz jährlich ab. © Daniel Schäfer

Als Direktvermarkter hat der Betrieb den Anspruch, alles, was er produziert, auch selbst zu verkaufen. "Da muss man jeden Tag das Rad drehen", sagt Folde. Bekannt werden, ist das A und O. Und worüber reden die Leute, wenn sie irgendwo unterwegs waren? Nicht so oft über die Äpfel und die Pflaumen, weiß der Gutschef. "Sie reden über den Wein."

Lars Folde stoppt an einem grünen Gittertor. Dahinter liegt Freitals vielleicht schönste Aussicht, die weit hineinreicht ins Osterzgebirge, und die gerahmt ist von zehn Sorten Wein. Acht weiße, zwei rote. Foldes Liebling ist der Bacchus, ein Verwandter von Herrn Müller aus Thurgau. Schöne Pfirsichnote, nicht ganz so trocken.

Verkäuferin Caroline Beeg an den Apfelkisten des Hofladens. Über dreißig Sorten Äpfel wachsen auf den Plantagen von Gut Pesterwitz.
Verkäuferin Caroline Beeg an den Apfelkisten des Hofladens. Über dreißig Sorten Äpfel wachsen auf den Plantagen von Gut Pesterwitz. © Karl-Ludwig Oberthuer

Bacchus und Müller-Thurgau sind die Wichtigsten im Pesterwitzer Weinberg. Sie machen etwa ein Drittel des Ertrags aus. Der Weißburgunder seinerseits gehört zu den Ältesten. Er steht schon hier, seit der Weinberg 1986 vom Volkseigenen Gut aufgerebt wurde. Mit Mitte zwanzig half Lars Folde damals, die Betonsäulen der Rankgerüste zu setzen. Heute, mit fast sechzig, erntet er die Früchte.

Zufrieden geht er durch die Reihen. Auch den Weinstöcken hat das Wetter gutgetan. Der richtige Mix aus Sonne und Regen. "Alles im grünen Bereich." Hier und da rupft er Blätter ab. Luft und Licht müssen an die Trauben, damit nach dem Regen alles schnell trocknet und nichts fault. Das Gute am Wein: Steckt er erst mal in der Flasche, kann man sich zurücklehnen. "Bei den Erdbeeren musst du noch am selben Tag klären, was damit wird."

Im Jahresschnitt wirft der Pesterwitzer Weinberg 25.000 bis 30.000 Flaschen ab. Ein Teil davon wird auch direkt hier ausgetrunken, bei weinkundlichen Spaziergängen, den sogenannten Schlenderweinproben etwa, und vor allem in der Besenwirtschaft. Dazu gibt's Pesterwitzer Spundkäs mit Salzbrezeln und den Sonnenuntergang. Und das reicht völlig, sagt Lars Folde. "Wir brauchen hier kein großes Remmidemmi."

Remmidemmi hat Lars Folde all tags genug. Den Betrieb organisieren, die Ernte vor Wetterunbilden schützen, auf dem Gabelstapler über den Hof düsen, einspringen, wo es klemmt. Er hat jeden Job in dieser Firma schon mal gemacht, sagt er. Für einen Chef ist das sehr nützlich. Und was, wenn er kein Chef mehr ist? Dann wird er wohl der Opa mit den Bienen werden. Er freut sich drauf. "Das ist dann meine Rentneraufgabe."

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