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Maue Ernte in Sachsen - aber Lavendel hilft

Sachsens Bauern sind mit der Ernte unzufrieden. Andreas Graf probiert mit Erfolg Neues, um trotz schlechter Böden steigenden Mindestlohn zahlen zu können.

Andreas Graf hat Lavendelöl als ein zusätzliches Produkt seiner Agrargenossenschaft entdeckt. Die Blüte ist inzwischen vorbei, kommt aber nächsten Juni wieder.
Andreas Graf hat Lavendelöl als ein zusätzliches Produkt seiner Agrargenossenschaft entdeckt. Die Blüte ist inzwischen vorbei, kommt aber nächsten Juni wieder. © Archivfoto: André Schulze

Niesky. Die Bauernregeln vom Mai verhießen Gutes, aber Andreas Graf wurde enttäuscht: Nach drei trockenen Jahren hatte sich der Agrar-Ingenieur für dieses Jahr mal eine bessere Ernte erhofft. Sein Betrieb mit 30 Beschäftigten in See bei Niesky ackert ohnehin auf einem der schwierigsten Böden in Sachsen, „mit wenig Wasserhaltevermögen“. Deshalb hatte der Landesbauernverband am Freitag zur Erntebilanz gerade in diese Gegend im Kreis Görlitz geladen.

Es klingt zunächst düster, wenn der Landwirt Graf sagt, auf seinen Feldern sei nachhaltige Landwirtschaft „mit reinem Ackerbau fast nicht möglich“. Denkt der 44-jährige Vater von zwei Kindern und Chef von drei Lehrlingen etwas ans Aufgeben?

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Im Gegenteil: „Lavendel-Salami“ steht auf der Angebotstafel neben der Hoftür, und Solar- und Biogas-Anlage zeigen, dass in See bei Niesky jede Einnahme-Chance genutzt wird. Die Biogas-Anlage etwa macht aus der Gülle der 250 Milchkühe Strom und Wärme und trägt 400.000 Euro zu den drei Millionen Euro Jahresumsatz der Agrargenossenschaft See bei.

Erntebilanz am Freitag im Lavendelfeld: von links Sachsens Bauernpräsident Torsten Krawczyk, Erntekönigin Wibke Frotscher, Andreas Graf, Vorstand der Agrargenossenschaft See, und Sachsens Agrarminister Wolfram Günther (Grüne).
Erntebilanz am Freitag im Lavendelfeld: von links Sachsens Bauernpräsident Torsten Krawczyk, Erntekönigin Wibke Frotscher, Andreas Graf, Vorstand der Agrargenossenschaft See, und Sachsens Agrarminister Wolfram Günther (Grüne). © dpa-Zentralbild/Sebastian Kahnert

Erntemaschine vom Salbei-Produzenten Bombastus

Lavendel-Öl ist das jüngste Produkt von Andreas Graf. Was zunächst nur eine Idee für die Facharbeit einer Auszubildenden war, könnte dem Landwirtschaftsbetrieb im Kreis Görlitz künftig neue Kunden bringen – vielleicht auch Touristen. Schließlich blüht Lavendel vier bis sechs Wochen im Jahr und lockt nicht nur Schmetterlinge an.

Graf weiß, dass seine französischen Kollegen in der Provence den Lavendel-Erlös auf je 30 Prozent Öl und Honig beziffern und auf 60 Prozent Tourismus. Er selbst verkauft erst einmal das Öl und hat erfahren: Für Wellness-Produkte lässt sich mehr Geld verlangen als für Lebensmittel. Das weiß auch der Tee-Produzent Bombastus in Freital – der baut unter anderem Salbei an, von dort lieh Graf eine Erntemaschine.

Teuren Lavendel-Honig kann Graf allerdings auch nach zwei Jahren mit der violetten Pflanze noch nicht anbieten. Er hält zwar 14 Bienenvölker, aber die Tiere bevorzugen offenbar andere Pflanzen – in ihrem Honig war noch zu wenig Lavendel nachweisbar.

EU bezahlt versuchsweise die Bewässerung

Der Landwirt bleibt trotzdem bei der neuen Feldfrucht, ist er doch ohnehin für den Wechsel: Außer Weizen und Gerste mit mäßigem Ertrag baut er auch Sonnenblumen, Soja und Erbsen an, insgesamt elf verschiedene Feldfrüchte. Die Kosten für den Lavendel-Versuch bezahlt in den ersten Jahren zu 80 Prozent die Europäische Union – auch Wasserschläuche auf einem Teil des Feldes. Die hat Graf aber kaum genutzt, in diesem Jahr blieb ja auch die Dürre der vergangenen drei Jahre aus.

Während Grafs Ernte in diesem Jahr leicht unterdurchschnittlich ausfiel, zog Landesbauernpräsident Torsten Krawczyk für Sachsen insgesamt eine ähnliche Bilanz. Regen habe die Erntezeit nervenaufreibend gemacht. Im oberen Mittelgebirge stünden Getreide und Raps zum Teil noch immer auf den Feldern. Beim Winterraps wurde der schlechteste Ertrag im zehnjährigen Vergleich eingefahren. Nur bei Wintergerste war der Ertrag pro Hektar höher als voriges Jahr.

Eine schwache Ernte hat allerdings für Landwirte auch einen Vorteil: Die Preise steigen in der Regel. Tatsächlich sagte Krawczyk, die Preise seien auf einem Niveau, „wo wir langsam wieder Perspektive kriegen“. Aus dem Mund eines Bauernpräsidenten klingt das beinahe nach Zufriedenheit.

Milchpreise derzeit "zufriedenstellend"

Allerdings fügte Krawczyk gleich an, damit werde auch Tierfutter teurer, und die Lieferanten von Dünger bis Diesel wollten auch ihr Geschäft machen. Getreide ist jetzt bis zu 25 Prozent teurer als in den vergangenen Jahren, Raps bis zu 35 Prozent. Für den Liter Kuhmilch bekommt Andreas Graf derzeit rund 36 Cent von der Molkerei in Leppersdorf und räumt ein, verglichen mit früheren Jahren sei das „zufriedenstellend“. Allerdings müsse er wohl mit Molkereibesitzer Theo Müller reden, ob der die künftig steigenden Mindestlöhne auch mit weiter steigenden Milchpreisen ermögliche.

Graf sagte, er wolle gerne höhere Löhne zahlen, doch er müsse das Geld auch erwirtschaften. Krawczyk sagte, die Bauern seien zunehmend nicht nur Pflanzenbauer und Tierproduzenten, sondern hätten einen dritten Betriebszweig: gesellschaftliche Dienstleistungen. Natur- und Umweltschutz würden verlangt. Allerdings müsse sich der Landwirt dabei weiterhin „als Unternehmer wiederfinden, nicht als Bittsteller“.

Im Verbandsblatt "Agrar Aktuell" schrieb der Landesbauernpräsident, die Landwirte sehnten sich nach Veränderung, aber auch nach Normalität, in der Landwirte wieder als geachteter Teil der Gesellschaft wahrgenommen würden. Er bat seine Berufskollegen, sich bei der Bundestagswahl für "eine Partei der demokratischen Mitte" zu entscheiden.

Minister Günther: Wetter-Extreme sind künftig das Normale

Der Landwirtschaftsminister Wolfram Günther (Grüne) sicherte beim Termin in Niesky „gesellschaftliche Unterstützung“ zu. Wegen des Klimawandels müssten die Landwirte sich darauf einstellen, „dass Wetter-Extreme das Normale sind“. Anpassung und Eigenvorsorge seien gefragt – aber es gebe aus der europäischen Agrarpolitik auch Gemeinwohlprämien sowie Beratung vom Staat.

Laut Günther waren die jüngsten Verhandlungen um die künftigen EU-Agrarsubventionen für ihn aufregend. Es sei nicht einfach gewesen, dabei die Interessen Ostdeutschlands durchzusetzen. Wegen der großen Betriebe als Nachfolger der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften konnte Günter als sächsischer Minister schlecht fordern, die Subventionen zu kappen.

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Der Grünen-Minister sicherte den Bauern auch zu, weiterhin die Schweinehaltung zu unterstützen. Sachsen habe anders als Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen "nicht das Problem" mit zu vielen Tieren. "Wir haben nicht zu viele", sagte Günther. Er sehe den Rückgang der Schweineproduktion mit Sorge und könne mit Fördergeld beispielsweise Mehraufwendungen für Transporte unterstützen. Minister und Bauernverband überlegen schon länger, wieder mehr Schlachtkapazitäten in Sachsen zu schaffen. An einen großen Schlachthof ist dabei allerdings nicht gedacht.

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