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Wie Sachsens Bauern mit dem Düngeverbot umgehen

Zum Ernteauftakt freuen sich Sachsens Landwirte, dass die Trockenheit vorbei ist. Doch sie müssen etwas ändern - gemeinsam mit den Mühlen.

Ernteauftakt in der Gerste: Sachsens Erntekönigin Wibke Frotscher (links) durfte vor dem Mähdrescher fürs Foto aufs Feld.
Ernteauftakt in der Gerste: Sachsens Erntekönigin Wibke Frotscher (links) durfte vor dem Mähdrescher fürs Foto aufs Feld. © Georg Moeritz

Grimma. Der Storch hat sich schon gefreut: Als Tobias Zehrfeld-Scheringer den Mähdrescher anwirft und fürs Fernsehen einen Probedrusch im Gerstefeld beginnt, schwebt der Vogel heran. Doch statt wie üblich hinter dem Mähdrescher herzustaken und Futter zu suchen, dreht der Storch enttäuscht wieder ab: Die Ernte beginnt doch noch nicht richtig.

Der Landwirt hat die ersten Körner ins Feuchtemessgerät gelegt und festgestellt, dass sie noch ein paar Prozent zu viel Wasser enthalten. Zu feucht für die Ernte – das war in den vergangenen drei Jahren nicht gerade die Hauptsorge der sächsischen Landwirte. Doch auf drei Dürrejahre scheint dieses Jahr eine mindestens durchschnittliche Ernte zu folgen.

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Landesbauernverband "zufrieden" mit der Witterung

Sachsens Bauernpräsident Torsten Krawczyk sagte jedenfalls am Dienstag zum offiziellen Ernteauftakt in Grimma bei der KÖG Kleinbardau Landwirtschafts GmbH, er sei „optimistisch“, wenn auch „nicht euphorisch“. Laut Pressemitteilung ist der Landesbauernverband sogar „zufrieden“ mit der Witterung – ein seltenes Wort in dieser Branche.

Laut Bauernpräsident Krawczyk gab es erstmals seit Langem genügend Niederschlag im Winter. Das war „genau richtig“ für Pflanzen, die ihr Wasser aus einem halben bis einen Meter Tiefe saugen. Es habe allerdings nicht gereicht, um fehlendes Grundwasser wieder aufzufüllen.

Außerdem hätten viele Pflanzen dieses Jahr zwei Wochen später geblüht, etwa der Raps. So habe den Bienen anfangs Tracht gefehlt.

Zu viel Nitrat im Grundwasser - die Folgen

Krawczyk klagte auch nicht laut über die Preise: Das Niveau sei zwar immer noch ähnlich wie vor 20 Jahren. Doch es gebe jetzt etwas mehr Geld als vor einem Jahr. Das führe zur wirtschaftlichen Stabilisierung der Betriebe. „Es stopft erst mal die Löcher“. Allerdings sei die Ernte erst eingefahren, „wenn das Geld auf dem Konto ist“.

Etwa ein Drittel der Ernte wird üblicherweise schon vorher verkauft, sagte der Bauernpräsident. Auch Tobias Zehrfeld-Scheringer und sein Geschäftsführer-Kollege Sten Köhler sichern einen Teil ihrer Einnahmen ab. Sie liefern Getreide an mehrere Händler, außerdem Futter an einen Schweinemäster und ganze Pflanzen an eine Biogasanlage. In diesem Jahr mussten sie allerdings einen Teil ihres Anbauplans umstellen – wegen neuer Vorschriften.

Von den Kleinbardauer Feldern liegen 42 Prozent im „roten Gebiet“. Sie sind auf Karten rot markiert, weil dort zu viel Nitrat im Grundwasser ist. Damit nicht noch mehr hineingelangt, haben Bund und Land neue Düngevorschriften erlassen: Kulturpflanzen wie Getreide dürfen nur noch zu 80 Prozent ihres Stickstoffbedarfs gedüngt werden. Sie bekommen also ein Fünftel Dünger weniger, als die Bauern für eine optimale Ernte in die Ernte bringen würden.

Sie müssen einiges umstellen: Landwirt Tobias Zehrfeld-Scheringer, ein Geschäftsführer der KÖG Kleinbardau Landwirtschafts GmbH, und Konstanze Fritzsch, Leiterin Getreideeinkauf der Dresdener Mühle, vor einem Mähdrescher.
Sie müssen einiges umstellen: Landwirt Tobias Zehrfeld-Scheringer, ein Geschäftsführer der KÖG Kleinbardau Landwirtschafts GmbH, und Konstanze Fritzsch, Leiterin Getreideeinkauf der Dresdener Mühle, vor einem Mähdrescher. © Georg Moeritz

Landwirte setzen das Getreide auf Diät

„Wir setzen den Weizen auf Diät“, sagt Zehrfeld-Scheringer. "Wir lassen unsere Pflanzen hungern", sagt der Bauernpräsident. Das kann zu schlechterer Qualität führen - und zu weniger Einnahmen. Das Ergebnis wird erst die Ernte zeigen. Der Kleinbardauer Hof ist einer von 190 in Sachsen, die mit dem Landesbauernverband gegen die neuen Vorschriften vor Gericht klagen. Landwirt Köhler fühlt sich zu Unrecht für die Fehler anderer bestraft. Nitrat im Grundwasser könne aus vielen Quellen kommen, auch aus Abwässern und Mülldeponien. Das Messstellennetz in Sachsen ist grob und umstritten.

Freilich hätten die Landwirte früher auch viel mehr Dünger auf die Felder gestreut: „Wir mussten das erst lernen.“ Doch seit Jahren nutze der Kleinbardauer Betrieb einen intelligenten Düngerstreuer mit Sensor: Der erkenne mit Infrarotaufnahmen des Blattgrüns, wie viel Stickstoff noch fehle. Nun werde viel genauer gedüngt.

Köhler baut nun zunächst auf einem großen Teil der roten Gebiete nicht mehr Qualitätsweizen für die Dresdener Mühle an, sondern Mais, Roggen und Kleegras für die Biogasanlage. „Maiswüsten wollen wir aber auch nicht“, sagt der Landwirt. Als Landwirt wolle er Lebensmittel produzieren, nicht die "Betonkuh" für die Strom-Erzeugung ernähren. Die Einnahmen für den Qualitätsweizen seien auch höher.

Dresdener Mühle kauft mehr Dinkel

Sachsens größte Mühle in Dresden rechnet trotz Düngeverordnung zunächst nicht mit weniger Brotgetreide. Sie kennt ihre Lieferanten und gibt per Vertragsanbau vor, was gesät und geerntet wird. Die Leiterin des Getreideeinkaufs der Dresdener Mühle, Konstanze Fritzsch, hat im Frühjahr viele Bauern besucht. Manchen empfahl sie neue Getreidesorten, die Nachfrage nach Dinkel ist gestiegen. Doch der "Qualitätsweizen" werde gebraucht, schließlich wollten die Kunden eine große Vielfalt an Backwaren - auch Toastbrot und Croissants.

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Außerdem hat Fritzsch zusätzliche Betriebe als Lieferanten gewonnen, die schon länger für die Marke Ährenwort arbeiten wollten. „Wir wollen regional einkaufen“, sagt Fritzsch. Sie halte die Nitratfrage für eine Luxusdiskussion: „Anderswo werden Regenwälder abgeholzt.“

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