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Deutschland will auf dem Mond landen

Die europäische Raumfahrt der Esa soll neu sortiert werden. Was wird, was wird nicht, und wer macht was? In wenigen Tagen wird genau das in Paris verhandelt.

Von Stephan Schön
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So könnte EL3 aussehen, der europäische Mondlander: Deutschland drängt dazu auf dem Meeting der europäischen Raumfahrt zu Entscheidungen.
So könnte EL3 aussehen, der europäische Mondlander: Deutschland drängt dazu auf dem Meeting der europäischen Raumfahrt zu Entscheidungen. © ESA / T. Nilsson

Ein irdischer Gipfel mit außerirdischen Themen und ebensolchen Problemen. Wenn in drei Wochen die Minister und Agenturchefs der europäischen Raumfahrt Esa zusammenkommen, soll die Strategie für die kommenden zehn Jahre festgelegt werden. Mindestens.

Raumfahrt als Zukunftstechnologie und Basis für wirtschaftliche Entwicklung, da sind sich die Nationen einigen. Geht es um die konkreten Themen und Beteiligungen, wird’s eng mit der Gemeinsamkeit. Für Deutschland der Verhandlungschef bei der Esa ist Walther Pelzer, Chef der deutschen Raumfahrtagentur und Vorstandsmitglied im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). „Wir verhandeln für die Bundesregierung, wir vertreten deren Interessen.“

Deutschland im All

Drängend und dringendst sicherlich ist es, die neue Ariane 6-Rakete zum Fliegen zu bringen. Schnell und sicher. Die Tests dazu sind vielversprechend, das Startdatum jedoch offen. Die Raumstation ISS steht zur Debatte, die Mondmissionen der Nasa, an denen Europa entscheidend beteiligt ist.

Umwelt, Erdbeobachtung, Telekommunikation und letztlich Sicherheit. Der Wunschzettel der deutschen Raumfahrt-Industrie ist lang. Sie möchte am liebsten alles. „Aus den vielen guten Ideen müssen wir die besten herausfiltern. Alles umzusetzen, wird nicht machbar sein“, sagt Walther Pelzer im Gespräch mit der SZ.

Walther Pelzer ist Leiter der Deutschen Raumfahrtagentur sowie Vorstandsmitglied im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt.
Walther Pelzer ist Leiter der Deutschen Raumfahrtagentur sowie Vorstandsmitglied im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. © fotomedien dlr

Einen öffentlich einsehbaren Fahrplan für Deutschlands Raumfahrt der Zukunft gibt es jedoch bislang weder von ihm noch von der Bundesregierung. Ganz bewusst: Um nicht die Verhandlungsposition Deutschlands mit den anderen Esa-Ländern zu zeitig preiszugeben. Denn, auf solchen Esa-Gipfeln der Raumfahrt geht es mitunter zu wie auf dem Markt. Wer bietet was wofür und vor allem mehr? Wer schließt sich mit wem gegen wen bei konkurrierenden Projekten zusammen?

Deutschland, neben Frankreich der größte Nettozahler der Esa, ist da zu Recht auf seine Interessen bedacht, auf die Stärkung der eigenen Industrie. Und will damit Europa nach vorn, nein nach oben, ins All bringen. All das geschieht vor dem wohl schwierigsten Hintergrund, den es für die Esa je gab. „Diese Ministerratskonferenz wird im turbulentesten und herausforderndsten Umfeld stattfinden, das es jemals bei einer solchen Konferenz gegeben hat“, sagt Pelzer. Inflation, Krieg, Energiekrise und die Pandemie. Es bestehe derzeit das Risiko, dass die jetzigen Rahmenbedingungen die Zukunftsthemen verdrängen. „Das darf uns bei der Ministerratskonferenz nicht passieren. Uns geht es doch wirtschaftlich gut, weil wir Know-how haben. Wir müssen weiterhin in unsere Köpfe investieren, trotz der Krise.“

Eine neue Rakete muss her

Deutschland kommt mit einer bis dahin internen Strategie nach Paris zur Verhandlung. Eckpunkte nennt Walther Pelzer dann aber doch. Es sind solche, die wohl eher wenig strittig in der Esa sind. So wie die Schwerlastrakete. „Die Ariane 6 fertigzustellen, hat im Bereich Raumtransport oberste Priorität. Wir müssen unseren unabhängigen Zugang zum All erhalten.“ Eine klare Ansage an die europäische Raumfahrt. Allerdings gibt es nur vage Aussagen von Deutschland zu einer möglichen Ariane 7 perspektivisch dann. Auch dieses Thema steht in Paris zur Debatte. Genauso wie Vorschläge der Esa selbst und auch aus Frankreich, eigene Raketen für bemannte Weltraummissionen zu entwickeln,

Bei diesem Punkt wird Pelzer etwas deutlicher: „Die politische und wirtschaftliche Herausforderung wird sein, eine gute Balance zwischen selbst machen und mit internationalen Partnern kooperieren zu finden. Wer alles selber machen will, gibt viel Geld aus und verpasst Chancen, die aus Partnerschaften erwachsen. Wir müssen nicht alle Fähigkeiten der Raumfahrt selbst umsetzen.“ Es geht ihm also darum, Technik und Technologien beizusteuern, um dafür das Ticket für den Mitflug zu bekommen. So wie bisher, und doch etwas anders.

Das Kennedy Space Center in Cape Canaveral bereitet sich auf den Start der ersten neuen Mondrakete vor. Europa ist bei Artemis stark dabei.
Das Kennedy Space Center in Cape Canaveral bereitet sich auf den Start der ersten neuen Mondrakete vor. Europa ist bei Artemis stark dabei. © SZ/Stephan Schön

Mit dem neuen amerikanischen Mondprogramm Artemis hat sich etwas Entscheidendes verändert in der Zusammenarbeit von Nasa und Esa. Europa darf kritische Infrastruktur zuliefern. Es ist eine Begegnung auf Augenhöhe. So lieferte Europa das Servicemodul für die nun startbereite Mondrakete Artemis 1 in Cape Canaveral. Ohne dieses Servicemodul kämen die Amerikaner nicht zum Mond. Die Europäer aber auch nicht. „Damit ermöglichen wir unsere astronautische Teilhabe.“ Das ist ein europäisches Aushängeschild, bis Nummer 9 seien bereits vorgesehen und perspektivisch jährlich ein solches Stück, gefertigt in Bremen. „Da sitzt Deutschland auf dem Fahrersitz angesichts unserer starken finanziellen und industriellen Beteiligung“, sagt Pelzer.

Mission Artemis 1: Der erste Start der neuen Mondrakete mit dem Europäischen Servicemodul ESM ist nun für den 14. November von Cape Canaveral aus geplant.
Mission Artemis 1: Der erste Start der neuen Mondrakete mit dem Europäischen Servicemodul ESM ist nun für den 14. November von Cape Canaveral aus geplant. © SZ/Stephan Schön

Der erste Deutsche auf dem Mond

Wann der erste deutsche Astronaut den Fuß jedoch auf den Mond setzen wird, es könnte in diesem Jahrzehnt noch passieren, hofft Deutschlands Raumfahrtchef. Deutschland will in Paris auch zu Beschlüssen kommen, die robotische Missionen auf dem Mond möglich machen. Eingebunden in das amerikanische Artemis-Programm ist ein European Large Logistics Lander (EL3) vorgesehen. Acht Tonnen schwer. Der könnte dann auch beim Aufbau der Mondinfrastruktur mit helfen. „Das würde Europa erstmals allein auf die Mondoberfläche bringen, gestartet mit einer Ariane 6. Es wäre wichtig für Europa und für Deutschland.“ Das will Deutschland als einen der Eckpunkte beim Esa-Meeting in Paris durchsetzen.

Und die Internationale Raumstation ISS, ist die für Deutschland schon abgeschrieben? „Keinesfalls. Ich möchte, dass die ISS bis 2030 weiter betrieben wird. Wir müssen diesen niedrigen Orbit weiter nutzen. Dinge zum Mond zu bringen und dort festzustellen, dass sie in Schwerelosigkeit nicht funktionieren, wäre sehr teuer und eventuell gefährlich. Im sogenannten niedrigen Erdorbit, in dem sich die ISS befindet, werden weiterhin die meisten Experimente durchgeführt.“ Trotz Mondprogramm.