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Mein Rad ist einzigartig – und aus der Region

Immer mehr Fahrrad-Manufakturen in Mitteldeutschland erfüllen ausgefallene Wünsche. Mitunter erschaffen sie Spektakuläres.

Den Rahmen für sein Mountainbike Actofive P-Train CNC fräst Simon Metzner aus Aluminium, wie es im Flugzeugbau verwendet wird. Die dafür benötigte Maschine hat er einst selbst mit entwickelt.
Den Rahmen für sein Mountainbike Actofive P-Train CNC fräst Simon Metzner aus Aluminium, wie es im Flugzeugbau verwendet wird. Die dafür benötigte Maschine hat er einst selbst mit entwickelt. © Ronald Bonß

Um den perfekten Fahrradrahmen zu bauen, geht Simon Metzner in die Vollen. Genauer gesagt fräst er ihn aus dem Vollen. Fünf Stunden braucht es, bis die CNC-Maschine aus einem 40-Kilo-Aluminiumblock eine von zwei Rahmenhälften herausgeschält hat. Ist auch die zweite Halbschale fertig, klebt der Ingenieur beide Teile zusammen – und fixiert später einen ebenfalls gefrästen Hinterbau daran.

„Natürlich erfinde ich das Rad nicht neu“, sagt der gebürtige Dresdner. „Ich habe aber Dinge vereint, die momentan selten bis einzigartig sind.“ Weltweit gebe es nur eine weitere Firma, die Fahrradrahmen aus Alublöcken fräst. Auch bei der Hinterradfederung geht der 33-Jährige unkonventionelle Wege. „Die Lösung mit dem Drehpunkt deutlich über dem Tretlager kommt eigentlich aus dem Downhillsport“, erklärt er. „So entsteht ein Trailbike, das feinfühlig auf den Untergrund reagiert und trotzdem antriebsneutral bleibt, wenn man im Wiegetritt beschleunigt.“

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Dass Mountainbikes der Marke Actofive bisher nur Kennern ein Begriff sind, hat mehrere Gründe. Zum einen hat Metzner die letzten drei Jahre mit der Entwicklung und dem Bau von Prototypen verbracht und gerade erst mit der Fertigung einer Kleinserie begonnen. Zum anderen gibt es sein Rad nur online und bei einem ausgewählten Partner zu kaufen. Drittens dürfte auch der Preis eine Rolle spielen: Allein das Rahmenset kostet 4.500 bis 4.800 Euro.

Der Hinterbau des Actofive-Mountainbikes heißt im Fachjargon "abgestützter Eingelenker". Den Federweg beziffert Simon Metzner mit 135 oder 145 Millimeter.
Der Hinterbau des Actofive-Mountainbikes heißt im Fachjargon "abgestützter Eingelenker". Den Federweg beziffert Simon Metzner mit 135 oder 145 Millimeter. © Ronald Bonß
Actofive steht für „Acceleration to final velocity“, was sich mit "Beschleunigung bis auf Endgeschwindigkeit" übersetzen lässt.
Actofive steht für „Acceleration to final velocity“, was sich mit "Beschleunigung bis auf Endgeschwindigkeit" übersetzen lässt. © ronaldbonss.com
An seinem Rechnerarbeitsplatz entwirft der Dresdner Ingenieur die Details seines Fahrrads. Eigentlich wollte er nur ein Exemplar für sich selbst bauen.
An seinem Rechnerarbeitsplatz entwirft der Dresdner Ingenieur die Details seines Fahrrads. Eigentlich wollte er nur ein Exemplar für sich selbst bauen. © ronaldbonss.com
An der rund 200.000 Euro teuren CNC-Fräsmaschine kennt sich der 33-Jährige aus. Früher hat er in einer Firma gearbeitet, die solche Anlagen herstellt.
An der rund 200.000 Euro teuren CNC-Fräsmaschine kennt sich der 33-Jährige aus. Früher hat er in einer Firma gearbeitet, die solche Anlagen herstellt. © ronaldbonss.com

Es gibt noch mehr Fahrradmanufakturen in Mitteldeutschland, die solche Preise aufrufen. Der Markt dafür hat sich in den vergangenen 25 Jahren gebildet – oder wurde durch den Rückzug etablierter Hersteller ermöglicht. „Mich hat das Ende der Stahlrahmenproduktion bei Diamant dazu gebracht, nach Lösungen zu suchen, um weiterhin Räder mit Stahlrahmen anbieten zu können“, sagt Daniel Tietz aus Dresden. Inzwischen verkauft er pro Jahr bis zu 20 individuell aufgebaute Trekking- oder Reiseräder der Marke Fliehkraft.

Andere Firmengründer erzählen von Herzensprojekten oder dem Wunsch, sich von der Masse abzuheben. „Ich wollte eigentlich nur zwei Räder für mich selber bauen“, sagt Christoph Süße von Sour Bicycles aus Dresden. Dann aber sei das Feedback auf einer Messe so positiv gewesen, dass er sich entschlossen habe, mit einer eigenen Marke durchzustarten. Seine Rahmen lässt das Start-up in Taiwan fertigen, das Pulverbeschichten erledigt eine Firma in Heidenau. Manche Hersteller holen noch mehr Wertschöpfung in die Heimat zurück. Urwahn Bikes aus Magdeburg etwa lässt seine Stahlrahmen per 3-D-Druck in Sachsen herstellen. Einzig Komponenten wie die Schaltung beziehe man noch aus Fernost, sagt Marketingfrau Silke Walter. Produziert wird immer erst nach Auftragseingang. Auch ein E-Bike ist im Portfolio. Für sein Pedelec namens Platzhirsch erhielt Firmengründer Sebastian Meinecke kürzlich den Red Dot Product Design Award.

Weltweiter Mangel an Komponenten

Grundsätzlich haben es Kleinserienhersteller gar nicht leicht, nachhaltig vom momentanen Fahrradboom zu profitieren. „Denn der weltweite Mangel an Komponenten trifft sie am ehesten“, erklärt David Koßmann vom Pressedienst Fahrrad. „Viele Firmen existieren und überleben nur durch eine große Portion Passion. Man könnte auch Selbstausbeutung dazu sagen.“ Dazu kommt die Notwendigkeit, bei Kunden um Verständnis für lange Lieferfristen zu werben. Wenn das passende Rahmenset nicht verfügbar sei, dauere es bei ihm derzeit sechs bis acht Monate, sagt Velocipedo-Gründer Matthias Jeschke. Spezialität des Diplomdesigners aus Halle sind hochwertige Kleinserienmodelle mit Carbon- oder Titanrahmen.

Im Gegensatz zu den eleganten, vielfach prämierten Leichtbaurennern von Velocipedo wirken die Räder der Schönebecker Firma Weltrad wie aus der Zeit gefallen. Doch das soll so sein. Die Damen- und Herrenräder sind als Hommage an jene Ära zu verstehen, als man zu den großen Fahrradfabriken der Weimarer Republik zählte. 1885 gegründet und in den Nachwendejahren als Marke wiederbelebt, baut die Manufaktur heute jährlich bis zu 200 Designklassiker, die nach Wunsch konfiguriert werden. Das Fahren sei durch die weit hinters Tretlager verlegte Sitzposition etwas speziell, sagt Inhaber René Leue. „Es ist, als wate man wie ein Storch durchs Wasser.“

Fahrrad-Manufakturen aus der Mitte Deutschlands:

© Montage/SZ/Bildstelle
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Werbung? Viel läuft über Mundpropaganda

Auch Retrovelo setzt auf zeitlos schöne Cruiser. Statt jedes Jahr neue Modelle herauszubringen, würden immer nur Details verändert, sagt Firmengründer Frank Patitz. Werbung im klassischen Sinne macht Retrovelo keine. Auch nach einem eigenen Ladengeschäft googelt man vergebens. Viel läuft über Mundpropaganda. Patitz sagt, seine Imagepflege bestehe darin, pro Jahr fünf exklusive Lastenräder aufzubauen. Trotz des fünfstelligen Preises müssen Käufer ein Jahr auf ihr Cargobike warten.

Die Firma Stein-Bikes aus Chemnitz hat ein Mountainbike-Team gegründet, um die Wahrnehmung der eigenen Marke zu verbessern. Trotzdem sorge er auf Fachmessen für Erstaunen, wenn er verrate, wo er herkomme, sagt Firmenchef Udo Stein. „Die meisten kennen eben nur einen Fahrradhersteller in der Region: Diamant in Hartmannsdorf.“ Dass sich kleine Radmanufakturen und Komponentenhersteller eher in Leipzig und Dresden ansiedeln als in Chemnitz, habe aber auch mit der geringeren Fahrradtauglichkeit der Stadt zu tun, meint der 50-Jährige.

„Mit Ellenbogen kommt man nicht weiter“

In der Dresdner Neustadt dagegen könnten sich die Mitarbeiter von Veloheld, Sour Bicycles und Meißner Räder bequem zum Feierabendbier treffen, wenn es die Corona-Beschränkungen nicht verbieten würden. Auch Komponentenbauer wie Beast und Light Wolf sitzen in der direkten Nachbarschaft. „Man kann hier durchaus von einem Cluster sprechen“, sagt Branchenbeobachter Koßmann. Analog zur Halbleiterbranche hat sich sogar ein Verein namens Cycling Saxony gegründet, um die Akteure zu vernetzen.

„Mit Ellenbogen kommt man nicht weiter“, ist Sebastian Billhardt von Rotor Bikes aus Leipzig überzeugt. Längst zwinge der stockende Teilenachschub aus Fernost dazu, sich gegenseitig zu helfen. Manche Firmen tauschen Komponenten, damit sie ihre halb fertigen Räder komplettieren können. Ein bisschen sei das wie zu DDR-Zeiten, scherzt Billhardt. Ein Ende ist nicht abzusehen. Branchenriese Shimano etwa nennt seinen Abnehmern momentan gar keine Liefertermine mehr.

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Unabhängig davon bleibt der Fahrradmarkt extrem umkämpft. Alleinstellungsmerkmale seien schwer zu finden, sagt Simon Metzner. Als leidenschaftlicher Biker habe er seinen eigenen Anforderungskatalog entwickelt und spezielle Lösungen erarbeitet. Dass er mit seiner Marke Actofive voll im Trend liegt, zeigt der positive Testbericht auf pinkbike.com, dem weltgrößten Onlinemagazin im Mountainbike-Sektor. Das damit gewonnene Renommee ist laut Metzner „wie ein Sechser im Lotto“.

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