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Das Elektroauto zu Hause laden – geht das?

Mieter haben bald Anspruch auf Ladepunkte in Tiefgaragen oder Carports. Doch viele Sachsen müssen sich noch gedulden.

Fürs Foto muss Ringo Lottig von der Chemnitzer Siedlungsgemeinschaft den BMW i3 noch an die öffentliche Ladesäule stellen.
Fürs Foto muss Ringo Lottig von der Chemnitzer Siedlungsgemeinschaft den BMW i3 noch an die öffentliche Ladesäule stellen. © Toni Söll

Besitzer von Elektroautos wollen dort aufladen, wo ihre Fahrzeuge die meiste Zeit stehen – zu Hause. Ab Dezember sollen Bewohner von Mehrfamilienhäusern einen gesetzlichen Anspruch auf einen Ladepunkt in gemeinsam genutzten Tief- und Sammelgaragen oder Carports haben. Die Zustimmung aller Miteigentümer ist künftig nicht mehr notwendig. Mieter sollen ihren Anspruch auf eine Wallbox – also eine an der Wand montierte Ladestation – durchsetzen können, sofern die Installation technisch möglich ist und sie die Kosten dafür übernehmen. Wie oft solche Infrastruktur fehlt, hat eine ADAC-Studie 2019 gezeigt. Damals verfügten gerade einmal vier Prozent aller Tiefgaragen in Deutschland über einen Stromanschluss.

Wo bauen große Vermieter in Sachsen derzeit private Ladepunkte?

Vorreiter wie die Chemnitzer Siedlungsgemeinschaft gibt es nur wenige: Für ihre futuristische Neubau-Anlage „Tanzende Siedlung“ baut die Genossenschaft momentan 73 personalisierte Ladepunkte – 58 in Tiefgaragen, den Rest in Carports. Als man 2018 die ersten öffentlichen Ladesäulen aufgestellt habe, sei man belächelt worden, sagt Vorstand Ringo Lottig. Heute wolle bei Neuvermietungen im begehrten Stadtteil Kaßberg jeder zweite Interessent wissen, ob es Ladeoptionen für E-Autos gebe.

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Andere Akteure sind zurückhaltender – und begründen dies mit fehlendem Interesse. Selbst bei großen Genossenschaften mit mehr als 5.000 Wohnungen fragten derzeit pro Jahr nur ein bis fünf Haushalte unverbindlich an, „weil sie eventuell erwägen, ein Fahrzeug anzuschaffen“, sagt Sven Winkler vom Verband Sächsischer Wohnungsgenossenschaften. Ähnlich äußert sich der Verband der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft in Sachsen.

Auch die Vonovia, der in Dresden rund 39.000 Wohnungen gehören, geht nicht voran. In Neubauten werde die Installation von Ladegelegenheiten vorbereitet, indem zum Beispiel Leerrohre verlegt werden, sagt Sprecher Matthias Wulff. „Entsteht Bedarf, können wir Ladeeinrichtungen aufstellen.“ Vergleichbar agiert die Baywobau, die Wohnungen baut und an Selbstnutzer oder Investoren verkauft. Tiefgaragenplätze würden so ausgerüstet, dass dort ohne viel Aufwand Wallboxen hingehängt werden können, sagt der Dresdner Baywobau-Chef Berndt Dietze. Einen gesetzlichen Zwang, in Tiefgaragen von Neubauten Wallboxen zu installieren, gibt es nicht.

Warum geht es bei dem Thema bisher so langsam voran?

Das hat mehrere Gründe. Punkt eins: Bisher hatten weder Mieter noch Besitzer einer Eigentumswohnung die Möglichkeit, ihren Wunsch nach einer Wallbox oder anderen Lademöglichkeiten juristisch durchzusetzen. Durch das geänderte Miet- und Eigentumsrecht ändere sich dies, so der ADAC. Allerdings müsse dann noch geklärt werden, ob und welche bauliche Veränderungen am Hausnetz notwendig sind, sagt Verbandssprecher Sven Winkler. „Mit E-Mobilität sind zum Teil enorme Ladeströme verbunden, die sich so überwiegend nicht im vorhandenen System darstellen lassen.“ Je nach Nachrüstbedarf könnten Umbauten zwischen 10.000 und 100.000 Euro kosten. Letztlich sei auch die begrenzte Verfügbarkeit von Autos und lange Lieferfristen ein Hemmnis, sagt Ringo Lottig.

Was zahlen Mieter für die Nutzung privater Ladepunkte?

Das lässt sich bislang mangels Angeboten kaum sagen. Für künftige Mieter der „Tanzenden Siedlung“ seien die Kosten überschaubar, sagt Lottig. Bewohner mit Tiefgaragenstellplatz zahlen zusätzlich zur Stellplatzmiete einen Tank-Aufschlag von zwölf Euro im Monat. Dafür könne mit bis zu elf Kilowatt geladen werden, so Lottig. Dieses Leistungsniveau sei völlig ausreichend angesichts der Tatsache, dass das Laden im Normalfall die ganze Nacht dauern kann. In der Tat lässt häufiges Schnellladen die Batterie schneller altern.

Und wenn ich mir auf eigene Rechnung etwas installieren lasse?

Wenn es technisch möglich ist, kann das durchaus eine Option sein. Eine gute, dreiphasige Standard-Wallbox der Elf-Kilowatt-Kategorie gibt es laut Stiftung Warentest für unter 900 Euro. Einen VW ID.3 mit völlig leerem 58-kWh-Akku auf 100 Prozent zu laden würde dann etwa sechs Stunden dauern. Für ein gutes Exemplar mit 22 kW Ladeleistung werden dagegen 1.900 Euro fällig. VSWG-Fachmann Winkler schätzt die Durchschnittskosten für eine Wallbox inklusive Anschluss und Inbetriebnahme auf 1.500 bis 3.000 Euro. Eine solche Investition dürften die meisten Mieter aber scheuen, meint Thomas Schulz von der TNT Neue Energien GmbH in Dresden. Seine Firma baut und betreibt Fotovoltaikanlagen auf öffentlichen Dächern, hat aber auch schon E-Auto-Ladesäulen realisiert.

Michael Papke hat die Anschaffung einer eigenen Wallbox 2015 gewagt – und bereut es nicht. „Weil ich Erdarbeiten und Durchbrüche gemeinsam mit meinem Vater gemacht habe, hat mich das Projekt insgesamt nur rund 1.000 Euro gekostet“, sagt der 34-Jährige, der in Radebeul zur Miete wohnt und für den E-Auto-Vermieter Nextmove arbeitet. Ohne Zustimmung der Eigentümer wäre die Installation an seinem privaten Stellplatz aber ein Wunschtraum geblieben. Nun lädt Papke seinen Stromer mit 3,7 kW – möglich wären auch elf kW – und zahlt 27 Cent pro Kilowattstunde. Seine Wallbox hängt mit am Haushaltszähler.

Wen sollte ich an meinem Vorhaben unbedingt beteiligen?

Der ADAC rät künftigen E-Mobilisten, zuerst die Vermieter oder Miteigentümer von dem Vorhaben in Kenntnis zu setzen. Haben die aus technischer Sicht keine Einwände, sollten Vor- und Nachteile sowie Kosten geeigneter Ladelösungen kompakt aufbereitet werden. Wird der Antrag von den Besitzern positiv beschieden, kann ein Fachbetrieb beauftragt werden, die ausgewählte Ladelösung zu installieren. Zu klären ist außerdem, ob sich laufende Kosten durch einen separaten Autostromtarif drücken lassen. Laut Vergleichsportal Verivox lohnt sich ein solches Modell am ehesten für Vielfahrer, die ihr Auto meist in den Nachtstunden laden. Allerdings ist dann ein zusätzlicher Stromzähler vonnöten.

Kann ich mein Auto nicht auch an der Haushaltssteckdose laden?

Das ist grundsätzlich möglich, dennoch raten Fachleute davon ab. Schuko-Stecker seien nicht darauf ausgelegt, über lange Zeit hohe Leistungen zu übertragen, sagt Michael Papke. Versorger weisen zudem darauf hin, dass Brandschäden, die durch solche Ladevorgänge ausgelöst werden, nicht immer vom Gebäudeversicherer reguliert werden. Grundsätzlich gilt: Je älter die normale Haushaltssteckdose, desto höher ist das Risiko beim Laden. Gefahr kann aber auch von der Elektroinstallation ausgehen.

Welche Alternativen gibt es zum Kauf einer Wallbox?

Manche Versorger bieten Miet-Wallboxen an. Für diese Lösung verlangen beispielsweise die Stadtwerke Düsseldorf 69 Euro pro Monat. Interessenten müssen sich für 36 Monate binden. Angesichts dieser Kosten müsse man eher von einem „Abwehrangebot“ sprechen, sagt ein Branchenkenner. Sächsische Versorger wie EnviaM, Eins, Drewag oder Enso bieten bislang keine Mietlösungen an. Bliebe für E-Auto-Nutzer ohne festen Stellplatz noch das Laden an der Straßenlaterne: Dies sei zwar grundsätzlich technisch möglich, aber aus diversen Gründen in den seltensten Fällen praxistauglich, sagt ein Drewag-Sprecher. Derlei Installationen gebe es seines Wissens zumindest in Dresden noch nicht.

Kann man sich den Kauf einer Wallbox fördern lassen?

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Ja. Vor knapp zwei Wochen hat der Bund ein Förderprogramm für private Ladestellen aufgelegt. Bezuschusst werden Stationen an privat genutzten Stellplätzen von Wohngebäuden. Der Zuschuss von 900 Euro wird für den Kauf, die Installation und den Anschluss einer neuen Elf-kW-Wallbox gewährt. Anträge von Mietern und Vermietern, privaten Eigentümern und Eigentümergemeinschaften nimmt die KfW-Bankengruppe ab 24. November entgegen. Voraussetzung für die Förderung ist, dass für die Ladestation ausschließlich Strom aus erneuerbaren Energien genutzt wird. Eine Liste förderfähiger Geräte veröffentlicht die KfW im November.

Detaillierter Erfahrungsbericht zum Thema „Ladestation am Mehrfamilienhaus“

Mehr Informationen zur KfW-Förderung

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