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Die Faszination historischer Motorräder

Oldie-Spezialisten zu beliebten Klassikern, Schnäppchen aus der DDR und typischen Schwachstellen.

Liebling auf zwei Rädern: Praktisch, wenn man bei Pflege und Wartung seines Oldie-Motorrads selbst Hand anlegen kann. Oft entscheidet die Ersatzteilsituation, ob die Beschäftigung Lust oder Frust ist.
Liebling auf zwei Rädern: Praktisch, wenn man bei Pflege und Wartung seines Oldie-Motorrads selbst Hand anlegen kann. Oft entscheidet die Ersatzteilsituation, ob die Beschäftigung Lust oder Frust ist. © dpa

Bollernder Einzylinder oder säuselnder Vierzylinder, dazu viel Chrom und wenig Kunststoff: Historische Motorräder haben auch heute noch ihren Reiz. Doch so schön das alte Blech aussieht, problemlos fahren die wenigsten zweirädrigen Oldies. Und auch sonst gibt es einiges zu beachten. Thorsten Rechtien vom Tüv Rheinland empfiehlt, zur Besichtigung einen Fachmann mitzunehmen, der sich mit dem Modell oder mit klassischen Maschinen generell auskennt. Für den Sachverständigen zählt der Gesamteindruck, also in welchem Zustand sich die Maschine befindet. „Flugrost oder kleine Rostflecken sind nicht schlimm. Ein verzogener Rahmen, ein defekter Motor oder fehlende Teile schon.“

Typische Schwachstellen haben historische Zweiräder nicht. Dafür können bei langer Standzeit Defekte an Vergaser, Reifen, Rädern, Bremsen und im Tank entstehen. Im Gegensatz zu Oldtimern mit vier Rädern sei ein durchgestempeltes Wartungsheft bei betagten Motorrädern weniger kaufentscheidend: „Interessenten sollten sich lieber das Umfeld des Verkäufers anschauen und darauf achten, wie die Maschine gepflegt, gewartet, umgebaut oder restauriert wurde“, sagt Klaus Herder, Redakteur bei der Fachzeitschrift Motorrad.

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Moderate Patina sei gefragter als eine Überrestaurierung. „Ist die Maschine original? Oder ist das dem Interessenten gleichgültig?“, nennt Herder weitere Aspekte. Bei modifizierten Maschinen gebe es manche Teile wie Tanks oder Verkleidungsteile vielleicht nicht mehr zu kaufen.

„Wasserbüffel“ – diesen Spitznamen trug einst die Suzuki GT 750.
„Wasserbüffel“ – diesen Spitznamen trug einst die Suzuki GT 750. © Suzuki

Von Totalumbauten würde Thorsten Rechtien Abstand nehmen. Sein Argument: Ein solcher Zustand mindere bei einem eventuellen Wiederverkauf den Wert. „Wenn die Originalteile aber beim Kauf dabei sind, spricht nichts gegen einen Umbau. Vorausgesetzt, alle technischen Veränderungen sind eingetragen.“ Für ein eventuelles Oldtimergutachten zählt laut Tüv Rheinland ein möglichst originaler Zustand oder zeitgemäßes Zubehör. Ein Wertgutachten können Halter unabhängig von der Zulassung zum Oldtimer beantragen.

Bei historischen Maschinen ist unbedingt ein Blick mit der Taschenlampe in den Tank wichtig. Rostet der Behälter von innen, kann er über den Kraftstoff Vergaser und Motor schädigen. Alte, ausgehärtete, poröse und rissige Reifen gehören direkt getauscht. Unumgänglich ist zudem eine Probefahrt. Einen großen Unterschied sieht Rechtien beim Fahrverhalten historischer Maschinen: „Alte Motorräder besitzen häufig schwache Trommelbremsen. Man sollte deshalb vorausschauend unterwegs sein und den zeitgenössischen technischen Zustand beim Fahrverhalten berücksichtigen.“ Interessenten sollten sich außerdem vergegenwärtigen, dass historische Maschinen hinsichtlich ihrer Assistenzsysteme und Bremsleistung nicht mit aktuellen Motorrädern vergleichbar sind.

Mit aktuellen Reifen und gewarteter Bremse fahren Piloten auf Maschinen der 1970er- oder 1980er-Jahre aber nicht unsicher, betont Oliver Runschke vom ADAC. Der Oldtimer-Experte des Klubs empfiehlt, sich vor dem Kauf das Einsatzspektrum der zu kaufenden Maschine zu überlegen: Ist das Motorrad für lange Touren gedacht? Oder soll es nur für kurze Ausfahrten an Wochenenden bewegt werden?

Die BMW R 65 mit Boxermotor begann ihre Karriere Ende der 1970er-Jahre.
Die BMW R 65 mit Boxermotor begann ihre Karriere Ende der 1970er-Jahre. © BMW AG

Alte Motorräder sind per se etwas unvernünftig. „Es geht auch darum, dass sich Besitzer schon in der Garage über den Anblick ihres Wunschmotorrads freuen“, sagt Klaus Herder. „Wenn Interessenten von einer Honda CB 750 Four träumen, sollten sie sich auch dieses Modell kaufen und nicht die kleinere Maschine.“ Seiner Erfahrung nach machen meist Maschinen ab den 1970er-Jahren richtig Fahrspaß. „Mit den japanischen Superbikes wurden Motorräder sportlicher. Mit aktuellen Reifen fahren sie sich auch noch heute gut“, so Herder. Modelle wie die Honda CB 750 Four, die Kawasaki 750 H2 oder die Suzuki GT 750 seien aber schon lange kein Geheimtipp mehr und daher relativ teuer.

Klassische Maschinen ab 1950 von NSU, Horex oder DKW werden dagegen günstiger, weil die Nachfrage zielgruppenbedingt sinkt. Für eine NSU Max gebe es ausreichend Ersatzteile, ordentliche Exemplare seien für rund 4.000 Euro zu haben. Bei britischen Café-Racern wie von AJS, Matchless oder Triumph sind die Preise laut Herder deutlich höher und die Ersatzteilversorgung schwieriger. BMW-Vollschwingmodelle wie die ab 1955 gebaute R 60 böten ein gutes Fahrwerk und eine umfangreiche Teileversorgung. Leider kosten die Boxermodelle meist über 10.000 Euro.

Die in der DDR gebauten Einzylinder-Zweitakter MZ ES 175 (ab 1957) und ES 250 gebe es dagegen noch relativ günstig, erklärt der Fachmann. Weitere eher unterschätzte Modelle seien die BMW R 45 und die R 65 ab 1978. „Beide fahren zuverlässig und kosten nicht zu viel.“ Auch Maschinen aus den 1980ern, etwa die Yamaha XS 400, die Honda CX 500 oder die Yamaha-Zweitakter RD 250 und RD 350, seien günstige Spaßmacher. Gleiches gilt laut Herder für die ab 1983 gebaute K-Reihe von BMW, also die K 100 oder K 75.

Die Honda CB 750 Four gilt als erstes Großserienmotorrad mit Vierzylinder-Reihenmotor.
Die Honda CB 750 Four gilt als erstes Großserienmotorrad mit Vierzylinder-Reihenmotor. © Honda

Nach Meinung des Oldie-Spezialisten ist auch eine Harley-Davidson Sportster ab dem Baujahr 1985 eine interessante Investition. Liebhaber der Maschinen aus dem sächsischen Zschopau sollten seiner Meinung nach auf die Suche nach MZ-/MuZ-Modellen des Typs 660 Skorpion aus den frühen 1990er-Jahren gehen. Zur gleichen Generation zählen die ab 1991 gebauten Motorräder Trident 750 und 900, Trophy 900 und 1200, Daytona 750 und 1000 oder frühe Sprint und Tiger der britischen Marke Triumph. Aus Sicht von Herder schlummert hier Potenzial für künftige Klassiker. Auch die ab 1997 gebauten Rohrrahmenmodelle der US-Firma – etwa die S1, S3, M2 oder X1 – sind seiner Einschätzung zufolge „tolle Motorräder“.

Vor einem Kauf sollten sich Interessenten gründlich in technische Details und Macken der Maschine einlesen, empfiehlt der Fachjournalist. „Außerdem lohnt es sich, bei Klubs oder in Internetforen nach Tipps zu fragen.“ Entscheidend für den späteren Kauf sei ein trockener Unterstellplatz in einer Garage oder Halle. Temperaturschwankungen wie unter einem Carport können einer alten Maschine schaden. „Für den Betrieb eines historischen Motorrads reicht meistens technisches Verständnis und ein Gespür für Technik“, sagt Herder. „Besitzer müssen keine Hardcore-Schrauber sein, aber zumindest einen Spezialisten für ihre Maschine und eine zuverlässige Ersatzteilquelle kennen.“ (dpa)

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