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Lebensretter Motorradkombi

Die Materialien haben sich verbessert. Oft machen sie den Unterschied aus, ob ein Crash glimpflich ausgeht oder nicht.

Eine Frage des Stils: Textilkombis sind zwar atmungsaktiver, doch auch Leder hat noch seine Fans.
Eine Frage des Stils: Textilkombis sind zwar atmungsaktiver, doch auch Leder hat noch seine Fans. © Felix Kästle/dpa

Von Andreas Kötter

Fast alle Autofahrer schnallen sich an, um schwere Verletzungen bei einem Unfall zu vermeiden. Der Sicherheitsgurt auf dem Motorrad ist quasi die Schutzkleidung: Helm, Handschuhe, Stiefel, Hose und Jacke. Hier hat die Zubehörbranche in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte gemacht. Die verwendeten Materialien machen oft den Unterschied aus, ob ein Crash glimpflich ausgeht oder nicht.

„Jeder der schon mal gestürzt ist – und dazu gehöre auch ich –, weiß um den Wert gut sitzender und schützender Motorradkleidung“, sagt der Hajo Ullrich vom Auto Club Europa (ACE). Entweder, weil man solche Kleidung getragen und den Unfall weitgehend unversehrt überstanden habe, oder weil es als Folge mangelhaften Schutzes schmerzhafte Verletzungen gegeben habe, sagt der Motorradtrainer.

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Der Trend geht zum Mischgewebe

Wer sich bestmöglich schützen will, habe heute die Qual der Wahl, sagt Michael Lenzen vom Bundesverband der Motorradfahrer (BVDM). „Mehr Tragekomfort, mehr Sicherheit, mehr Wetterschutz, dazu für den jeweiligen Einsatzzweck spezialisierte Angebote – das ist der Trend, der sich weiter fortsetzt.“ Tourer- und Reiseendurofahrer setzen mittlerweile mehrheitlich auf Textilanzüge. Hier seien Wind- und Wetterschutz bei gleichzeitiger Atmungsaktivität, aber auch der Tragekomfort und die Sicherheit, wichtige Kaufkriterien. Laut Lenzen umfasst das Angebot Protektoren, die man exakt platzieren kann und die dort bleiben, wo sie schützen sollen. Dazu gibt es Klimamembranen, zahlreiche Taschen und Reflektorzonen bis hin zu integrierten Airbags bei den Top-Modellen.

Ein Trend, den ACE-Mann Hajo Ullrich bestätigt. „Die Entwicklung geht eindeutig zum Mischgewebe, also Textil mit Leder oder Kunstleder und Kevlar für besonders sturzgefährdete Körperpartien.“ Der Ledereinteiler sei seiner Wahrnehmung nach auf dem Rückzug und werde nur noch von alten Hasen und ganz jungen Fahrern gewünscht, die dieses Material mit einer gewissen Sportlichkeit verbinden.

Ullrich selbst benutzt Leder- und Textilkleidung. „In meiner 16 Jahre alten Lederkombi fühle ich mich nach wie vor wohl. Die sitzt wie eine zweite Haut“, sagt er. „Wenn ich aber im Hochsommer Seminare gebe und die meiste Zeit neben der Maschine stehe, möchte ich nicht vor mich hin ölen. Dann bevorzuge ich eine gute Textilkombi mit entnehmbaren Membranen.“

Gute Schutzkleidung hat ihren Preis

Abschreiben mag Lenzen Leder aber nicht. „Auch Lederkombis als Ein- oder Zweiteiler gibt es teilweise mit Klimamembran. Und auch hier haben die Hersteller den Tragekomfort und die Sicherheit weiterentwickelt. So gibt es zum Beispiel spezielle Sommermodelle.“ Nach wie vor bevorzugen Sportfahrer die Lederkombi, die eng anliegt, nicht flattert und mehr Sicherheit verspricht. Auf der Rennstrecke sei die maßgeschneiderte Lederkombi ohnehin eine Selbstverständlichkeit, so Lenzen.

Qualitativ hochwertige Schutzkleidung ist unverzichtbar, aber sie hat auch ihren Preis. Gerade Neueinsteiger neigten dazu, im Verhältnis deutlich mehr in ihr Motorrad zu investieren als in die Schutzkleidung, ist Ullrichs Erfahrung. „Eine komplette Schutzkleidung gibt es aber nun mal nicht für 300 Euro.“

Wer einen vernünftigen Helm, gute Handschuhe, ordentliche Motorradstiefel und eine taugliche Kombi wolle, der müsse zwischen 1.200 und 1.500 Euro hinlegen. Bei einem Fahrzeugpreis, der vielleicht bei 4.500 Euro anfange, mache das dann aber bereits ein Drittel aus.

Beim Helmtest sollte auch die Sonnenblende ausprobiert werden.
Beim Helmtest sollte auch die Sonnenblende ausprobiert werden. © Robert Günther/dpa

Immer wieder erlebt der Experte, dass viele dann nachdenklich würden und sparen wollten. Getreu dem Motto: „Für die erste Saison reicht das schon aus.“ Ullrich versteht das sogar ein Stück weit. „In Zeiten von Corona muss manch einer sehr genau rechnen, was er investieren kann. „Wenn aber jemand mit einer 25.000 Euro teuren Harley oder Ducati zu unseren Kursen kommt und Gummistiefel trägt, dann ist mein Verständnis aufgebraucht. Diese Leute schicke ich dann zu ihrer eigenen Sicherheit umgehend nach Hause.“

So sitzt der neue Motorradhelm perfekt:

Fester Sitz ist entscheidend bei der Wahl des Motorradhelms. Das Wunschexemplar dürfe sich keinesfalls bei geschlossenen Kinnriemen abstreifen lassen, erklärt der Tüv Süd. Aber am Kopf drücken sollte er auch nicht.

Für die Auswahl braucht man Muße. Um zu prüfen, ob die Größe und die Form passen, sollte der Helm mindestens zehn Minuten auf dem Kopf bleiben. Dabei gilt es, auch auf etwaige Druckstellen zu achten.

Ausschlusskriterien sind, wenn das Kinn den Kinnschutz berührt, oder die Stirn stark gegen das Innenpolster drückt. Wichtig ist auch, in Ruhe auszuprobieren, ob sich Dinge wie die Belüftung, eine Sonnenblende oder der Kinnriemen einfach bedienen lassen. Klappt das auch noch mit Handschuhen?

Idealerweise sollten Käufer mit dem Wunschmodell eine Probefahrt unternehmen. Dabei lassen sich etwaige Druckstellen und auch das Geräuschverhalten im Fahrtwind am besten testen. Allerdings sollte der Helm den Fahrer nicht allzu stark von Umgebungsgeräuschen abkapseln. (dpa)

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Auch das Argument vieler Pendler, man könne im Job nicht mit Motorradhose und Stiefeln herumlaufen, zieht längst nicht mehr. Gleiches gilt für die Klage von Bikern, die den fehlenden Coolnessfaktor typischer Schutzkleidung bemängeln.„Selbst Fahrer der Cruiser-Szene oder solche, die sich zu ihrem Retro-Bike auch einen Vintage-Look bei der Kleidung wünschen, können sich heute umfassend schützen“, sagt Lenzen. Motorradbekleidung, die aussehe wie normale Straßenkleidung, sei heute vielfältiger als früher, Hosen im Jeans- und Hemden im Baumwolllook seien längst eine Selbstverständlichkeit. „Hier hat sich in puncto Protektoren und Abriebfestigkeit, dank entsprechender, verstärkender Fasern und Materialien, viel getan.“

Wer seine Lederkombi oder textile Schutzkleidung reparieren lassen will, kann sich an Spezialwerkstätten wenden. In Sachsen sind das zum Beispiel Leder-Speed in Limbach-Oberfrohna und die Firma Bredemeyer in Dresden-Löbtau.

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Die Kosten für solche Arbeiten variierten enorm und hingen von der Schwere des Sturzes, aber auch der Materialbeschaffenheit ab, sagt Pia Bredemeyer. „Ist die Kombi hochwertig, kann es sich auch lohnen, 400 Euro dafür auszugeben.“ Manche Reparaturen seien auch Herzenssache. Vor einigen Jahren hat Bredemeyer den Schutzanzug einer Motorradfahrerin repariert, die überzeugt war, die Lederkombi habe ihr bei einem schweren Unfall das Leben gerettet. (dpa mit rnw/are)

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