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Wie gefährlich sind E-Roller wirklich?

Lars Zemke, Deutschlands oberster E-Scooter-Lobbyist, im Interview über Konflikte mit Fußgängern, Kritik am Tempo-20-Limit und hohe Geldstrafen.

Begegnung der unheimlichen Art: Sind E-Scooter-Fahrer regelwidrig auf dem Gehweg unterwegs, kann es für Fußgänger gefährlich werden.
Begegnung der unheimlichen Art: Sind E-Scooter-Fahrer regelwidrig auf dem Gehweg unterwegs, kann es für Fußgänger gefährlich werden. © dpa

Am 1. März hat die Saison für E-Scooter begonnen. Manche Versicherer senken ihre Prämien für die elektrischen Stehroller. Und das, obwohl bei Unfällen mit E-Scootern in Deutschland in den ersten neun Monaten 2020 sieben Menschen getötet, 269 schwer und 1.069 leicht verletzt worden sind. Ist das Fahren mit E-Scootern also weniger risikoreich als gedacht? Die SZ sprach über die Situation mit Lars Zemke vom Bundesverband Elektrokleinstfahrzeuge.

Herr Zemke, geben die Unfallzahlen nicht den Kritikern der elektrischen Stehroller recht?

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Nein, gar nicht. Zum einen muss man sagen, dass 2021 die Prämien mancher Versicherer, darunter die DEVK, die Huk-Coburg und die R+V, gesunken sind. Das bedeutet, die Nutzer dieser Gefährte haben weniger Unfälle verursacht als gedacht. Zum anderen muss man das Unfallgeschehen auch in Relation zu dem der Radfahrer stellen. Hier gab es im gleichen Zeitraum fast 74.000 Unfälle mit 351 Toten und über 14.000 Schwerverletzten. Die Quoten der Unfälle mit Toten und Schwerletzten sind also bei E-Scooter- und Radfahrern in etwa gleich. Aus meiner Sicht spielen die Zahlen den Kritikern nicht in die Karten.

Der Chef der Unfallforschung der Versicherer hält dennoch eine Zahl für alarmierend: Bei einem Fünftel aller E-Scooter-Unfälle sei der Verunglückte ein anderer Verkehrsteilnehmer. Bei Fahrradunfällen sei die Fremdgefährdung mit fünf Prozent deutlich niedriger. Liegt das daran, dass Rollerfahrer zu oft regelwidrig auf Gehwegen fahren?

Dieses Thema hauen wir uns schon seit anderthalb Jahren um die Ohren. Dazu kann ich nur sagen: Ich wohne in Berlin in einem Gebiet ohne Leihroller, und seit Beginn der Pandemie gehe ich viel zu Fuß. Ab und zu sehe ich private E-Scooter, deren Besitzer auf dem Radweg oder der Straße fahren. Gleichzeitig kommen mir aber auf dem Gehweg viele Leute mit dem Rad entgegen. Eigentlich will ich mich gar nicht auf dieses Gehwegfahrer-Bashing einlassen. Die Leute wollen doch niemanden provozieren! In den meisten Fällen ist das eine Art Eigenschutz. Ich kann jeden verstehen, der an einer Hauptstraße unterwegs ist und lieber auf dem Gehweg bleibt, statt auf die Fahrbahn zu wechseln.

Lars Zemke (51) verdient sein Geld als IT-Consultant und ist seit 2019 Vorstand des Bundesverbands Elektrokleinstfahrzeuge.
Lars Zemke (51) verdient sein Geld als IT-Consultant und ist seit 2019 Vorstand des Bundesverbands Elektrokleinstfahrzeuge. © privat

Und was ist mit den Fußgängern?

Klar, dass denen das nicht gefällt. Das ist ja insgesamt das Problem, dem wir uns stellen und wofür wir Lösungen finden müssen. Es hilft aber nichts, zu sagen, E-Scooter seien zu nichts zu gebrauchen, weil alle damit auf dem Gehweg fahren. Irgendwann werden ja auch mal neue Fahrzeuge hinzukommen. Mikromobilität ist dynamisch. Das Motto „Wir schauen nur aufs Fahrrad, und danach ist Schluss“ finde ich falsch.

Wie viele Kilometer legen E-Scooter-Fahrer im Schnitt pro Jahr zurück? Solche Zahlen würden doch helfen, die Unfallzahlen besser einordnen zu können.

Es gibt dazu keine Daten, zumindest kenne ich keine. Vor 14 Tagen habe ich das letzte Mal die Zahl der seit Juni 2019 versicherten E-Scooter in Deutschland beim Gesamtverband der Versicherungswirtschaft angefragt – ohne Ergebnis.

Müssten nicht zumindest Verleiher entsprechende Daten liefern können?

Klar, logisch. Dort kann man Schnittstellen anzapfen und schauen, wie oft geliehen und wie weit gefahren wurde. Unserem Verband geht es aber um etwas anderes. Wir wollen, dass sich der Privatverkehr entwickelt. Um beim Beispiel von Berlin zu bleiben: Außerhalb des S-Bahn-Rings gibt es keine Verleiher. Hier und da eine Insellösung, aber das war es dann auch. So ist es bundesweit im ländlichen Raum. Das Bundesverkehrsministerium und der Deutsche Verkehrssicherheitsrat scheuen die Analyse der Frage, wie der private Verkehr aussieht. Das sei zu teuer und zu aufwendig, heißt es. Was es seit Mai 2020 gibt, ist ein Projekt der Bundesanstalt für Straßenwesen und der Verkehrsunfallforschung Dresden. Dabei wird das Nutzerverhalten von E-Tretroller-Fahrern und das durch sie veränderte Unfallgeschehen untersucht.

Wann ist mit Ergebnissen zu rechnen?

Ende des dritten Quartals 2022.

Was haben Sie an dieser Form der Datenerhebung auszusetzen?

Sie spiegelt nicht die Mikromobilität in ihrer Gesamtheit wider, wie wir sie sehen. Wenn ich mich mit Gleichgesinnten treffe, kommt niemand mit einem Leihroller. In Zeiten von Corona ist das Geschäft am Boden. Die Firmen unterbieten sich gerade in ihren Preisen, damit überhaupt jemand einen Roller ausleiht. Der Anbieter Tier verabschiedet sich gerade aus Dresden.

© SZ Grafik

Wie würden Sie denn die Situation der privaten E-Scooter-Fahrer beschreiben?

Nach dem Start der Elektrokleinstfahrzeugverordnung Mitte Juni 2019 ist im Frühjahr 2020 noch die StVO-Novelle hinzugekommen. Diese beinhaltete einige Änderungen für uns. Zum Beispiel, dass Einbahnstraßen auch in entgegengesetzter Form freigegeben sind. Andererseits müssen E-Scooter-Fahrer mit ihrem „Kraftfahrzeug“ am grünen Abbiegepfeil anhalten, während Radfahrer weiterfahren dürfen. Das Ergebnis ist eine große Unsicherheit. In den einschlägigen Foren finde ich immer wieder dieselben Fragen: Darf ich hier fahren? Ist dieses oder jenes verboten? Auch das 20-km/h-Tempolimit ist schlecht.

Wieso?

Was fördern wir denn damit? Ich sage es Ihnen: Tuning. Die Leute überlegen, wie sie ihren Roller schneller bekommen. Die wollen sich doch auf dem Radweg nicht von der Oma auf dem Pedelec überholen lassen. Übrigens werden Scooter, wie man sie hier in Deutschland bekommt, weltweit mit einem Maximaltempo von 25 km/h verkauft. Dass man durch illegales Tuning aus dem Versicherungsschutz herausfällt und gegen das Pflichtversicherungsgesetz verstößt, kommt ja noch obendrauf. Das wissen die wenigsten. Die meisten halten das für ein Kavaliersdelikt.

Was drohen für Strafen, wenn man erwischt wird?

Fahrer von frisierten E-Scootern verlieren die Allgemeine Betriebserlaubnis, damit erlischt ihr Versicherungsschutz. Also führen sie ein unversichertes Fahrzeug im Straßenverkehr, was eine Straftat darstellt. Ich bekomme häufig Anfragen nach dem Motto „Ich wurde erwischt, was muss ich jetzt machen?“. Bei der Berliner Staatsanwaltschaft werden Verfahren öfter mal eingestellt, wenn sich der Angeklagte einsichtig zeigt. Kommt es dagegen zu einer Streiterei, hängt die Höhe der Strafe vom Tagessatz ab. Ich kenne Fälle, wo die Betroffenen in Summe 3.000 Euro zahlen mussten. Das ist aber noch nicht alles.

© Quelle: rnw

Was denn noch?

Legen Sie Wert auf ein sauberes polizeiliches Führungszeugnis, haben Sie ein Problem. Denn dann steht da „Fahren ohne Zulassung“ oder Ähnliches drin.

So etwas droht nach wie vor auch all jenen, die mit nicht zugelassenen E-Skateboards oder Monowheels fahren?

Ja. Deswegen wäre es so gut gewesen, wenn wir 2019 parallel zum Start der Verordnung eine Ausnahmegenehmigung für diese Fahrzeuge erhalten hätten. Dann hätten wir anderthalb Jahre lang aussagekräftige Zahlen und Daten über das Nutzerverhalten zu diesen Fahrzeugen sammeln können. Das ist aber leider nicht passiert.

Besteht Aussicht darauf, dass sich daran etwas ändert, also in absehbarer Zeit weitere Elektrokleinstfahrzeuge legalisiert werden?

Die Regierung will diese heiße Kartoffel vor der Bundestagswahl nicht mehr anfassen. Wir haben einen Brief an den Verkehrsausschuss des Bundestages geschrieben und nicht mal eine Antwort erhalten.

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Das heißt, für deren Besitzer steht ein weiteres Jahr in der Illegalität bevor.

Ja, klar. Die goldenen Zeiten, als selbst Polizisten diese Gefährte noch als Spielzeug betrachteten und deren Fahrer unbehelligt ließen, sind längst vorbei. Jetzt wird jeder von der Straße geholt.

Das Gespräch führte Andreas Rentsch.

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