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Wie langstreckentauglich sind E-Autos?

Rekordjäger Rainer Zietlow ist bisher immer Verbrenner gefahren. Jetzt ist er elektrisch unterwegs, um mit einem Vorurteil aufzuräumen.

Marathon-Männer: Rainer Zietlow (r.) und sein Beifahrer Dominic Brüner bei einer kurzen Pause in der Nähe von Würzburg.
Marathon-Männer: Rainer Zietlow (r.) und sein Beifahrer Dominic Brüner bei einer kurzen Pause in der Nähe von Würzburg. © Challenge4

Die Frage nach der Langstreckentauglichkeit von E-Autos möchte Rainer Zietlow bei einer halben Weltumrundung beantworten. 20.000 Kilometer wollen der 50-Jährige Mannheimer und sein Beifahrer Dominic Brüner (29) in 65 Tagen zurücklegen. Und zwar rein elektrisch. Läuft alles nach Plan, ist am 1. Dezember das Ziel auf Sylt erreicht. Unterwegs ist das Duo mit einem Vorserienmodell des VW ID.3 Pro S, das erst im Frühjahr 2021 auf den Markt kommt. Das in Zwickau gebaute Elektroauto mit extragroßer Batterie soll bis zu 550 Kilometer Reichweite bieten. Im Alltag sei dieser Wert aber gar nicht so wichtig, erklärt Zietlow bei einem Zwischenstopp an der Gläsernen Manufaktur in Dresden.

Rainer Zietlow (50) ist Langstrecken-Spezialist und hält mehrere Weltrekorde. Mit Autos ist der gebürtige Mannheimer schon durch 130 Länder gefahren.
Rainer Zietlow (50) ist Langstrecken-Spezialist und hält mehrere Weltrekorde. Mit Autos ist der gebürtige Mannheimer schon durch 130 Länder gefahren. © Challenge4

Herr Zietlow, bei Ihrer elektrischen Dienstreise sind Sie diese Woche in Sachsen unterwegs. Wo trifft man Sie beim Stromzapfen?

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Wir besuchen ausschließlich Schnellladesäulen des WeCharge-Netzwerks und fahren dafür kreuz und quer durchs Land. Und zwar zu Ladepunkten, die eine Leistung von 60 Kilowatt oder mehr haben. Bundesweit sind 1.600 Stopps vorgesehen. Pro Tag schaffen wir etwa 400 bis 500 Kilometer. 

Wie oft müssen Sie laden, um diese Distanzen zu schaffen?

Sobald wir an eine Ladestation kommen, laden wir nach. Das ist ja das neue Denken der Elektromobilität: Laden, wo immer es geht. 

Wie lange dauern die Tankstopps maximal, und wie viel Energie verbrauchen Sie?

An einem 150-kW-Schnelllader braucht das Auto etwa 45 bis 60 Minuten, bis der Akku wieder zu 80 Prozent gefüllt ist. Je nachdem, wie leer er zuvor war. Unser Verbrauch liegt bei etwa 18 kWh auf hundert Kilometern. Das ist mehr als der im Datenblatt angegebene Wert (laut Prüfzyklus NEFZ, Anm. d. A.), der zwischen 13,5 und 14,1 kWh liegt. Aber das  ist ja keine Fahrt, bei der es auf geringstmöglichen Verbrauch ankommt. 

Wie dicht ist das Netz der Ladepunkte, das Sie nutzen?

Europaweit kann man mit der WeCharge-Ladekarte an 150.000 Punkten laden. Wir testen jetzt die bundesweit rund 90 beteiligten Infrastrukturbetreiber und fahren insgesamt 680 Schnellader an. 

Wer oder was ist WeCharge?

Hinter diesem Service steht die VW-Tochter Elli. Dieses Unternehmen schließt deutschlandweit Verträge mit allen Stromanbietern. Elli ist eine Art Roaming-Anbieter für E-Auto-Nutzer. Die Kunden sollen sich nicht mit einzelnen Ladesäulenbetreibern auseinandersetzen müssen, sondern alles aus einer Hand bekommen. 

Dynamisches Duo: Beide Fahrer wechseln sich regelmäßig am Steuer ab. Vorrangig zuständig fürs Dokumentieren der 20.000-Kilometer-Testfahrt ist Dominic Brüner. 
Dynamisches Duo: Beide Fahrer wechseln sich regelmäßig am Steuer ab. Vorrangig zuständig fürs Dokumentieren der 20.000-Kilometer-Testfahrt ist Dominic Brüner.  © Challenge4
Zick-Zack-Kurs: Das Institut für Transportlogistik an der TU Dortmund hat eine Route berechnet, mit der das Team in fast jeden Winkel Deutschlands kommt, ohne allzu oft eine Strecke doppelt zu fahren. 
Zick-Zack-Kurs: Das Institut für Transportlogistik an der TU Dortmund hat eine Route berechnet, mit der das Team in fast jeden Winkel Deutschlands kommt, ohne allzu oft eine Strecke doppelt zu fahren.  © Challenge4
Immer auf dem Laufenden: Die Position des Wagens wird etwa alle 15 Minuten aktualisiert und lässt sich auf www.id3-deutschlandtour.com checken. 
Immer auf dem Laufenden: Die Position des Wagens wird etwa alle 15 Minuten aktualisiert und lässt sich auf www.id3-deutschlandtour.com checken.  © Challenge4
Langer Arbeitstag: Strom gezapft wird bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Um alle 650 Schnelllader im Bundesgebiet testen zu können, müssen Zietlow und Brüner jeden Tag früh starten. 
Langer Arbeitstag: Strom gezapft wird bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Um alle 650 Schnelllader im Bundesgebiet testen zu können, müssen Zietlow und Brüner jeden Tag früh starten.  © Challenge4
Entfernte Geschwister: Der Trabant wurde einst in Zwickau gebaut, auch der ID.3 Pro S stammt aus dem Volkswagen-Werk in Mosel.
Entfernte Geschwister: Der Trabant wurde einst in Zwickau gebaut, auch der ID.3 Pro S stammt aus dem Volkswagen-Werk in Mosel. © Challenge4

Wie lautet Ihr Zwischenfazit nach der Hälfte der Tour?

Die Nutzung der Säulen hat bis auf zwei Ausnahme überall funktioniert. 

Wo hat es nicht geklappt?

Einmal in Offenbach bei Honda - dort wird die Station demnächst abgeschaltet - und ein zweites Mal bei Total im hessischen Alsfeld. Dort hatten wir enorme Probleme mit der Ladekarte und haben auch keine Service-Hotline erreicht. Letztlich sind wir im Niemandsland hängen geblieben: Im Umkreis von 80 Kilometern gibt es dort keine anderen Schnelllader. Um weiterfahren zu können, mussten wir von 175 Kilowatt, die die Säule normalerweise abgibt, auf 22 runtergehen - was uns ungeplante Wartezeit beschert hat. Das sind Erlebnisse, die noch zum Alltag von E-Auto-Fahrern gehören. 

Wo haben Sie Lücken im Schnellladenetz ausgemacht?

Auch wenn wir noch einiges vor uns haben, lässt sich jetzt schon sagen, das Dresden bei der Schnelllade-Infrastruktur deutschlandweit top ist. Lücken haben wir bisher im Vogtland oder Nordhessen festgestellt. 

Was für Probleme hatten Sie noch?

Manchmal waren an Raststätten die Ladeplätze von Kleintransportern zugeparkt, deren Fahrer dort übernachteten. Die Flächen müssten zuverlässiger freigehalten werden. 

Wie fährt sich das Auto? Haben Sie etwas herausgefunden, was Sie vorher nicht wussten?

Natürlich sind Beschleunigung und Traktion eines E-Autos der Hammer. Das sieht man an den Hinterreifen. Dank des niedrigen Schwerpunkts ist schnelles Kurvenfahren kein Problem. Neu für mich war der schnelle Wechsel zwischen Vorwärts- und Rückwärtsgang. Seit dem dritten Tourtag fahre ich ausschließlich im Rekuperations-Modus. Das heißt, wenn ich den Fuß vom Gaspedal nehme, verzögert das Auto etwas stärker als im normalen Leerlauf. Dabei wird die entstehende Energie in den Akku zurückgeführt. 

Werden Sie von anderen Autofahrern angesprochen, und wenn ja, was wollen die wissen?

Meist den Anschaffungspreis und die Reichweite. 

Geht es auch um das Thema Reichweitenangst?

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Michael Papke aus Radebeul fährt 30.000 Kilometer pro Jahr elektrisch. Über heiße Akkus, fehlende Ladesäulen und fast fünfstellige Rabatte.

Ja. Tatsächlich bleibt ein Elektroauto stehen, wenn die Akkukapazität auf null sinkt. Das erschreckt viele, die eine großzügige Reserve bei Verbrennern gewohnt sind. Dabei ist die Infrastruktur in Deutschland nicht so schlecht, dass man den Akku fast komplett leer fahren müsste. Für den ID.3 würde ich empfehlen, spätestens bei zehn Prozent Restkapazität wieder Strom zu tanken. Man muss das Nachladen gut planen, etwa per Smartphone-App oder Navi. 

Die gefahrene Route von Rainer Zietlow und Dominic Brüner lässt sich nahezu in Echtzeit verfolgen. Diese Woche sind sie in Sachsen unterwegs. 

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