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Möbelkäufer brauchen viel Zeit - und noch mehr Geld

Die Möbelindustrie klagt über gerissene Lieferketten, Materialmangel, extreme Wartezeiten, horrende Preise. Und wer bezahlt am Ende die Zeche?

Von Michael Rothe
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Was fehlt in dieser neuen Küche? Tipp: Es braucht Strom und Mikrochips.
Was fehlt in dieser neuen Küche? Tipp: Es braucht Strom und Mikrochips. © Jürgen Lösel

Er hätte die passende Überschrift für einen Artikel zur Inflation, sagt Maik Hippel, Leiter des Möbelwerks Heidenau: „Möbel müssen teurer werden“, fügt er umgehend hinzu. Und ein Ausrufezeichen. Dabei wollte die SZ nur wissen, wie das Werk mit 160 Beschäftigten durch die Pandemie kommt. Die Rand-Dresdner fertigen Schlafzimmer als zerlegte Mitnahmemöbel: Betten, Schränke, Kommoden aus folierten Spanplatten für Händler wie Roller, Sconto, Boss, Mahler, Höffner und Internetportale.

Hippels Wunsch geht in Erfüllung, wenn auch nicht im Geist seiner Botschaft: „Die Preise in den Möbelhäusern werden der Wertigkeit von Möbeln seit Jahren nicht gerecht“, kritisiert er die dortige Rotstiftpolitik. „699 Euro für ein ganzes Schlafzimmer, das kann nicht sein“, schimpft er. Sachsens Möbelhersteller leiden unter dem Preisdruck der 21 Einkaufsverbände – darunter Begros, Alliance, Giga International.

Jetzt steigen die Preise mehr, als manchem lieb ist – und schon gar nicht aus Wertschätzung. Laut Statistischem Landesamt haben die Verbraucherpreise für Möbel von Januar bis Oktober um 4,5 Prozent zugelegt – viel stärker als in den Jahren zuvor und fast im Gleichschritt mit den Erzeugerpreisen. Ursachen sind akute Materialnot der Produzenten, die Preisexplosion bei fast allen Vormaterialien: Spanplatten, Massivholz, Polsterschäumen, Metallteilen, Beschlägen, Funktionselementen, Lack, Leim, Stoff- und Lederbezügen, elektronischen Bauteilen. Auch Paletten, Holzkisten und Verpackungen aus Karton, Wellpappe sind rar, ebenso Transportkapazitäten. Die Folge: lange Lieferzeiten.

Kehrseite der Auslagerung

Das Münchner Ifo-Institut nennt die Lage „absurd: Trotz voller Auftragsbücher schrumpft seit Jahresbeginn die Produktion.“ Die Industrie erlebe eine „Flaschenhals-Rezession“. Gut 94 Prozent der Möbelhersteller klagten über Lieferengpässe, die noch sieben Monate andauern könnten. Jahrzehnte hatten sie sich darauf verlassen, auch vom anderen Ende der Welt alles zuverlässig geliefert zu bekommen – und ihre Lager abgebaut. Nun bestätigt die Pandemie: Outsourcing und Just-in-time-Fertigung machen anfällig für Produktionsstopps an ausländischen Standorten.

Am Ende zahlen die mit kleinem Geldbeutel die Zeche, unsere Kundschaft, sagt Maik Hippel, Leiter des Möbelwerks Heidenau.
Am Ende zahlen die mit kleinem Geldbeutel die Zeche, unsere Kundschaft, sagt Maik Hippel, Leiter des Möbelwerks Heidenau. © Ronald Bonß

Corona wirkt wie ein Brandbeschleuniger. In der Krise kam viel zusammen: steigende Rohstoffpreise, die lange Schließung des Containerhafens im chinesischen Yantian, die Frachter-Havarie im Suezkanal, durch Brand und Stromausfälle stillgelegte Chipfabriken in Asien und den USA, fehlende Seecontainer, der Nachfrageboom nach den Lockdowns hierzulande.

Sachsen im Osten führend

In Sachsen sei die Lage wie in anderen Ländern, heißt es vom dortigen Verband der Holz und Kunststoffe verarbeitenden Industrie. Material sei knapp und „zu fast schon astronomischen Preisen erhältlich, Entspannung nicht in Sicht“, sagt Geschäftsführer Thomas Gläser. Auch wenn die Branche gut durch die Pandemie gesteuert sei, rechne er mit vier bis fünf Prozent weniger Umsatz als 2019 vor Corona.

Der Freistaat ist das führende Möbelland im Osten. Dort gibt es rund 60 Hersteller mit mehr als 20 Leuten, in Summe gut 4.000 Beschäftigte, dazu Hunderte Möbeltischler. Namhafte Adressen sind: Maja in Wittichenau, einer der fünf Top-Zulieferer für Ikea, Polstermöbel Oelsa in Rabenau, die Wehrsdorfer Werkstätten in Sohland an der Spree, Sachsenküchen in Dippoldiswalde und Oka Büromöbel in Neugersdorf.

„Ich habe so etwas noch nicht erlebt“, sagt Andreas Käppler, Mitinhaber der Polstermöbel Oelsa, nach einer Krisensitzung. Alles sei teurer, Schaum gar um 30 Prozent. Zudem stelle dessen tschechischer Hauptlieferant die Produktion ein, ein anderer könne wegen Corona-Fällen nicht liefern. Dabei habe sein Werk mit 230 Leuten „Aufträge, dass die Heide wackelt“. Dennoch müsse der Betrieb ein paar Tage schließen. „Wir können erstmals zugesagte Aufträge bis Weihnachten nicht erfüllen“, räumt Käppler ein und bittet um Verständnis.

Hamstern verschärft Lage

Kai Trüggelmann, Chef der Wehrsdorfer Werkstätten, spricht von „einer Katastrophe“. Ende 2019 habe der Kubikmeter Spanplatte 115 Euro gekostet, heute 280 Euro. „Und da ist nicht mal sicher, ob die Ware auch kommt“, sagt er. Der Hersteller von Wohnwandsystemen mit gut 100 Beschäftigten müsse sich auch im Großhandel bedienen: „Hauptsache die Dicke stimmt!“

Trüggelmann weiß von Firmen, die sich für ein halbes Jahr eingedeckt hätten. „Hamstern verschärft die Lage noch mehr“, sagt er, räumt aber ein: „Wenn ich auf die Gastronomie und andere Bereiche schaue, dann jammern wir auf hohem Niveau.“ Denn eigentlich gehöre die Möbelindustrie zu den Gewinnern der Krise. Trüggelmanns Botschaft: „Seien Sie bei der Lieferzeit gnädig mit uns.“

Fehlende Einbaugeräte verzögern und verteuern den Küchenkauf derzeit erheblich.
Fehlende Einbaugeräte verzögern und verteuern den Küchenkauf derzeit erheblich. © Jürgen Lösel

Uwe Starke ist gnädig. Doch es nervt den Chef und Inhaber von XXL Küchen ASS in Schönbach bei Löbau, wenn er von Herstellern zwei Tage vor der Lieferung eine E-Mail bekommt, dass der Termin nicht zu halten sei – und der neue in zehn Wochen. Kunden müssten in der Regel zwölf bis 14 Wochen auf ihre Küche warten, sagt Starke. Oft hänge es an Einbaugeräten, die wegen fehlender Mikrochips nicht fertig würden. Tatsächlich gibt es in den Ausstellungen seiner sieben Filialen im Raum Dresden und der Oberlausitz Lücken – dort, wo Kühlschränke, Herde und Geschirrspüler von Miele, Siemens, AEG hingehören.

Ikea und Höffner bauen vor

Um die Verfügbarkeit zu sichern, hat Ikea, der Primus im deutschen Möbelhandel, Schiffe gechartert, Container gekauft, alternative Routen und Transportarten genutzt, wie den Schienengüterverkehr von China nach Europa, und externe Lager angemietet. Das reiche aber noch nicht, um alle Bestände aufzufüllen, räumt Ikea ein.

Bei der Beschaffung prüfe man regionale Ressourcen, heißt es von der schwedischen Kette mit bundesweit 54 Häusern, darunter in Dresden und Chemnitz. Schon jetzt kämen 70 Prozent der in Europa verkauften Ware auch von dort, sagt eine Sprecherin. Das Sortiment aus 11.000 Artikeln könne „vorübergehend variieren“. Ikea hofft auf das Verständnis der Kunden, will „alles tun, um unser Versprechen niedriger Preise einzuhalten“ – wird aber nicht konkret. Es sei zu früh, um abzusehen, wie sich Lage und Preise auf dem Weltmarkt entwickeln, so der Weltkonzern mit allein 5,3 Milliarden Euro Jahresumsatz in Deutschland.

„Kein Drama“, sagt indes Thomas Dankert, Geschäftsführer von Höffner, dem Umsatz-Dritten im deutschen Handelsranking. In den 24 Einrichtungshäusern – u. a. in Dresden, Chemnitz und Günthersdorf bei Leipzig – seien „die Lager bis unter die Decke gefüllt“ und Höffner „in der Lage, alles zu liefern“. Nur bei einzelnen kommissionierten Elektrogeräten gebe es längere Wartezeiten, so der Platzhirsch in Dresden.

Möbelkauf noch dieses Jahr?

„Wenn Kunden Bedarf haben, sollten sie ihn noch dieses Jahr decken, denn danach wird es teurer“, rät der Höffner-Chef. Uneigennützig? Ökonomen, wie Kerstin Bernoth vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung jüngst in der Zeitschrift Stern, warnen vor vorgezogenen Käufen. Denn: „Machen das alle bei gleichbleibendem Angebot, steigen die Preise weiter.“

„Wir hängen direkt am Endkunden und können die Preise im Mitnahmemarkt nicht weitergeben“, sagt Maik Hippel vom Möbelwerk Heidenau. „Die Preise für Benzin, Strom und anderes verleiten nicht dazu, Möbel zu kaufen“, schwant ihm nichts Gutes. Die Schere zwischen Arm und Reich werde größer, warnt Hippel. „Am Ende zahlen wieder die mit kleinem Geldbeutel die Zeche – und das ist unsere Kundschaft.“