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Nivea-Hersteller wächst in Leipzig

Beiersdorf legt den Grundstein für sein neues sächsisches Werk. In einem Jahr soll die Produktion in Leipzig beginnen.

Der Hamburger Konsumgüter- und Kosmetikherstellers Beiersdorf baut für 220 Millionen Euro eine Fabrik bei Leipzig.
Der Hamburger Konsumgüter- und Kosmetikherstellers Beiersdorf baut für 220 Millionen Euro eine Fabrik bei Leipzig. © dpa/Jan Woitas

Leipzig. Auf einem weiten, freien Feld hinter der Autobahn im Leipziger Norden ziehen vier Kräne meterhohe Betonwände in den Himmel. Der Kosmetikkonzern Beiersdorf aus Hamburg baut hier in Sachsen einen völlig neuen Produktionsstandort für Deos, Rasierschaum und Haarsprays.

Schon ab nächstem September sollen jährlich bis zu 450 Millionen Produkte für den europäischen Markt und den weiteren Export auf fünf Produktionslinien hergestellt werden. Zunächst gut 200 Mitarbeiter sollen im Drei-Schicht-Betrieb arbeiten. Das Waldheimer Traditionswerk, das zurzeit unter anderem Florena- und Nivea-Cremes produziert, läuft dann ein paar Monate lang parallel und wird voraussichtlich Anfang 2023 geschlossen, sagte der Standortleiter Stephan Roelen.

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Am Mittwochmittag sind Beiersdorf-Vorstandschef Vincent Warnery und Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) angerückt zur Grundsteinlegung im Nirgendwo. Immerhin fließen 220 Millionen Euro in die Fabrik sowie 170 Millionen Euro in ein Logistikzentrum mit 400 weiteren Jobs. „Zusammengenommen ist dies die größte Investition weltweit, die Beiersdorf je getätigt hat“, sagt CEO Warnery. International hat der Konzern mehr als 20.000 Mitarbeiter an 16 Produktionsstandorten – den größten davon in Hamburg, den zweitgrößten bald in Sachsen.

Auch Sachsens MP Michael Kretschmer (CDU) war bei der Grundsteinlegung anwesend.
Auch Sachsens MP Michael Kretschmer (CDU) war bei der Grundsteinlegung anwesend. © dpa/Jan Woitas

In Waldheim wird der Umzug des Werks nach Leipzig allerdings bedauert. Doch laut Manager Roelen wechseln 140 von derzeit noch 250 Mitarbeiter nach Leipzig. 52 würden in Rente oder in Alterszeit gehen, rund 60 bekommen eine Abfindung. „Wir haben bei 170 Mitarbeitern eine realistische Chance gesehen, mit uns nach Leipzig zu gehen. 30 von ihnen wollen in der Region bleiben“, sagt Roelen. Für die anderen, die mit an den neuen Standort wechseln, gibt es eine einmalige Umzugsprämie, die Rede ist von 6.000 Euro. Auch der Standortleiter selbst plant, nach Leipzig umzuziehen, er ist dort für eine hohe Leitungsaufgabe im Gespräch.

Für Leipzig ist die Ansiedlung des Kosmetik-Riesen mit mehr als sieben Milliarden Euro Jahresumsatz ein Segen. Bisher habe die Wirtschaftsregion vor allem auf die Branchen Automobil, Biotechnologie, Logistik und Kreativwirtschaft gesetzt, sagt Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD). „Und plötzlich kommt da ein neuer Spieler zu uns auf den Markt – das tut uns unglaublich gut.“ Je breiter Leipzigs Wirtschaft aufgestellt sei, umso unabhängiger sei die Stadt von einzelnen Branchen.

Die Flächen für das Gewerbegebiet in Leipzig-Seehausen habe die Stadt vor vielen Jahren sehr mühsam in Tauschgeschäften mit der Kirche zusammenstellen müssen. „Das war ein langer Weg, aber jetzt wird daraus ein Beiersdorf-Standort.“ Seine Vision sei, so Jung, dass der Konzern in 20 bis 25 Jahren 1.000 Mitarbeiter und eine Forschungs- und Entwicklungsabteilung in Leipzig habe.

Vorstandschef Warnery, der erst seit Mai im Amt ist, widerspricht nicht, hält sich aber bedeckt: „Das neue Werk schafft im Produktionsnetzwerk von Beiersdorf die Kapazitäten für langfristiges, nachhaltiges Wachstum“, sagt er. „Wir blicken gespannt und mit großen Erwartungen in die Zukunft des neuen Werks.“ Die Stadt war bei einer europaweiten Standortsuche ausgesucht worden. „Leipzig liegt im Herzen Europas und hat eine sehr gute Infrastruktur. Wir können hier langfristiges Wachstum realisieren, weil es die Möglichkeit zur Erweiterung gibt.“ Dabei werde der Neubau hohe Umweltstandards erfüllen: Das Werk werde durch regenerative Energien CO2-neutral betrieben, es sei mit einer Fotovoltaikanlage ausgestattet und solle zurückgewonnene Wärme, Abwasser und Ethanol aus den Produktionsprozessen aufbereiten. Die Produkte werden künftig auch in recyceltem Aluminium verpackt. Warnery, Kretschmer und Jung mauerten schließlich eine Zeitkapsel aus Metall in einen Grundstein für den Rohbau ein. „Diejenigen, die in den 90er-Jahren in die Infrastruktur investiert haben, wussten, was sie taten“, sagte Kretschmer. „Heute ernten wir die Früchte.“

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Laut Projektleiter Tobias Rhensius hatten die Bauarbeiten für die insgesamt zwölf Gebäude im März begonnen. Eine Grundsteinlegung sei pandemiebedingt aber nicht vorher möglich gewesen. In den nächsten Monaten sollen bis zu 600 Menschen auf der Baustelle arbeiten. Parallel bereitet das Projektteam mit 50 Mitarbeitern die Produktion vor. „Das Team wächst von Woche zu Woche“, sagt Rhensius. Noch im Oktober solle der Innenausbau beginnen. „Nächstes Jahr um diese Zeit sollen die ersten Produkte vom Band laufen – bis zu 300 in der Minute.“ Die Bauarbeiten hatten sich in den vergangenen Monaten auch als Zeitreise entpuppt. Zunächst entdeckten Archäologen Grabstätten von 1631 aus dem Dreißigjährigen Krieg, danach wurden Fliegerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden. „Das waren Schreckmomente“, sagt Jung, „aber es ist alles gutgegangen.“

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