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Protest gegen Verdienstorden für Ex-Müllermilch-Chef

An Milchbaron Theo Müller scheiden sich die Geister. Michael Kretschmer ehrt den Steuerflüchtling nun mit einem Orden. "Für welche Verdienste?", fragen andere.

Laut Manager Magazin will Patriarch Theo Müller (Bild von 1996) seinen Posten als Aufsichtsratschef des Konzerns seinem Sohn Stefan abtreten. Er solle sein Unternehmen Colostrum Biotec verlassen. Der Vater böte ihm ein Prozent der Firmenanteile, heißt
Laut Manager Magazin will Patriarch Theo Müller (Bild von 1996) seinen Posten als Aufsichtsratschef des Konzerns seinem Sohn Stefan abtreten. Er solle sein Unternehmen Colostrum Biotec verlassen. Der Vater böte ihm ein Prozent der Firmenanteile, heißt © Foto: Robert Michael/Ullstein Bild via Getty Image

An der Schleife in den Farben Gold, Grün und Milch hängt mehr als ein emailliertes Metallkreuz mit Staatswappen. Am Sächsischen Verdienstorden hängen Anerkennung und Dankbarkeit „für hervorragende Verdienste um den Freistaat Sachsen und seine Bevölkerung“.

Laut Bekanntmachung des Ministerpräsidenten vom 27. Oktober 1996 würdigt die höchste Auszeichnung des Landes „außergewöhnliche Leistungen“, die „dem Wohl der Allgemeinheit dienen“. Die Zahl der lebenden Ordensträger ist auf 500 limitiert. Um den 364. davon gibt es heftige Diskussionen: Theobald Müller. Molkereibesitzer. Milliardär. Steuerflüchtling.

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"Verdienste um die Wirtschaft"

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) habe sein „Recht auf Initiativverleihungen“ ausgeübt, antwortet die Staatskanzlei auf die SZ-Frage, wer den Unternehmer vorgeschlagen habe. Keine Jury, keine Auszeichnungskriterien. Eine Selbstkrönung per Stiftungsakt im „königlichen“ Geist der 90er? Womöglich Dankbarkeit für eine Parteispende von 100.000 Euro, welche die Sachsenmilch Anlagen Holding 2020 an Sachsens CDU überwiesen hat? Ihr Vorsitzender ist Überbringer des Ordens.

Regierungssprecher Ralph Schreiber verneint vehement. „Eine Parteispende kann und ist nicht der Grund für eine Auszeichnung mit den sächsischen Verdienstorden“, sagt er. Es ist eine Ehrung von Träger an Träger, denn Sachsens Regierungschefs erhalten den Orden „kraft Amtes“ automatisch. „Wie in jedem Ordensprüfverfahren wurden verschiedene Stellen angehört und Stellungnahmen eingeholt“, versichert Schreiber. „In Abwägung aller Aspekte“ entscheide der Ministerpräsident.

Die abzuwägenden Aspekte sind bei Theo Müller vielfältig. Der 81-Jährige erhalte die Auszeichnung „für seine herausragenden Verdienste um den sächsischen Wirtschaftsstandort und die Schaffung von Tausenden von Arbeitsplätzen im Landkreis Bautzen“, so der Sprecher. Zudem werde er geehrt für seine sozialen und kulturellen Projekte, „beispielsweise sein Engagement für die sächsische Blasmusik“.

3,3 Milliarden Euro Vermögen

Müller ist ein Gewinner. „Als Ludwig Müller vor rund 125 Jahren im bayerischen Aretsried eine kleine Dorfmolkerei gründete, hätte er sich wohl nie träumen lassen, dass daraus eines Tages ein internationaler Lebensmittelkonzern hervorgehen würde“, heißt es in einer Firmenbroschüre.

Enkel Theo übernahm das Unternehmen 1971 mit vier Leuten. Er herrscht heute über ein Imperium mit 26.600 Beschäftigten an 19 Produktionsstätten und fast sechs Milliarden Euro Umsatz. Unterm Strich verdiente der Konzern 2020 fast 109 Millionen Euro. Die Muttergesellschaft beherrscht 115 Unternehmen in 13 Ländern.

Das US-Magazin Forbes schätzt Müllers Vermögen auf fast 3,3 Milliarden Euro. Die Bekanntheit der Marke liege bei 100 Prozent, praktisch jeder in Deutschland kenne den Slogan „Alles Müller, oder was?“, heißt es auf der Konzern-Website. Zum Reich des Milchmoguls gehören auch die Molkerei Weihenstephan, die Feinkostanbieter Nadler, Homann und die Käserei Loose.

Müller: Eine Milliarde investiert

Für die Übernahme der insolventen Sachsenmilch AG 1994 soll Müller doppelt so viel bezahlt haben wie andere Aufkäufer im Nachwende-Osten: zwei D-Mark oder 1,02 Euro für die im Rohbau fertige, größte Molkerei Europas in Leppersdorf. Für Sachsens damaligen Landwirtschaftsminister Rolf Jähnichen (CDU), auch Träger des Verdienstordens, war Müller die „zweitbeste Lösung“.

Er hätte es lieber gesehen, wenn ein anderer den ersten ostdeutschen Börsengänger gerettet und Müller das zugesagte Werk bei Geithain gebaut hätte, wofür er nach Zeitungsberichten knapp 13 Millionen D-Mark (6,6 Millionen Euro) Subventionen kassiert haben soll. Das Grundstück in Nenkersdorf besitzt er noch immer.

Europas größte Molkerei steht in Leppersdorf, nördlich von Dresden. Müller hatte den Rohbau 1994 übernommen und fertiggestellt.
Europas größte Molkerei steht in Leppersdorf, nördlich von Dresden. Müller hatte den Rohbau 1994 übernommen und fertiggestellt. © dpa

„Seit 1994 haben wir mehr als eine Milliarde Euro in den Bau und die Erweiterung der modernsten Molkerei Europas investiert“, lobt sich das Unternehmen in seiner Firmenpräsentation. Nördlich der Landeshauptstadt entstünden Frischmilchprodukte, Joghurt, Käse, Molkenderivate und sogar Bioethanol-Brennstoff. Am Standort seien rund 3.000 Personen beschäftigt.

Kein Freund von Mitbestimmung

Im Erlass für den Verdienstorden heißt es: „Die Erfüllung einer Berufspflicht oder das Wirken für das eigene Erwerbsunternehmen allein rechtfertigen die Verleihung nicht.“ Dennoch bringt Premier Kretschmer Müller die Auszeichnung am Dienstag in dessen Wahlheimat Schweiz. Um Erbschaftssteuer im dreistelligen Millionenbereich zu sparen, war der neunfache Vater 2003 an den Zürichsee gezogen.

Anfang Juli waren im Dresdner Residenzschloss neun Persönlichkeiten mit Sachsens Verdienstorden geehrt worden. Müller achtet darauf, nicht zu oft in Deutschland zu sein, denn das Finanzamt ist wachsam. Den Konzernsitz hatte der Mann aus Aretsried bei Augsburg 2011 ins Steuerparadies Luxemburg verlegt.

In Leppersdorf profitiert Müller, laut Gewerkschaft NGG kein Freund von Mitbestimmung, von niedrigen Lohnkosten und maximaler öffentlicher Förderung – auch durch Splittung in kleine Betriebe mit gleicher Adresse. „Solche ,Kreativität’ grenzt schon an Subventionsbetrug“, wettert die Linke im Landtag. Andererseits rechnet der Schwabe ganz legal auch hierzulande Umsätze und Steuerschuld klein. Außerdem gilt in Leppersdorf kein Tarifvertrag.

Die Kommune zahlt Reichensteuer

Müller ist ein knallharter Geschäftsmann, der Kleinaktionäre aus dem Unternehmen drängt und seine Milchlieferanten alles andere als üppig bezahlt. Deren Protest mittels Werksblockade begegnete er mit einer gepfefferten Schadenersatzklage.

Wolfgang Vogel, Ex-Präsident des Landesbauernverbands, würdigt Müller dennoch als einen „Unternehmer durch und durch“. Er zahle, „was er muss, und nicht, was er kann“. Immerhin habe er nicht wie andere Sachsen verlassen, lobt Vogel.

Die Zufahrt zur Molkerei lässt sich Müller auf Kosten von Wachau sanieren. Die Gemeinde war wegen geringerer Gewerbesteuern ihres größten Betriebes zwischenzeitlich so klamm, dass sie die Ortschaftsräte verkleinern musste. Und bei der Selbstbeteiligung am Hochwasserschutz musste das Land einspringen. Sachsenmilch begründet niedrigere Umsätze und Steuern mit Investitionen und Russlandsanktionen.

Bürgermeister Veit Künzelmann (CDU) lässt dennoch nichts auf Müller kommen. Er habe der Kommune in den letzten 20 Jahren rund 100 Millionen Euro eingebracht und immer Wort gehalten. Nur 2018 habe es einen Einbruch gegeben, „Jetzt sind wir mit Einnahmen um sechs Millionen wieder gut dabei und müssen sogar Reichensteuer an Sachsen abführen.“

"Müller hat jede Menge verdient, aber welche Verdienste soll er haben?"

Dresdens früherer Handwerkspräsident „wäre froh, wenn wir in der Lausitz einen Müller hätten“. Das Land brauche engagierte Leute, die etwas aufbauen. Seine Steuerflucht sei „unmoralisch“, die Ordensvergabe in der Schweiz „grenzwertig“, so Claus Dittrich – wie Ex-Bauernpräsident Vogel ebenfalls Träger des Verdienstordens.

„Dass der Ministerpräsident einem Steuerflüchtling den Verdienstorden in sein Auslandsdomizil bringt, ist absolut kurios“, moniert Hermann Locarek-Junge, einst Sprachrohr der Sachsenmilch-Kleinaktionäre. „Müller hat jede Menge verdient, aber welche Verdienste soll er haben?“, fragt der Professor an der TU Dresden. Müller denke nur an sich. „Dass dabei Arbeitsplätze in Sachsen entstehen, ist letztlich dem Steuerzahler zu verdanken.“

Nach Angaben der Sächsischen Aufbaubank sind insgesamt rund 70 Millionen Euro an hiesige Müller-Firmen geflossen. Darunter ist, wie von Sachsens Wirtschaftsministerium zu erfahren war, ein Investitionszuschuss von neun Millionen Euro im Jahr 2017, mit dessen Hilfe 145 Jobs und fünf Lehrstellen entstehen sollten.

Müller will Kleinaktionäre loswerden

Zahlreiche Kleinanleger blieben Sachsenmilch auch nach Müllers Einstieg treu. Wegen hoher Verlustvorträge gab es lange weder Gewinne noch Dividende. Selbst als die AG schwarze Zahlen schrieb, verhinderten legale Tricks Ausschüttungen. Nach dem Bilanzgewinn von rund 291.000 Euro 2020 sollen die Anteilseigner nun elf Cent je Aktie erhalten, so der Vorschlag an die Hauptversammlung am 9. September.

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Das Unternehmen hat seinen Deutschland-Sitz in Görlitz. Die Zentrale ist in Basel. Dorthin will Sachsens Regierungschef mit einem Bombardier-Zug aus Görlitz fahren.

Müller will die Kleinaktionäre loswerden und bietet eine Abfindung von 6.949,47 Euro je Anteil. Das würde reichen, um eine Woche in Zürichs Edelherberge „Baur au Lac“ zu nächtigen. Dort erhält Müller am Dienstag den Verdienstorden vor 100 geladenen Gästen. Der „Sächsische Abend“ koste den Freistaat etwa 20.000 Euro, heißt es auf Anfrage aus der Staatskanzlei,

Einen großen Vorteil hat der Orden für Müller: Er ist undotiert. Es braucht weder Tricks noch eine Meldung ans Finanzamt. Hier geht es – auch für Steuerflüchtlinge – nur um die Ehre. Und die ist unbezahlbar.

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