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Sachsen als "Modellregion für gezielte Einwanderung"

Robert Czajkowski vom Verein Wirtschaft für ein weltoffenes Sachsen erklärt, warum Mitverantwortung wichtig ist.

Sachsen benötigt nicht nur Pflegekräfte aus dem Ausland. Auch andere Branchen sind auf den Zuzug von Fachkräften aus dem In- wie Ausland angewiesen. Der Verein will das Image Sachsens als Lebens- und Arbeitsort stärken.
Sachsen benötigt nicht nur Pflegekräfte aus dem Ausland. Auch andere Branchen sind auf den Zuzug von Fachkräften aus dem In- wie Ausland angewiesen. Der Verein will das Image Sachsens als Lebens- und Arbeitsort stärken. © Christophe Gateau/dpa

Herr Czajkowski, Sie sind vor einem Jahr von Hamburg nach Chemnitz gezogen, wie haben Ihre Freunde damals reagiert?

Wenn ich Bekannten erzähle, dass ich nach Chemnitz gezogen bin, dann kommt schon manchmal schmunzelnd der Hinweis: Oh nach Dunkeldeutschland. Das ist eine Stigmatisierung, gegen die es nicht einfach ist anzukämpfen. Umso mehr muss hier das Bewusstsein wachsen, dass es notwendig ist, Maßnahmen zu ergreifen, um ein Gegenbild aufzubauen.

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Die Staatliche Studienakademie Bautzen ist eine von sieben Einrichtungen der Berufsakademie. In Bautzen wird noch 70 Jahre Ingenieurstudium gefeiert.

Genau deshalb hat sich 2016 der Verein Wirtschaft für ein weltoffenes Sachsen gegründet. Wie fällt Ihre Bilanz aus?

Ich muss vorausschicken, ich bin eines der jüngsten Vereinsmitglieder. Das Hauptthema, was die Gründungsmitglieder vor fünf Jahren umtrieb, war die Sorge um den Wirtschaftsstandort Sachsen, dessen Image unter den fremdenfeindlichen Übergriffen gelitten hat und immer noch leidet. Nach der aktuellen Prognose werden im Jahr 2030 rund 320.000 Fachkräfte in Sachsen fehlen. Diese stetig wachsende Lücke lässt sich nicht mit einer erhöhten Geburtenrate schließen. Erforderlich ist ein Zuzug aus dem In- wie Ausland. Ein hohes Anliegen der Gründungsmitglieder war es, das Lobenswerte in Sachsen stärker nach außen zu kehren und die Themen in die Diskussion zu bringen, die noch nicht richtig angegangen worden sind.

Welche sind das zum Beispiel?

Thema Standortwerbung. Auf ihren Reisen bewerben Ministerpräsident Michael Kretschmer und Wirtschaftsminister Martin Dulig den Standort Sachsen vor allem als Export- und Investitionsstandort. Er muss aber auch viel stärker als attraktiver Lebens- und Arbeitsstandort für Fachkräfte beworben werden. Das brauchen Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung.

Weiterhin musste in der hiesigen Unternehmerschaft auch erst einmal das Bewusstsein dafür gestärkt werden, dass politische Bildung auch in Unternehmen stattfinden muss und diese aufgrund ihrer zentralen Rolle in der Gesellschaft dafür eine Mitverantwortung tragen. Man kann nicht sagen, ich habe nichts damit zu tun, politische Einstellungen sind die Privatsache von Mitarbeitern. Die Multiplikatorrolle in den Unternehmen muss offensiv angegangen werden. Da leistet der Verein viel praktische Arbeit.

Der Verein bietet Workshops für Argumentationshilfen gegen rassistisches Gedankengut an. Wie bekommen Sie die Gratwanderung zwischen Belehrung und Aufklärung hin?

Wir kommen durch die Hintertür. Wenn im Workshop-Titel das Wort Rassismus steht, kommt kein Mitarbeiter. Wir betonen in den Seminaren die Themen Vielfalt und erfolgreiche Teams, warum Unternehmen mit divers zusammengesetzten Teams erfolgreicher sind. Es geht nicht um den erhobenen Zeigefinger, sondern um rechtliche Beratung für Unternehmen, die Fachkräfte mit Migrationshintergrund schneller integrieren möchten. Diese Unterstützung für den Weg durch die Institutionen bieten wir über unsere Fachinformationszentren Zuwanderung in Dresden, Leipzig und Chemnitz an, die wir mit unserem strategischen Partner, dem IQ Netzwerk, betreiben.

Wie ist die Resonanz, sind Sie zufrieden?

Es gibt so viele Anfragen, dass die Mitarbeiter in den drei Zentren sie nicht alle bewältigen können. Jährlich finden 1.500 bis 1.600 Beratungen und Schulungen statt. Wir müssen weiter in die Fläche und neue Verbündete suchen. Diese Fachinformationszentren haben Modellcharakter auch für andere Bundesländer.

Der Verein hat 80 Mitglieder, da ist diese starke Resonanz nicht zu sehen. Scheuen Unternehmer eine Mitgliedschaft angesichts gespaltener Belegschaften?

Das war zu Beginn der Fall. Da hatten wir Unternehmer, die aus diesem Grund persönliches Mitglied geworden sind. Das hat sich geändert. Aber in der Tat gibt es in der Mitgliederstruktur weiße Flecken in der Lausitz, im Vogtland und im Erzgebirgskreis. Wir wollen künftig mit unseren Aktivitäten verstärkt dort hingehen und Firmen unterstützen, die schon aktiv für Zuwanderung werben.

Was hat sich der Verein noch für die Zukunft vorgenommen?

Wir haben unsere Strategiefelder noch einmal geschärft. Es bleibt beim Hauptthema Weltoffenheit mit der Steigerung der Attraktivität des Lebens- und Arbeitsortes Sachsen. Wir wollen Sachsen als Modellregion für gezielte Einwanderung etablieren und bemühen uns darum, hier die Akteure von Bund, Land und Kommunen zu vernetzen. Im September wird es dazu eine Fachkonferenz unter Federführung des Vereins geben. Neu hinzugekommen ist das Strategiefeld Wirtschaftsraum Europa. Die Grenzschließungen im vergangenen Jahr haben uns gezeigt, wie wichtig es ist, auf die Vorteile des geeinten Wirtschaftsraums aufmerksam zu machen.

Ist denn der Freistaat Sachsen auch dank des Vereins weltoffener geworden?

Ich glaube schon. Vor fünf Jahren gab es kaum Sensibilität dafür, welche Auswirkungen Rassismus auf den Wirtschaftsstandort hat. Das ist heute in vielen Köpfen fest verankert. Auch ist der Blick in den Medien differenzierter geworden, wenn ich an die Fernsehberichterstattung über Chemnitz denke. Vor fünf Jahren haben sächsische CDU-Mitglieder mit Sondierungen mit der AfD kokettiert. Das ist heute kein Thema mehr.

Was bleibt also noch zu tun?

Der Wettbewerb um Fachkräfte ist global und wird immer härter. Wir müssen in der Werbung noch zielgerichteter und strukturierter werden. Die ersten fünf Jahre haben wir genutzt, um uns ein Renommee aufzubauen und Gehör in der Politik zu finden. Die nächsten fünf Jahre müssen wir nutzen, unsere Stimme und unsere Analysen noch besser zu platzieren.

Das Gespräch führte Nora Miethke.

Der Verein Wirtschaft für ein weltoffenes Sachsen e. V. wurde im Juni 2016 gegründet. Die Zahl der Mitglieder ist seitdem auf 80 gewachsen. In diesem Jahr konnten unter anderem die Firmen GK Software und Linamar als neue Mitglieder gewonnen werden. (1/3)


Die sächsischen Firmen sehen durch ausländerfeindliche Übergriffe und die damit verbundene mediale Berichterstattung eine Gefährdung der Potenziale des Wirtschaftsstandortes Sachsen. Diesen Tendenzen wollen sie entgegenwirken als Netzwerk mit dem klaren Bekenntnis zu Weltoffenheit und Internationalität. Strategischer Partner ist der Verband Silicon Saxony e.V. (2/3)

Robert Czajkowski, Jahrgang 1969, ist seit Juni 2020 CEO des Strickmaschinenherstellers Terrot GmbH in Chemnitz und Vorstandssprecher des Vereins Wirtschaft für ein weltoffenes Sachsen e. V. Der gebürtige Pole ist studierter Jurist, arbeitete für den Medienunternehmer Leo Kirch und gründete eine Beteiligungsgesellschaft. (3/3)

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