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Sachsen feilen an den Robotern von morgen

Sind Roboter Sachsens Wirtschaftsmotor der Zukunft? Die Initialzündung dafür soll ein großes Robotikfestival in Dresden geben.

Roboter sollen die Zukunft von Sachsens Wirtschaft sichern - zumindest, wenn es nach den Organisatoren des Dresden Robotics Festival geht.
Roboter sollen die Zukunft von Sachsens Wirtschaft sichern - zumindest, wenn es nach den Organisatoren des Dresden Robotics Festival geht. ©  Ronald Bonss

Von Heiko Weckbrodt

Dresden/Chemnitz. Wer jetzt erwachsen ist, gehört zu den Letzten, die ohne allgegenwärtige Roboter groß geworden sind. Die Nachfolgenden werden native Robotiker sein: aufgewachsen mit der selbstverständlichen Vorstellung, dass Roboter das Essen kochen, den Abwasch erledigen und Spielkameraden sind. Das hat der norwegische Futurist Eirik Norman Hansen beim „Dresden Robotics Festival“ vorausgesagt.

Nun ist Futurismus zwar keine exakte Wissenschaft, dennoch sind die Prognosen des Norwegers keineswegs aus der Luft gegriffen. Gerade in Sachsen arbeiten derzeit viele Forscherinnen, Ingenieure und Programmierer an einer neuen Evolutionsstufe der Robotik. An Robotern, die direkt und ohne Schutzzaun mit Menschen in Fabriken, Backstuben und Pflegeheimen zusammenarbeiten, die sich ganz intuitiv und ohne Programmierkenntnisse für neue Aufgaben anlernen lassen. Aber auch an Robotern, die sich anschicken, ihre Umgebung ähnlich wie ein Mensch wahrzunehmen und selbstständig zu analysieren.

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In eben diesen neuen Technologieansätzen sehen die Akteure im Freistaat ihre Chance, in den dynamisch wachsenden globalen Robotermärkten stärker als bisher mitzumischen. „Hier wächst ein ganz besonderes Ökosystem der Robotik, mit exzellenten Forschern und innovativen kleinen und mittelständischen Unternehmen, das aber international noch viel zu wenig wahrgenommen wird“, meint der Entrepreneur und Robotik-Enthusiast Thomas Schulz. „Das wollen wir ändern.“

Buhlen um die Großen

Deshalb haben er und mehrere Akteure aus der Privatwirtschaft sowie der Dresdner und sächsischen Wirtschaftsförderung „Robot Valley Saxony“ gegründet. Und deshalb hat dieses junge, netzwerkorientierte Unternehmen nun auch das „Dresden Robotics Festival“ organisiert, zu dessen Premiere ab dem 16. September 2021 knapp 350 Fachbesucher auf Anhieb in die sächsische Landeshauptstadt gekommen sind. Darunter sind auch viele der ganz Großen der Branche: Stäubli, Fanuc, Siemens, Yaskawa, Universal Robots und viele andere internationale Roboterhersteller zeigen in Dresden neue Robotermodelle und skizzieren ihre Visionen für die Zukunft.

Die Veranstaltung werde in Zukunft sicher eine „Pflichtveranstaltung“ für die Robotikbranche in Deutschland sein, prognostiziert Olaf Gehrels vom „Deutschen Robotik-Verband“ (DRV) aus Trier. „Nächstes Jahr wird das Festival zwei- bis dreimal so groß ausfallen“, verspricht schon jetzt Organisator Schulz. Zwar gibt es mit der „Automatica“ und nicht zuletzt der „Hannovermesse“ auch bereits andere wichtige Robotik-Messen in Deutschland. Die haben aber andere Schwerpunkte und hatten zuletzt auch durch Corona an Stellenwert verloren.

Derweil erhoffen sich die Sachsen von ihrem neuen Roboterfestival auch ganz handfeste wirtschaftliche Folgeffekte: Das neue Veranstaltungsformat soll den Aufstieg Sachsens zu einem der führenden Robotik-Standorte in Deutschland besiegeln. Die Vision von Schulz und seinen Mitstreitern: „Wir wollen, dass hier in fünf bis sechs Jahren hier die Roboterfabrik eines großen Herstellers eröffnet.“

Verband prognostiziert elf Prozent Wachstum

Zwar ist kaum damit zu rechnen, dass die Branchengroßen ihre Industrieroboter-Produktion von ihren angestammten Standorten in Japan, der Schweiz, Skandinavien, Süddeutschland, China oder Frankreich eilends nach Sachsen verlagern. Doch Branchenkenner halten Schulzes Ansiedlungswünsche keineswegs für bloße Traumtänzerei: Wenn die Marktnachfrage weiter so stark wächst wie bisher und sich Sachsens Robotik-Akteure weiter mit Innovationen zum Beispiel in der intuitiven Roboter-Anlernung und kollaborativen Robotik („Cobotics“) hervortun, könnten hier durchaus Produktionskapazitäten für eine ganz neue Roboter-Generation jenseits der klassischen Industrieroboter entstehen.

Der Bedarf an neuen Robotern ist derzeit jedenfalls weltweit enorm. Für die deutsche Robotik- und Automatisierungsbranche prognostiziert der VDMA-Fachverband „Robotik + Automation“ für 2021 ein Umsatzwachstum um elf Prozent auf 13,4 Milliarden Euro. Allein der Umsatz mit Robotertechnik im engeren Sinne werde um 15 Prozent um etwa 3,5 Milliarden Euro Euro zulegen. Ähnliche Zuwächse erwartet die „International Federation of Robotics“ (IFR) aus Frankfurt am Main auch für die globalen Robotermärkte.

35.000 Mitarbeiter

Auf diesen schon rollenden Zug könne Sachsen aufspringen, glaubt DRV-Chef Gehrels. Markttreiber sind einerseits langfristige Automatisierungsziele vieler Industrieunternehmen, die Corona-Erholung, aber auch der Wunsch, durch Roboter jene Lücken zu schließen, die der wachsende Fachkräftebedarf gerissen hat. All das kurbele die Robotik weltweit an. „Und da müssen wir aufpassen, dass wir den Anschluss nicht verpassen“, warnt Gehrels. Diese Wachstumskurve sei eine besondere Chance für Deutschland, ganz besonders aber auch Sachsen und Dresden.

Das sieht Robert Franke von der Wirtschaftsförderung Dresden naturgemäß ganz ähnlich: An der TU Dresden und bei Fraunhofer, aber eben auch bei Start-ups und Leuchttürmen der Hightech-Industrie gebe es wegweisende Robotik-Forschungen und -Innovationen. „Das sollten nicht nur andere, sondern auch wir selbst kommerzialisieren.“

Insgesamt gibt es derzeit laut Festival-Veranstalter „Robot Valley Saxony“ rund 330 Unternehmen, Institute und andere Akteure mit insgesamt rund 35.000 Mitarbeitern in Sachsen, die sich mit Robotik beschäftigen. Davon sind nach Angaben der Wirtschaftsförderung Dresden über 80 Robotik-Akteure in Dresden angesiedelt.

Ein paar ausgewählte Beispiele:

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Das „Robotics Festival“ soll die Crème de la Crème der Roboter-Experten nach Sachsen holen. Das sind ihre Ideen.

  • Wandelbots: Die Dresdner TU-Ausgründung zu einem deutschen Vorzeigebeispiel für No-Code-Robotik geworden – also der noch jungen Technologie, Roboter ohne Programmierkenntnisse für neue Aufgaben anzulernen.

  • TU Chemnitz: Professorin Ulrike Thomas und ihr Team entwickeln zweibeinige Laufroboter, sensorgespickte Roboterhäute und nachgiebige Gelenke. Eines ihrer Ziele: eine Ausgründung oder gar eine ganze Fabrik, die diese innovativen Roboter-Bauteile in Sachsen herstellt.

  • Der CeTi-Bäcker: Neben vielen Projekten rund um neuartige Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine haben die Dresdner Exzellenzforscher zusammen mit einem regionalen Bäcker einen künstlichen Gesellen entwickelt, der statt müder Lehrlinge nachts die Brötchen-Teiglinge aufs Backblech sortiert.

  • Fabmatics: Mit Sonderanlagen inklusive mobiler und stationärer Roboter automatisieren die Dresdner nachträglich ältere Chipfabriken in Deutschland und ganz Europa, die dadurch wettbewerbsfähig gegenüber Niedriglohnländern bleiben. Inzwischen sorgen auch viele Orders aus den USA und Taiwan für gut gefüllte Auftragsbüchern bei Fabmatics.

  • Meleghy: In Reinsdorf nahe Zwickau hat der Automobilzulieferer Meleghy eine hochmoderne Fabrik aus dem Boden gestampft, in der 80 Roboter Tag und Nacht wichtige Baugruppen für die Elektroautos zusammenschweißen, die VW in Mosel und Skoda in Mladá Boleslav bauen. Der Automatisierungsgrad und das Tempo dieses Werks gilt als beispielhaft für einen Mittelständler dieser Größenklasse.

  • Handwerkskammer Dresden: In einem eigenen Kammer-Robotikzentrum können Handwerker kollaborative und Industrieroboter mit konkreten Aufgaben erproben, aber auch kraftunterstützende Exoskelette für monotone Arbeiten austesten.

  • Informatik-Fakultät der TU Dresden: Die Informatiker entwickeln Notfall- und Schnüffelroboter sowie –Flugdrohnen, die im Katastrophenfall zum Beispiel Gaslecks orten und schließen sowie verletzte Menschen ausfindig machen.

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