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Seidenraupen in der Lausitz: Biologe will Naturseide herstellen

Ein Dresdner Wissenschaftler will mit sächsischer Naturseide ins Pharmageschäft einsteigen. Das Handwerk hat in der Region Tradition.

Von Irmela Hennig
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Mit seinem Unternehmen Seidenkokon will Udo Krause eine alte Tradition wiederbeleben.
Mit seinem Unternehmen Seidenkokon will Udo Krause eine alte Tradition wiederbeleben. © Ronald Bonß

Das große Fressen findet in einer kleinen grauen Kiste statt. Grüne Blätter verschwinden sekundenschnell in winzigen Mäulern. Ende Juli sind es nur noch wenige, die hier futtern. „Aber wenn 20.000 gleichzeitig loslegen, hört man das“, sagt Udo Krause. Er ist derjenige, der die Kiste samt Inhalt auf einen Stuhl gestellt hat. In einem ehemaligen Stall im sorbischen Örtchen Nebelschütz bei Kamenz. Mit seinem Unternehmen Seidenkokon, einem kleinen Team und mehreren Partnern will er wiederbeleben, was in Sachsen, Preußen und in der DDR schon einmal eine Blüte hatte: die Zucht von Seidenraupen und die Herstellung von echter Naturseide. In Ansätzen ist die im Oberlausitzer Hochsommer schon zu erkennen. Denn viele der grau-weißen Raupen haben sich eingesponnen in ihren Kokon. Die kleben an Plastiknetzen. Werden schließlich „geerntet“, der Seidenfaden abgewickelt.

Seide – das Wort lässt an China denken und an die Seidenstraße. Doch auch hierzulande war der edle Faden einst wirtschaftlich bedeutsam, vor allem, um sich teure Importe zu sparen. Zudem konnten Raupen und ihr Futter in Heimarbeit gehalten beziehungsweise angebaut werden. Preußenkönig Friedrich der Große förderte die heimische Produktion, ließ Zehntausende Maulbeerbäume anpflanzen. Denn Seidenraupen sind in Sachen Nahrung wählerisch. Sie lehnen Löwenzahn ab, fressen notfalls die Blätter von Schwarzwurzeln, stellen dann aber keinen seidenen Faden her. Es müssen Maulbeerblätter sein – am besten von der weißen Maulbeere. Auch in der Oberlausitz wurden die Bäume einst gezogen – so auf Gut Pommritz bei Bautzen. Noch zu DDR-Zeiten setzte man bis in die 1950er-Jahre hinein auf Bombyx mori, das ist der lateinische Name des Seidenspinners, der vor Jahrtausenden aus einer Wildart domestiziert wurde.

Schützenhilfe durch Maulbeerbäume aus Kamenz

Udo Krause (51), Familienvater, promovierter Molekularbiologe, kann also an eine Tradition anknüpfen. Und mit Partnern und in Umständen arbeiten, die er in der Oberlausitz eher findet als an seinem Wohnort in Dresden. Platz zum Beispiel. Landwirtschaftliche Erfahrung. Und Akteure wie das Nebelschützer Team der Permagold Oberlausitz GmbH, ein Landwirtschaftsbetrieb, der nach der Permakulturmethode arbeitet und für Krause den Maulbeer-Anbau übernimmt. Permakultur ist Teil von Krauses Konzept. Landwirtschaft wird nach dem Vorbild von natürlichen Ökosystemen gestaltet, auf Chemikalien wird verzichtet, Artenvielfalt gefördert. Zu sehen ist das im Kleinen bereits – nur wenige Minuten zu Fuß vom Zucht-Standort entfernt. Es geht über ein Feld, auf dem im Sommer Bohnen als Zwischenfrucht sprießen. Hin zu 0,6 Hektar umzäunter Fläche. Hier wachsen die ersten Maulbeerbäumchen. Raupenfutter liefern sie noch nicht. Momentan behelfen sich Krause und seine Partner mit Blättern von alten Maulbeerbäumen aus Kamenz.

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Künftig will man bei Seidenkokon auf ein bis anderthalb Maulbeer-Hektar kommen und weitere Partner für die Pflanzen finden. Die Faszination für Insekten – bei Udo Krause stammt die aus Kindertagen. Gearbeitet hat der Biologe nach dem Studium in der Forschung. Inzwischen ist er zuständig für das Wissenschaftsmanagement im Bereich Technologietransfer am Leibniz-Institut für Festkörper- und Werkstoffforschung in Dresden. Rund zehn Jahre lang hat er sich über heimische Seidenproduktion Gedanken gemacht und 2020 in Nebelschütz das Unternehmen gegründet. In einer Region, die durch Kohleausstieg, Überalterung und Wegzug junger Menschen tief im Strukturwandel steckt. Neue Firmen könnten ein Weg sein, damit umzugehen. Das Wort „Start-up“ fällt häufig, wenn Landes- und Bundespolitiker über die Gestaltung des Umbruchs sprechen. Die Gelder, die vom Bund für die Bewältigung des Kohleausstiegs fließen, können dafür aber nicht genutzt werden.

Dr. Udo Krause hat zunächst eigenes Kapital ins Projekt gesteckt; außerdem ist ein Gesellschafter beteiligt. Etwas Geld erwirtschafte Seidenkokon mit dem Verkauf von Maulbeerbäumen an Zuchtpartner. Für die Zukunft setzt Udo Krause auf Geld aus der Pharmaindustrie. Denn dort sieht er einen wesentlichen Teil der Kundschaft – Naturseide für Medizinprodukte. Das gebe es bislang so gut wie gar nicht. „Denn Seide wird meist mit Mineralöl, Rizinusöl oder Teflon beschichtet“, so Krause. Das passiere in den großen Herstellerländern wie China, Indien oder Brasilien, damit sie glänze und beim Umspulen mit sehr hoher Geschwindigkeit verarbeitet werden könne. Damit sei sie für die Medizin ungeeignet. Doch gerade dort gebe es sehr viele Einsatzmöglichkeiten. Der einen Kilometer lange und sehr flexible Seidenfaden könne für Operationen verwendet werden – so wie einst schon im alten Ägypten. Es lassen sich auch Wundauflagen daraus fertigen, beispielsweise für Brandwunden. „Anders als Auflagen aus Kunststoff können die einwachsen.“ Das liege am Fibroin, das ist das Protein, aus dem der Seidenfaden besteht. „Es ähnelt den Proteinen unseres Körpers, ist darum sehr gut verträglich und kann rückstandslos vom Körper abgebaut werden.“ Wundheilung könne durch Seide um 14 Tage beschleunigt werden. Herniennetze für Leistenbrüche und Ähnliches, sogar Gefäßersatz sei vorstellbar.

Zulassung von Medizinprodukten ist aufwendig

Interessenten aus dem Pharmasektor gebe es. Vor allem aus dem Westen Deutschlands. Im Osten sei man mit einem Pflaster-Hersteller im Gespräch. Solche Partner wird Seidenkokon brauchen. Denn die Zulassung von Medizinprodukten ist aufwendig und teuer. Udo Krause geht von einer Million Euro pro Produkt aus – und je ein bis zwei Jahren Verfahrensdauer. Kapitalgeber finden, das ist für Gründer in der Lausitz die Herausforderung. Krause hofft auf Partner, die an seine Idee glauben. Rein „investorengetriebene“ Gründungen sieht er skeptisch. Das zeige die Marktbeobachtung. „Solche Projekte scheitern häufiger als die, die in kleinen Schritten wachsen“, so Krause. Noch fehlen ihm konkrete Abnehmer, dafür habe er auch noch zu wenig Material. Seine 20.000 Raupen könnten dieses Jahr für fünf bis sechs Kilo Seide sorgen. Inzwischen hat Seidenkokon einen ersten Probefaden gesponnen. Derzeit gehe es vor allem darum, Erfahrung zu sammeln, die Zucht aufzubauen und Maulbeerbäume anzubauen.

Wenn sie 100 Kilo Seide liefern können, sei das eine für die Medizin relevante Menge. In fünf Jahren wollen sie das geschafft haben, zudem weitere 100 Kilo über eine Erzeugergemeinschaft bereitstellen. Der Kilopreis für OP-Fäden liege bei 5.000 Euro. Inzwischen entwickelt Seidenkokon ein Verfahren, um das Sericin vollständig vom Seidenfaden zu waschen; dieses Klebeprotein ist natürlicherweise Teil der Seidenfaser und umgibt diese wie die Isolation eines Kabels. Die Raupenzucht soll perspektivisch automatisiert werden, denn sie sei sonst zu aufwendig. Als Futter könnte irgendwann Pulver aus Maulbeerblättern dienen.

Über den Pharmasektor hinaus gebe es weitere mögliche Abnehmer – so in der Kosmetikindustrie. Das Seidenprotein steckt schon heute unter anderem in Shampoos; die Branche könne für einige Produkte auch Sericin einsetzen, Kokons können für Peelings und zur Hautreinigung eingesetzt werden. Auch die Textilbranche ist nicht außen vor. Seide aus Deutschland könne zwar nicht mit ausländischen Billigprodukten konkurrieren – das Kilo Chinaseide koste 70 bis 80 Euro. Doch im Bereich Premiummode sei man „hochinteressiert“. Krause kennt ein Beispiel aus der Schweiz. Dort wird schon Naturseide gewonnen. Für Krawatten, bei denen nur der Schussfaden Seide war, verlangte der Hersteller 150 Euro pro Stück. „Die waren sofort verkauft“, so Krause. Flockseide, die den Kokon umgibt, sei für grobere Gewebe einsetzbar.

Von seinem Projekt leben kann Krause nicht. Er arbeitet weiter bei Leibniz. Zum großen Arbeitgeber wird Seidenkokon nicht, auf zehn Leute könne das Team anwachsen. Doch viele Jobs sind nicht zwangsweise ein Indikator für Erfolg.