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Sachsens Handwerk will mehr Netto vom Brutto

Die Dachorganisation verweigert sich nicht per se einem höheren Mindestlohn. Statt der Politik sollen aber die Tarifparteien entscheiden.

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Der Dresdner Dachdeckermeister Jörg Dittrich ist seit diesem Jahr Präsident des Sächsischen Handwerkstags.
Der Dresdner Dachdeckermeister Jörg Dittrich ist seit diesem Jahr Präsident des Sächsischen Handwerkstags. © Jürgen Lösel

Dresden. Sachsens Handwerkstag will nicht warten, bis das Regierungsprogramm einer Ampelkoalition steht. Während die Verhandlungen von SPD, Grünen und FDP weitergehen, meldet sich die regionale Dachorganisation der Kammern und Verbände zu Wort. In einer Zeit, da der Wirtschaftszweig nach anderthalb Jahren Coronakrise wieder Fahrt aufgenommen hat, wie Vizepräsident Tobias Neubert feststellt. 93 Prozent der Betriebe sehen ihre Lage als gut oder befriedigend. Ihr Blick in die Zukunft sei wegen Materialnot und steigender Kosten nicht ganz so optimistisch.

Namens der 56.000 Handwerksbetriebe mit 320.000 Beschäftigten hofft Präsident Jörg Dittrich, dass sich die Koalitionäre „nicht von politischen Partikularinteressen leiten lassen, sondern ausschließlich vom Gemeinwohl“. Das Hauptproblem „ist und bleibt die Fachkräfteknappheit“, sagt Dittrich, der auch der Dresdner Handwerkskammer vorsteht. Vor dem Hintergrund hat er „drei große Baustellen“ ausgemacht.

"Kalte Progression" trifft zuerst mittlere Einkommen

„Durch mehr Netto vom Brutto müssen Leistungsträger der Gesellschaft wie das Handwerk wieder mehr Wertschätzung erfahren“, appelliert er an die künftig Regierenden. „Wir warten noch immer auf Einlösung des von der Politik vor vielen Jahren gegebenen Versprechens einer umfassenden Reform des Einkommensteuerrechts und des Sozialversicherungssystems“, moniert der Dachdeckermeister. Die „kalte Progression“ würde zuerst kleine und mittlere Einkommen belasten. Für mehr Steuergerechtigkeit brauche es eine Reform des Tarifverlaufs. So würden Menschen mit geringem Einkommen vor dem Abdriften an den Rand der Gesellschaft bewahrt. Leistung müsse sich wieder lohnen.

Dazu kann nach Auffassung des Präsidenten die Senkung der Lohnnebenkosten beitragen. Viele Handwerker würden den gesellschaftlichen Druck für eine Mindestlohnerhöhung von derzeit 9,60 auf zwölf Euro als Vorwurf empfinden, sagt Dittrich. Bei Friseuren, Kosmetikern und im Nahrungsmittelhandwerk gebe das Geschäftsmodell aber nicht mehr her, argumentiert Sachsens Oberhandwerker. Er habe Verständnis, dass der Staat eine Untergrenze vorgibt. „Aber wer seinen Beschäftigten mehr als den Mindestlohn zahlen könne, tut das auch“ – zumal er im Kampf um Fachkräfte gar nicht umhinkäme. Es sei falsch, wenn sich die Politik in Dinge einmische, die Sache der Tarifpartner sei.

300 bis 400 zunehmend praxisferne Gesetze

Die Folgen eines ohne Rücksicht auf regionale und Branchenbesonderheiten erhöhten Mindestlohns ließen sich nicht abschätzen. Dittrich sieht Verwerfungen im gesamten Lohngefüge. Bei den Arbeitnehmern komme nur ein Bruchteil der Erhöhung an, da sie mehr Steuern und SV-Beiträge zahlen müssten. Gewinner sei mit Mehreinnahmen von 20 Milliarden Euro vor allem der Staat – bei gleichzeitig steigenden Preisen und wachsender Schwarzarbeit, warnt er. Personalintensive Bereiche müssten über die Mehrwertsteuer entlastet werden, so sein Ansinnen.

Schließlich wiederholt Dittrich die seit Jahren gehörte Handwerksforderung nach weniger Bürokratie. Einer ihrer Treiber sei die Bundespolitik selbst, die jährlich 300 bis 400 und „zunehmend praxisferne Gesetze“ auf den Weg bringe – mit immer neuen Dokumentationspflichten für Unternehmer, aber ohne Berücksichtigung von deren Sachverstand, kritisiert er.

Ein ähnlicher Dauerbrenner ist die berufliche Bildung. Der Präsident plädiert für ihre Aufwertung, indem etwa Ausbildungsbetriebe kostenseitig entlastet werden – etwa durch bundesweite Ausweitung des Azubitickets sowie höheren Meisterbonus.