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Ein Gewitter wurde Unister-Gründer zum Verhängnis

Mehr als vier Jahre nach dem Tod von Leipzigs Internetstar Thomas Wagner liegt der offizielle Abschlussbericht zu dem Unglück vor.

Am 14. Juli 2016 stürzte diese Piper PA-32 in den Julischen Alpen in Slowenien ab. In dem Wrack starben die Unister-Gründer Thomas Wagner und Tobias Schilling, ein Anlageberater und der Pilot.
Am 14. Juli 2016 stürzte diese Piper PA-32 in den Julischen Alpen in Slowenien ab. In dem Wrack starben die Unister-Gründer Thomas Wagner und Tobias Schilling, ein Anlageberater und der Pilot. © epa

Ursache für den Absturz des Flugzeugs, in dem der Leipziger Internetstar Thomas Wagner 38-jährig im Juli 2016 starb, war in erster Linie schlechtes Wetter. Zu diesem Ergebnis kommt die Untersuchungskommission des slowenischen Luftfahrtsamtes. Sie veröffentlichte am Dienstagabend ihren Bericht, der Sächsische.de vorliegt.

Eine Gewitterfront und damit verbundene Vereisung am Höhenleitwerk hätten zum Absturz geführt, heißt es in dem Report. Das Bauteil sei vermutlich ins Flattern geraten und abgerissen. Die Maschine des Herstellers Piper vom Typ PA 32-301 sei allerdings nicht für Flüge unter Vereisungsbedingungen zugelassen gewesen. Es habe keine eigene Enteisungsanlage gehabt. Wörtlich heißt es: „Die meteorologischen Bedingungen waren nicht geeignet für den Flugzeugtyp.“ 

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Unister-Gründer Thomas Wagner wurde nur 38 Jahre alt.
Unister-Gründer Thomas Wagner wurde nur 38 Jahre alt. © Jan Woitas/dpa

Als weitere Ursache gaben die Ermittler Pilotenfehler an. Der 73-Jährige sei von der ursprünglich geplanten Route abgewichen und direkt in eine Schlechtwetterfront geflogen. „Der Pilot hat die Luftüberwachung zu spät über die beginnenden Vereisungen informiert und auch keine lokalen Wetterdaten abgefragt", schreibt die Kommission. Der Fluglehrer aus Bonn sei jedoch sehr erfahren und trotz seines Alters gesund gewesen. Allerdings hätten weder er noch der US-Eigentümer der Maschine die Erlaubnis gehabt, gewerbliche Flüge durchzuführen.

Die Wiedergabe des letzten Funkkontakts:

  • Pilot: Eh, Ljubljana Radar. Hier N710CC (Das ist die Registrierungsnummer des Flugzeugs - Anm. d. Verfassers). Guten Morgen. 
  • Lotse: Hier Ljubljana Radar. Guten Tag. Identifiziert. Sie fliegen Fluglevel 130 (rd. 4.000 Meter - Anm. d. Verf.). Bestätigen? Maßnahmen vermeiden.
  • Pilot: Okay, wir fliegen 130 wegen Vereisungen. Dann würde ich lieber direkt nach Klagenfurt, wenn möglich.
  • Lotse: N710CC Roger, wenn angenehmer, dann direkt Klagenfurt genehmigt.
  • Pilot: Direkt Klagenfurt genehmigt, danke Ihnen, Sir.
  • Lotse: N710CC sqawk 6501. (Sqawk ist die Bezeichnung für einen Transponder am Flugzeug, der mit dem Tower kommuniziert; die 6501 ist ein von der Flugsicherung zugewiesener Code, um die Maschine zu identifizieren).
  • Pilot: 6501 geht etwas runter.
  • Lotse: Und N710CC, überprüfen Sie Ihr Level. Ich habe Level 135 angezeigt. (4.100 Meter)
  • Pilot: Okay, wir sinken ein bisschen, ich habe Probleme mit der Vereisung. Wenn möglich, ich würde es … würde es vorziehen, ein wenig länger in dieser Höhe zu bleiben.
  • Lotse: N710CC roger, Level 135 ist bestätigt.
  • Pilot: 135 ist bestätigt, vielen Dank, Sir.
                                                                                  Vier Minuten Pause im Funkverkehr.
  • Lotse: N710CC, was haben Sie vor?
  • Pilot: Ich beabsichtige zu … eh … Klagenfurt zuerst.
  • Lotse: Ja, aber Sie fliegen jetzt eine Kurve.
  • Pilot: Okay, aber ich weiche hier einen großen CB aus (Cumulonimbus, Gewitterwolke, unter Privatpiloten auch Charlie Bravo/CB genannt). Jetzt fliege ich zurück auf Kurs 034. (statische Störungen im Funkverkehr wegen des Gewitters).
  • Lotse: N710CC zur Information: voraussichtliches Minimum Level ist 120 (3.700 Meter).
  • Pilot: Mayday, Mayday.
  • Lotse: N710CC, bestätige Mayday, Mayday? N710CC, Ljubljana, haben Sie das gelesen? N710CC, M … (undeutlich, Gespräche zwischen Lotsen im Hintergrund wegen des Mayday-Rufs). N710CC? N710CC, Identifikation verloren.
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Manipulationen an dem Flugzeug vor dem Start in Venedig schließt die Kommission nahezu aus. Die Gerüchte darüber halten sich seit dem Absturz. Denn Wagner sowie sein Vertrauter und Geschäftsfreund Tobias Schilling (39) waren in Italien Opfer eines Millionenbetrugs geworden. Sie wollten dort einen vermeintlichen Geldgeber für den geplanten Börsengang der von ihnen gegründeten Unister-Holding treffen. Die Leipziger Firmengruppe mit Marken wie Ab-in-den-Urlaub.de war in den 2010er-Jahre rasant gewachsen und brauchte dringend neues Kapital. Angeblich war ein israelischer Diamantenhändler namens Levy Vass bereit, in die Firma zu investieren. Allerdings sollte Wagner mit einer Eigenzahlung von 1,5 Millionen Euro in Vorleistung gehen. Das Geld hatte er in bar mit nach Venedig gebracht. Er wurde es dort los - ohne dass je eine Gegenleistung erfolgte.

Die rote Linie markiert die Flugroute der PIper PA-32 kurz vor ihrem Absturz in den slowenischen Bergen. Die gelbe Linie stellt die ursprünglich geplante Flugroute dar.
Die rote Linie markiert die Flugroute der PIper PA-32 kurz vor ihrem Absturz in den slowenischen Bergen. Die gelbe Linie stellt die ursprünglich geplante Flugroute dar. © Foto: Untersuchungskommission SIA

Wer Levy Vass wirklich ist, ist bis heute nicht bekannt. Die Generalstaatsanwaltschaft Dresden teilte auf Anfrage mit, sie könne sich dazu sowie zum weiteren Stand des Verfahrens "aus ermittlungstaktischen Gründen" nicht äußern. Bislang ist lediglich ein in den Fall verwickelter Geschäftsmann aus dem Ruhrgebiet im Jahr 2017 vom Landgericht Leipzig zu vier Jahren Haft verurteilt worden. Bei dem Absturz kamen aus Wagner und Schilling noch ein Anlageberater aus dem Sauerland und der Pilot ums Leben. „Für den Piloten und die Passagiere gab es keine Überlebenschance", heißt es in dem Bericht.

Die Maschine war auf einem bewaldeten Hang nahe des Bergdorf Predmeja gestürzt. Beim Aufprall entstand ein 80 Zentimeter tiefer Krater. Das Flugzeug brannte anschließend fast vollständig aus. Zwei Teile des Höhenleitwerks wurden erst im Oktober 2016 gefunden, ein drittes Teilstück gar erst im Dezember 2019. Die Ruderflosse ist bis heute verschwunden. 

Das Heck der Maschine ist weitgehend ausgebrannt. Gut zu erkennen: Das Höhenleitwerk der Maschine fehlt. Durch Vereisungen war es ins Flattern geraten und abgerissen.
Das Heck der Maschine ist weitgehend ausgebrannt. Gut zu erkennen: Das Höhenleitwerk der Maschine fehlt. Durch Vereisungen war es ins Flattern geraten und abgerissen. © Foto: Abschlussbericht der SIA

Die sechssitzige Maschine hatte erst einer Flugschule in Florida gehört und wurde 2009 nach einem Umbau über Lissabon nach Europa überführt. Mindestens seit 2010 ist die Piper auf dem Regionalflughafen Bonn-Hangelaer beheimatet. Dort parkte sie auch im August jenes Jahres, als ein Gewittersturm die Tragflächen teils schwer beschädigte. Die Reparaturen seien vorschriftsmäßig ausgeführt worden, heißt es im Abschlussbericht. Die letzte Inspektion vor dem Absturz sei im Dezember 2015 ohne Beanstandungen erfolgt.

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Einem Bericht des Internetblogs Netztrends.de zufolge ist Wagner am Tag vor dem Absturz nicht von Leipzig aus geflogen, sondern vom Regionalflughafen Hof-Plauen. Dann habe man einen Zwischenstopp in Innsbruck eingelegt und erst von dort sei es nach Venedig weitergegangen. Das belege das Flugprotokoll, schreibt Netztrends. Im Report der slowenischen Untersuchungskommission ist für den 13. Juli von vier Flügen über insgesamt sechs Stunden und zehn Minuten die Rede. Explizit genannt wird lediglich der vierte Flug von Venedig nach Padua, wo der Pilot getankt haben soll. Die Generalstaatsanwaltschaft Dresden teilte dazu mit: „Die Flugroute hat für die hiesigen Ermittlungen keine weitere Rolle gespielt, sodass von hier aus weder eine Bestätigung noch ein Dementi erfolgen kann.“

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