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Schwedens Angst vor Amazon

Der US-Handelsriese Amazon kommt ins Wohlfahrtsland Schweden. Der schwedische Einzelhandel befürchtet, platt gemacht zu werden.

Amazon baut seine Marktmacht immer weiter aus.
Amazon baut seine Marktmacht immer weiter aus. © dpa

Von André Anwar, Stockholm

Alles verändert sich. Vom gemütlichen Tante-Emma-Laden, mit Tante Emma am Verkaufstresen, zu riesigen Lagerhallen in denen Arbeiter aus unzähligen Lagerregalen im Akkordtempo Pakete füllen und zum Versand klarmachen.

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Der Internetgigant Amazon hat sich zum weltweit größten Allroundwarenhändler gemausert und mit seiner finanziell geballten Kraft Akteure auf echten und digitalen Handelsplätzen in der ganzen Welt auskonkurriert. Nun kommt Amazon erstmals auch ins Wohlfahrtsland Schweden. Das sorgt für viel Unruhe bei schwedischen Händlern und bei den traditionell starken schwedischen Gewerkschaften. 

Schon heute kaufen Schweden, vor allem über die deutschen und britischen Amazon-Ableger für rund eine Milliarde Kronen (96 Millionen Euro) im Jahr. Aber das ist noch verhältnismäßig wenig im Vergleich zu Amazons Umsätzen in anderen Ländern. Das soll sich ändern.

Im eine gute Autostunde östlich von Stockholm liegenden Eskilstuna baut Amazon derzeit ein gigantisches Logistikzentrum. Wann genau die Internetseite von Amazon in Schweden startet, ist noch nicht klar. Doch sowohl ein Teil von Schwedens Handel als auch die Gewerkschaften befürchten, von Amazons Marktkraft platt gemacht zu werden.

 „Das dürfte unseren bisherigen Einzelhandel durchschütteln. Amazon wird einen großen Teil des bislang schwedischen Handels übernehmen“, sagt Johan Anselmsson, BWL-Professor der Universität Lund der Zeitung Aftonbladet. Für den örtlichen Handel komme hinzu, dass der konkurrierende Internethandel durch die Corona-Pandemie einen Anschub erlebt hat. „Die Konkurrenz und der Preisdruck werden steigen und wir haben schon heute eine schwierige Situation für den schwedischen Handel“, sagt Karin Johansson, Chefin vom schwedischen Handelsverband. 

„Vor allem der örtliche Handel wird verlieren“, sagt Pär Svärdson, Chef eines Apothekenkonzerns. Für Schwedens bislang noch sehr starke Gewerkschaften scheint Amazon in Schweden nahezu ein Schreckensszenario zu sein: „Amazon ist ganz direkt antigewerkschaftlich. Sie jagen alle, die überhaupt versuchen, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Amazon hat zudem richtig, richtig hässliche Methoden“, sagt Susanna Gideonsson, Chefin der größten schwedischen Gewerkschaft LO und damit eine der mächtigsten Frauen Schwedens. 

Haarsträubende Arbeitsbedingungen?

Im Kontakt mit ausländischen Gewerkschaften hat Gideonsson haarsträubende Sachverhalte über die Arbeitnehmersituation bei Amazon erfahren. „Du darfst nur eine bestimmte Anzahl von Minuten auf die Toilette. Dabei liegen die Arbeitnehmertoiletten oft weit entfernt vom Arbeitsplatz. In den enorm großen Lagerhallen werden die Menschen unerhört schnell abgenutzt“, sagt sie und geht auf Amazon bei London ein. Dort seien die Arbeitnehmer bis an die Grenzen ihrer körperlichen Kraft ausgenutzt worden, sodass „Krankenwagen im Shuttle-Verkehr“ zwischen Amazon und Krankenhaus pendelten, so Schwedens oberste Arbeitnehmervertreterin. 

Amazon widerspricht der LO-Gewerkschaftschefin. Ihre Angaben seien falsch. „Das sind nichts anderes als alte, müde Bezichtigungen. Die waren schon früher falsch und sind heute falsch. Für diejenigen, die in der Logistikindustrie arbeiten wollen, ist Amazon einer der besten Orte“, heißt es in einer schriftlichen Mitteilung des Konzerns an den Sender SVT.

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Für schwedische Unternehmen könne Amazon sowohl große Gewinne wie auch große Verluste bedeuten, glaubt BWL-Professor Anselmsson. Amazon wird vielen Unternehmen Möglichkeiten bieten. „Es gibt viele Hersteller, die derzeit nicht in die schwedischen Geschäfte kommen“, sagt er. Gleichzeitig sei es schwer für kleinere Unternehmen, mit Amazon als Verkaufsplattform um Preise und Margen zu verhandeln, weil deren Macht so groß sei.

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