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Die Welt verbessern von Sachsen aus

Soziale Startups werden immer beliebter, auch im Freistaat. Eine Umfrage zeigt nun Bekanntheit und Unterstützungsbedarfe sozialer Gründer.

Sophia Kiefl hat sich ganz dem sozialen Unternehmertum verschrieben
Sophia Kiefl hat sich ganz dem sozialen Unternehmertum verschrieben © Robert Lohse

Wie kann man soziale oder ökologische Herausforderungen unternehmerisch angehen und einen positiven Beitrag zur Gestaltung der Zukunft leisten? Diese Frage treibt immer mehr Gründer und Gründerinnen um – auch in Sachsen. Sie suchen nach Ideen und Geschäftsmodellen, mit denen sie sich innovativ und langfristig zur Lösung von Problemen im Umwelt- und Klimaschutz durch Förderung nachhaltiger Produkte, in der Bildung und Gesundheit oder bei der Arbeitsplatzbeschaffung von Menschen mit Behinderungen einsetzen wollen. Der Profitgedanke steht dabei im Hintergrund. Unternehmensgewinne werden wieder reinvestiert zur Erreichung der gemeinnützigen Ziele, die dem Gemeinwohl dienen.

Dies wird Sozialunternehmertum oder Social Entrepreneurship genannt. Die meisten der 212 vom Deutschen Social Entrepreneurship Monitor 2019 erfassten Firmen sitzen in Berlin: 28,8 Prozent, gefolgt von Nordrhein-Westfalen, Hessen, Bayern und Süddeutschland. Der sächsische Anteil beträgt 4,2 Prozent und ist damit der höchste in Ostdeutschland. In Thüringen etwa wurde im vergangenen Jahr nicht ein Startup registriert, dass die Definition erfüllt.

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Doch es gibt Beispiele für soziales Unternehmertum, die aktuell von sich Reden machen – oder es bald tun werden. Bekanntestes Beispiel ist das Berliner Startup Einhorn, das vegane Kondom produziert und dabei Wert auf Nachhaltigkeit legt. Die Gründerinnen erlangten deutschlandweit Aufmerksamkeit, als sie sich in die „Höhle der Löwen“ wagten. Rund die Hälfte der Einnahmen werden an gemeinnützige Projekte gespendet und in die Entwicklung von Standards in der Kondom-Wertschöpfungskette investiert. Auch politisch mischen sie sich ein und fordern etwa, die Mehrwertsteuer auch für Damenhygieneartikel zu senken.

Noch nicht bekannt ist das Startup „Payactive“. Gründer Matthias Born hat seinen Schreibtisch im Dresdner Impact Hub. Von dort aus baut er mit seinem Team eine intelligente Zahlungsplattform auf, mit der der Zahlungsverkehr optimiert und damit entgangene Einnahmen reduziert werden sollen. Denn im Schnitt scheitern bei Lastschriften rund vier bis sechs Prozent aller Vorgänge und bei Rechnungszahlungen fünf bis acht Prozent.

Payactive wurde als Unternehmen im Verantwortungseigentum gegründet, dass dazu verpflichtet, einen großen Teil der künftigen Gewinne in soziale und ökologische Projekte fließen zu lassen. So will Matthias Born Organisationen unterstützen, die Wasser zum Grundrecht machen oder die Kinderarmut verringern wollen.

Payactive befindet sich in der ersten Entwicklungsphase wie überhaupt die gesamte soziale Gründerszene im Freistaat. „Sachsen ist nicht Berlin. Wir sind hier am Anfang, aber das Bewusstsein für soziales Unternehmertum ist stark vertreten“, sagt Sophia Kiefl, Landessprecherin für Sachsen im „Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland e.V“ (SEND). Die 26-Jährige leitet im Dresdner Impact Hub das Zentrum für soziale Innovationen. Sie ist Ansprechpartnerin für Gründer wie Matthias Born , aber auch ihr Sprachrohr in die Politik hinein, um auf deren Bedürfnisse aufmerksam zu machen.

Finanzierungsmöglichkeiten sind oft Problem

Größtes Projekt in diesem Jahr ist eine Umfrage in der sächsischen Gründerszene, wie bekannt das Thema ist und welche Unterstützung notwendig ist, um ein lebendiges Ökosystem wachsen zu lassen. 106 Teilnehmer:innen haben mitgemacht. Sophia Kiefl ist sich bewusst, dass die Stichprobe nicht die wissenschaftlichen Standards für Repräsentanz der Gesamtbevölkerung erfüllt. Doch zeigten die Ergebnisse erste Bedarfe und Probleme in diesem Wirtschaftssektor.

So will etwa jeder/jede fünfte Befragte selbst gründen, weil er oder sie keinen Arbeitgeber finden, der ihre Werte vertritt. „Vor dem Hintergrund des zunehmenden Fachkräftemangel in Sachsen ist dieses Ergebnis super interessant“, sagt Kiefl. Wirtschaftliche Ziele stehen für die Mehrheit der Befragten nicht im Vordergrund, 40 Prozent verstehen Unternehmertum als Lösung für soziale und ökologische Probleme. 77 Prozent nennen als Gründungsmotivation einen „Beitrag zu einer besseren Welt“ leisten zu wollen.

Als größte Herausforderung nennt jeder Zweite mangelnde Finanzierungsmöglichkeiten für Gründungsvorhaben. Laut Sophia Kiefl gibt es in Sachsen noch kein eigenes Förderprogramm speziell für soziale Unternehmer und Unternehmerinnen. Auch seien noch zu weniger Impact Investoren in der Region engagiert. Gemeint sind Risikokapitalgeber, die gezielt in Unternehmen investieren, um neben einer finanziellen Rendite auch messbare positive Auswirkungen auf die Umwelt oder die Gesellschaft zu erreichen. „Wir wollen mehr Impact Investoren nach Sachsen holen“, verspricht Kiefl.

Kurzfristig bedürfe es jedoch mehr finanziellem Rückenwind aus staatlichen Institutionen und privaten Stiftungen. Über mögliche Wege und die Ergebnisse der vorliegenden Studie soll im kommenden Jahr auf einer Veranstaltung mit Vertretern der Politik und aus der Wirtschaftsförderung diskutiert werden.

Sophia Kiefl hat sich ganz dem sozialen Unternehmertum verschrieben. Nach einem freiwilligen Sozialen Jahr, in dem sie mit Menschen mit Mehrfachbehinderungen betreute, hat die gebürtige Würzburgerin Betriebswirtschaft und Organisationspsychologie studiert. Während ihrer Arbeit in der Leipziger Innovationsberatung lernte sie das Impact Hub-Netzwerk kennen. „Mit 23 Jahren war in mir schon tief der Wunsch verankert, dass Wirtschaft doch auch anders gehen muss“, so Kiefl.

Und so begann sie, neben der Arbeit noch Sozialwissenschaften zu studieren. Ihre Vision: Brücken bauen zwischen Wirtschaft und Gesellschaft, wie beides Hand in Hand funktionieren kann. „Mir geht es darum, soziale Probleme gemeinsam anzugehen. Wenn wir miteinander statt gegeneinander arbeiten, können soziale Herausforderungen als Chancen verstanden werden“, betont sie. In diesem Sinne könnte soziales Unternehmertum beitragen, mehr soziale Gerechtigkeit zu schaffen.

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