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Der Fremde am Amboss

Wanderschaft in der Pandemie ist mühsam, aber möglich. Ein Steinmetz findet in der Karsdorfer Schmiede Bett und Arbeit.

Die Heimat für die ganze Welt getauscht: Steinmetz Vitus aus Niederbayern marschiert durch Karsdorf. Die örtliche Schmiede hat den Wandergesellen für ein paar Tage aufgenommen.
Die Heimat für die ganze Welt getauscht: Steinmetz Vitus aus Niederbayern marschiert durch Karsdorf. Die örtliche Schmiede hat den Wandergesellen für ein paar Tage aufgenommen. © Karl-Ludwig Oberthür

Hut zu tragen ist eigentlich Sache von Willi. Im Winter Cord, im Sommer Stroh. Aber jetzt ist beim Altmeister der Karsdorfer Schmiede Woggon ein zweiter Hutträger aufgetaucht. Beim Arbeiten hat er den Koks auf, eine Art Melone, beim Wandern den Zylinder. Zustände ohne Hut gibt es bei ihm nicht, außer vielleicht am Esstisch, oder in der Kirche. Denn der Hut ist das Symbol des freien Gesellen.

Der Geselle heißt Vitus, ist 27 Jahre alt und ein Fremder Freiheitsbruder. Er ist auf der Walz, der traditionellen Wanderschaft der Ausgelernten. Sein Gewerk ist die Steinbildhauerei. Die Lehrjahre hat er in Bayern zugebracht, mit Werkzeugen aus einem Ort namens Karsdorf. Als er die Reise begann, nahm er sich vor: Wenn es das Schicksal will, wird er diesen Ort besuchen.

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Schmied auf Zeit: Wanderbursche Vitus (M.) mit seinen beiden Meistern Willi (l.) und Peter Woggon in der Karsdorfer Werkstatt.
Schmied auf Zeit: Wanderbursche Vitus (M.) mit seinen beiden Meistern Willi (l.) und Peter Woggon in der Karsdorfer Werkstatt. © Karl-Ludwig Oberthür

Das ist nun anderthalb Jahre her. Seitdem hat Vitus Deutschland mindestens zwanzigmal durchquert. Er hat am Schloss von Neuschwanstein mitgearbeitet, aber auch an der Kathedrale von York in England. Und nun steht er in der Schmiede Woggon am alten Lufthammer, Firma Hartmann, Chemnitz, und formt aus tausend Grad heißem Werkzeugstahl ein Prell-Eisen.

Jede ehrliche Haut ist willkommen

Steinmetzgeschirre, so der Name für das Handwerkszeug, bestehen aus Dutzenden verschiedener Eisen. Seit ihrer Gründung 1979 ist die Schmiede Woggon auf die Herstellung und Überholung dieser Eisen spezialisiert. Willi Woggon, der Gründer, hatte zuvor beim VEB Elbenaturstein Werkzeuge geschmiedet, oft direkt im Steinbruch. So machte er in der eigenen Werkstatt einfach damit weiter.

Heiße Rarität: Es gibt 179 Metallbaubetriebe im Landkreis. Ein Schmiedefeuer wie in Karsdorf findet man nur noch selten.
Heiße Rarität: Es gibt 179 Metallbaubetriebe im Landkreis. Ein Schmiedefeuer wie in Karsdorf findet man nur noch selten. © Karl-Ludwig Oberthür

Heute beliefern Woggons Kunden in ganz Deutschland mit den Eisen. Auch in die Schweiz und nach Israel gingen Bestellungen. Willi Woggon war es, der vor 15 Jahren den ersten Wandergesellen in der Firma aufnahm. Inzwischen führt der junge Meister, Peter Woggon, den Betrieb. Dem wandernden Vitus eine Bleibe anzubieten, war Ehrensache, sagt er. "Jeder Geselle, der eine ehrliche Haut ist, kann zu uns kommen."

Viele ausgestorbene Städte gesehen

Drei Jahre und einen Tag - so lange dauert die Walz. Vitus hat Halbzeit. Aber es fühlt sich an, sagt er, als wäre er gerade erst losgelaufen. Sein Wanderbuch hat nicht so viele Stempel und Eintragungen aufzuweisen, wie es normal wäre. Schuld ist die Pandemie. Eigentlich, sagt Vitus, müsste die ganze Corona-Zeit an die Wanderschaft angehängt werden.

Altmeister Willi Woggon, jetzt 77, begründete die Werkstatt 1979 mit einer Spezialität, dem Schmieden von Steinmetzwerkzeug.
Altmeister Willi Woggon, jetzt 77, begründete die Werkstatt 1979 mit einer Spezialität, dem Schmieden von Steinmetzwerkzeug. © Karl-Ludwig Oberthür

Wandergesellen reisen, um zu arbeiten. Aber sie arbeiten auch, um zu reisen, die Welt zu sehen. Was Vitus seit Corona allzu oft gesehen hat, sind tote Städte. Die Läden zu, die Kneipen zu, die Museen zu. "Der kulturelle Input fehlt einfach", sagt er. Selbst in die Rathäuser, wo man sonst gern ein Siegel ins Wanderbuch drückte, war oft kein Reinkommen mehr.

Bürgermeister kommt zum Stempeln vorbei

Umso schöner, sagt Vitus, wenn man, wie in Karsdorf, herzlich aufgenommen wird. Bei den Woggons gehört er zur Familie, schläft im Gästezimmer. Gestern kam extra der Bürgermeister an der Schmiede vorgefahren, mit dem großen Dienstsiegel der Stadt Rabenau fürs Büchlein, und einem kleine Reisegeld aus seiner privaten Brieftasche.

Das Steinmetzgeschirr hat viele Gesichter. Einige davon sind in dieser Vitrine an der Werkstattwand zu besichtigen.
Das Steinmetzgeschirr hat viele Gesichter. Einige davon sind in dieser Vitrine an der Werkstattwand zu besichtigen. © Karl-Ludwig Oberthür

Das Wort Luxus wird auf der Wanderschaft neu definiert. Es ist Luxus, eine Tür hinter sich zumachen zu können, in einem richtigen Bett zu schlafen. Allerdings, sagt Vitus, ist es auch Luxus, draußen zu sein, jedenfalls wenn es schön ist. Den Sommer über hat er fast nur im Freien genächtigt. Die Hängematte unter einen Apfelbaum gespannt, daneben ein Bächlein - was baucht man mehr?

Der Frack ist sein Wohnzimmer

Der Mensch braucht nicht viel, das hat ihn die Reise gelehrt. Sein Lederfrack mit den vielen Taschen ist das Wohnzimmer, und sein Bündel ist der Rest vom Haushalt. In der Hauptrolle stecken Werkzeuge und Arbeitskleidung, in zwei kleinen Rollen, den "Speckis", alles, was sonst noch nötig ist, sogar ein Roman. Aber kein Handy. Sein Navi ist eine gewöhnliche Landkarte. "Bisher bin ich immer angekommen."

Kraftakt im Funkenregen: Schmiedemeister Peter Woggon schlägt vor, Steinmetzgeselle Vitus arbeitet nach.
Kraftakt im Funkenregen: Schmiedemeister Peter Woggon schlägt vor, Steinmetzgeselle Vitus arbeitet nach. © Karl-Ludwig Oberthür

Nachteil des fehlenden Mobiltelefons: Man kann die in Coronazeiten geforderten Termine nicht machen, etwa um eine Ausstellung zu besuchen. Für den Wanderer muss alles jetzt auf gleich klappen. Corona erschwert auch das Fortkommen. Raststätten-Hopping, also das Auftun von Mitfahrgelegenheiten an der Autobahn, macht sich weniger gut, wenn die Gasträume geschlossen sind.

Den ganzen Tag lang eine Münze werfen

Immerhin: Die Kluft öffnet viele Autotüren. Wobei nicht alle wissen, was das zünftige Outfit mit Hut und Knotenstock bedeutet. Schornsteinfeger? Zauberer? Messerwerfer? Die Missverständnisse sind vielfältig. In Rabenau funktionierte das Trampen sehr gut. Der Autofahrer, bei dem Vitus den Daumen raus hielt, wusste gleich, wo die Schmiede Woggon zu finden war.

So geht's auch: Mit dem historischen Lufthammer wird der Rohling für ein Steinmetz-Eisen in Form gebracht.
So geht's auch: Mit dem historischen Lufthammer wird der Rohling für ein Steinmetz-Eisen in Form gebracht. © Karl-Ludwig Oberthür

Es war einer dieser Zufälle, die den Weg des fahrenden Gesellen bestimmen. Wer auf der Walz ist, der wirft den lieben langen Tag eine Münze, trifft Entscheidungen. Geht man nach rechts? Oder lieber nach links? Und wenn man den ganzen Tag Münzen wirft, hat man eben auch oft Glück, sagt Vitus.

Lockdown kann die Walz nicht stoppen

Peter Woggon ist auch glücklich. Ohne Münze werfen. Der junge Schmiedemeister, der jetzt 27 ist, genauso alt wie sein Wandergeselle, wusste schon früh, dass er nichts anderes werden wollte als Schmied. Seit wann genau? Er hat keine Ahnung. "So weit kann ich gar nicht zurückdenken", sagt er.

Wohin lenkt das Schicksal den Wanderer als Nächstes? Die Landkarte wird bald einen neuen roten Strich bekommen.
Wohin lenkt das Schicksal den Wanderer als Nächstes? Die Landkarte wird bald einen neuen roten Strich bekommen. © Karl-Ludwig Oberthür

Jetzt muss er vorwärts denken, mit der Zeit gehen. "Sonst geht man mit der Zeit." Das Werkzeugschmieden macht noch etwa die Hälfte der Arbeit aus. Die andere Hälfte ist klassischer Metallbau. Man muss sich anpassen, flexibel sein, sagt der Meister. Aber man darf dabei seinen Weg nicht verlieren, seine Tradition. "Das ist manchmal ein ganz schöner Kampf."

Die Tradition bewahren - darum geht es auch, wenn Peter Woggon mit Vitus am Amboss steht. Vitus ist dankbar. Um Erfahrungen zu sammeln, lässt er keine Gelegenheit aus. Das kann ihm auch kein Lockdown verbieten, denn er ist immer auf dem Weg zur Arbeit. Davon abgesehen dürfte er gar nicht nach Hause. Bannkreis: fünfzig Kilometer. Heimweh? Keine Spur. "Ich habe fünfzig Kilometer eingetauscht für die ganze Welt."

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