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Wirtschaft

Strahlende Fracht von NRW nach Russland

Seit Tagen ist ein neuer Uran-Transport von Deutschland nach Russland unterwegs. Umweltschützer sind ernsthaft besorgt.

In diesem Jahr gab es schon mehrere Uran-Transporte nach Russland.
In diesem Jahr gab es schon mehrere Uran-Transporte nach Russland. © Dmitri Lovetsky/AP/dpa

Von Christian Thiele

Moskau. Diese Fracht aus Deutschland möchten Russlands Umweltschützer am liebsten wieder zurückschicken. Seit Tagen ist ein neuer Atomtransport mit abgereichertem Uran aus Gronau in Nordrhein-Westfalen auf dem Weg. "Das muss ein Ende haben", fordert Wladimir Sliwjak von der russischen Organisation Ecodefense. Er befürchtet, dass sein Land zunehmend zu einer Deponie für radioaktive Abfälle aus dem Ausland wird. Während Deutschland nach einem Endlager für Atommüll sucht, warnt Sliwjak davor, dass in Russland "künftige Generationen für Uran-Abfälle mit ihrer Gesundheit zahlen müssen".

Endstation der gefährlichen Fracht aus Nordrhein-Westfalen sei Nowouralsk nahe der Stadt Jekaterinburg am Ural, eine von vier Urananreicherungsanlagen in Russland, sagt der Aktivist der Deutschen Presse-Agentur. Dort beginnt für den Umweltschützer das eigentliche Problem: "Die Originalbehälter mit den Uranrückständen werden unter freiem Himmel gelagert." Sie würden irgendwann zu rosten beginnen.

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"Wenn die Behälter rosten, kann das dazu führen, dass Uranrückstände in die Umwelt gelangen", sagt der Umweltschützer in der Hauptstadt Moskau. "Das ist für alle Lebewesen in einem Umkreis von bis zu 30 Kilometern eine tödliche Gefahr." Hunderte Jahre hätten Mensch und Umwelt dann mit den Folgen zu kämpfen. "Das ist Wahnsinn."

Demonstranten blockieren Zug über Stunden

In den 2000er Jahren habe es mehrere staatliche Berichte gegeben, die diese Probleme bestätigt hätten, meint Sliwjak. Diese Berichte seien aber längst nicht mehr für die Öffentlichkeit einsehbar. Aus Sicht der Umweltschützer ist das Problem aber nicht aus der Welt.

Die Umweltschützer in Russland demonstrieren seit Langem dagegen. Am Montag hatten Demonstranten in Nordrhein-Westfalen den Zug mit der gefährlichen Fracht rund fünf Stunden blockiert.

Die Aktivisten in Moskau sprechen von Atommüll. Für den russischen Atomkonzern Rosatom ist es dagegen ein Wertstoff, der in eigenen Anreicherungsanlagen zur Herstellung von angereichertem Uran verwendet werde. "Uranhexafluorid ist nach russischem Gesetz kein radioaktiver Abfall, da er der weiteren Verwendung als Rohstoff für Uranprodukte unterliegt", sagt eine Sprecherin von Rosatom.

Diese Unterscheidung ist der Grund, weshalb solche Transporte überhaupt in Deutschland starten dürfen. Per Gesetz darf kein radioaktiver Abfall ins Ausland transportiert werden. Bei Uranhexafluorid, das bei der Anreicherung von Uran für Atomkraftwerke als Abfall anfällt, sei keine "atom- oder strahlenschutzrechtliche Ausfuhrgenehmigung" notwendig, heißt es aus dem Bundesumweltministerium in Berlin. Das Material fällt in die Kategorie «sonstiger radioaktiver Stoffe».

Was mit dem Atommüll geschieht, ist unklar

Selbst in Deutschland stößt diese Praxis auf Kritik. "Das hochgiftige und strahlende Uranhexafluorid als Wertstoff umzudeuten, ist verantwortungslos", sagt die Vorsitzende des Umweltausschusses im Bundestag, Sylvia Kotting-Uhl. "Eine Wiederanreicherung ist zwar theoretisch möglich, in der Praxis aber zu aufwendig und unwirtschaftlich." Die Grünen-Politikerin warf der Bundesregierung Naivität vor. Diese müsse sich offen die Frage stellen, was Russland mit dem deutschen Atommüll mache.

Rosatom sagt dazu, dass mithilfe einer in Russland entwickelten Gaszentrifugen-Technologie abgereichertes Uran kostengünstig wieder angereichert und danach wieder ins Ausland gebracht werde. Wohin, das sagt sie nicht. Uran komme nicht nach Russland, um hier eingelagert zu werden, erklärt das Staatsunternehmen. Die bei der Anreicherung anfallenden Rückstände würden "in speziellen Standorten russischer Anreicherungsanlagen zur weiteren Verwendung in der Nuklearindustrie und anderen Branchen zwischengelagert".

In Deutschland dürften die Transporte dennoch weiter für Zündstoff sorgen. Sie sind nach einem von den Grünen im Bundestag in Auftrag gegebenen Gutachten womöglich rechtswidrig. Da das Material auch für die Produktion uranhaltiger Munition verwendet werden könne, handele es sich um einen "Verstoß der Bundesregierung gegen die Russland-Sanktionen der EU bei der Exportgenehmigung nach Dual-Use-Verordnung", erklärt die Grünen-Politikerin Kotting-Uhl.

In diesem Jahr gab es schon mehrere Uran-Transporte nach Russland. Ein Sprecher der Gronauer Urananreicherungsanlage des Energiekonzerns Urenco sagt: "Wir bereiten Transporte erst dann vor, wenn die erforderlichen Export- und Transportgenehmigungen vorliegen." Die Behälter seien aus dickwandigem Stahl, würden fortlaufend geprüft und hielten äußerst extremen Bedingungen stand.

Russische Umweltschützer sehen hauptsächlich die Firma in der Pflicht. "Produzenten von Atommüll müssen die Verantwortung dafür übernehmen und diese Abfälle selbst verwerten", meint Wladimir Sliwjak. "Andernfalls würde die Welt zweigeteilt: in einen reichen Teil, der Abfälle produziert und sie wegschafft - und in einen armen schmutzigen Teil der Erde, der diese Abfälle aufnimmt." (dpa)

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