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Das Weltbild von "Milchbaron" Theo Müller

Sächsische.de liegt ein Mitschnitt der Verdienstordens-Verleihung in Theo Müllers Steuerexil vor. Die Danksagung des Ex-Müllermilch-Chefs spricht für sich.

Der Orden des Anstoßes: Ministerpräsident Michael Kretschmer überbringt Theo Müller Sachsens höchste Auszeichnung.
Der Orden des Anstoßes: Ministerpräsident Michael Kretschmer überbringt Theo Müller Sachsens höchste Auszeichnung. © Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.c

Was ist ein guter Unternehmer? Die Klärung dieser Frage gehörte zwar nicht zum Besuchsprogramm von Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) jüngst in der Schweiz. Er und seine 15-köpfige Delegation bekamen sie dennoch und überraschend beantwortet – von einem, der es wissen muss: Theo Müller, Herr über ein Molkerei-Imperium, zu dem auch die Sachsenmilch AG in Leppersdorf mit 2.800 Beschäftigten gehört. Multimilliardär. Und seit 31. August Träger des Sächsischen Verdienstordens.

Der Regierungschef hatte den Unternehmer für die höchste Auszeichnung des Freistaats vorgeschlagen und sie ihm in sein Steuerexil gebracht. Um Erbschaftssteuer zu sparen, war Müller 2003 an den Zürichsee gezogen. Den Konzernsitz hatte der Schwabe 2011 nach Luxemburg verlegt. Sächsische.de liegt nun ein Mitschnitt der umstrittenen Ehrung im Züricher Edelhotel Baur au Lac vor, die den Freistaat 20.000 Euro kostet. Es sei ihm „eine große Freude“, Müller den Sächsischen Verdienstorden zu verleihen, sagt Kretschmer, „für Ihr Engagement für den Freistaat Sachsen und für die Menschen vor Ort“.

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Zu hochgesteckte ethische Ziele?

Der Geehrte bedankt sich für „eine großartige Auszeichnung“. „Dass Sie extra dafür – fast extra muss ich jetzt dazu sagen – nach Zürich gekommen sind, möchte ich mich bei Ihnen auf das Herzlichste bedanken“, so der Geehrte. Die hastige Korrektur löst bei rund 100 Zuhörern Heiterkeit aus.

Es folgt eine Lehrstunde zum Unternehmertum – von einem Mann, der die Molkerei des Vaters 1970 mit 15 Leuten übernommen hatte und heute über einen Konzern mit weltweit 34.000 Beschäftigten und sechs Milliarden Euro Umsatz bestimmt. Immer mehr Teile der Gesellschaft würden ihr Handeln an hochgesteckte ethische Ziele knüpfen, kritisiert Müller. Es bilde sich ein „zunehmend verbindlicher Wertekodex heraus, zu dessen Einhaltung man – wenn schon nicht rechtlich, so doch moralisch – verpflichtet ist“.

Wer sich außerhalb des Mainstreams stelle, müsse mit gesellschaftlicher Ächtung rechnen. „Ein Unternehmer ist nicht dazu da, Arbeitsplätze zu schaffen“, stellt der 81-Jährige klar. „Der Unternehmer schafft Güter und Dienstleistungen mit so wenig wie möglich Aufwand.“

Dann lässt sich der neue Ordensträger über angeblich verlangte Werte aus: mehr Freizeit für Arbeitnehmer, Gerechtigkeit, sozialen Ausgleich, faire Löhne in der Lieferkette, Ausschluss von Kinderarbeit, artgerechte Tierhaltung, Beiträge für Umweltschutz, Nachhaltigkeit und Einsatz für die Region, in der das Unternehmen angesiedelt ist. „Zusammengefasst: Der gute Unternehmer findet die Erfüllung seiner unternehmerischen Aufgaben darin, dass die Allgemeinheit oder zumindest Teile der Allgemeinheit, mit denen er zu tun hat, Lob über ihn äußern.“

Gewinn, Gewinn, Gewinn

Das entspreche „nicht unbedingt meinen Überzeugungen“, sagt Müller. Aus seiner Sicht müsse sich ein guter Unternehmer nur um drei Dinge kümmern: „Erstens um Gewinn, zweitens um Gewinn, drittens um Gewinn.“ Dass klinge „reichlich egoistisch“, räumt er ein. Aber durch nichts trage der Unternehmer so nachhaltig zur Erreichung dieser Ziele bei wie durch seine Gewinnorientierung. Müller nimmt eine Anleihe in der Bibel: „Sucht zuerst das Reich Gottes und alles andere wird Euch hinzugegeben werden.“ Seine „Variation eines fast Ungläubigen“: „Sucht zuerst den Gewinn, und alles, was der Gemeinschaft dient, wird sich von selbst ergeben.“

Es brauche „Unternehmerpersönlichkeiten, die ins Risiko gehen, die anderen Arbeit geben, die mit ihren Steuern dafür sorgen, dass das Gemeinwesen blühen kann“, hatte Laudator Kretschmer vor der Verleihung erklärt. Lag der Premier mit seiner Nominierung doch falsch? Behalten jene Recht, die meinen, Müller habe in Sachsen viel verdient, aber kaum Verdienste?

Laut Regierungserlass vom 27. Oktober 1996 würdigt der Orden „außergewöhnliche Leistungen“, die „dem Wohl der Allgemeinheit dienen“. Ferner heißt es: „Die Erfüllung einer Berufspflicht oder das Wirken für das eigene Erwerbsunternehmen allein rechtfertigen die Verleihung nicht.“

Freimütig beschreibt der Milchbaron in seiner Rede, wie er in Leppersorf 1,7 Milliarden Euro investiert hat: aus eigenem Geld und der Verwertung von Verlustvorträgen. „Da half mir die sächsische Staatsregierung, das war nicht selbstverständlich“. Der Konkurs der Vorgänger habe „natürlich auch einen Vorteil gebracht“, räumt er ein. Und es habe Sonderabschreibungen gegeben, „was wir mit den Gewinnen verrechnen konnten“ – und „last but not least Investitionszulagen, und Zuschüsse, die gab es in den 90er-Jahren enorm“.

Für Die Linke im Landtag bewegt sich Müller „hart an der Grenze zum Subventionsbetrug“. Die Fraktion hat eine Erklärung der Staatsregierung zur Verleihung beantragt. Die Frist endet am 6. Oktober.

Müller schon länger in der Kritik

Im Freistaat steht Müller auch in der Kritik, weil er Gewinne und Steuerschuld kleinrechnet, bei Staatshilfen aber die Hand aufhält. Gut 70 Millionen Euro sind in seine Firmen in Leppersdorf geflossen. Laut Gewerkschaft NGG beträgt der Ecklohn, die unterste Lohngruppe für einen über 21 Jahre alten Facharbeiter, bei Sachsenmilch 15,74 Euro gegenüber 18,53 Euro im Flächentarif Milch Ost – das sind 483 Euro im Monat weniger.

Die insolvente Sachsenmilch AG mit der halb fertigen größten Molkerei Europas soll Müller 1994 für zwei D-Mark, 1,02 Euro, gekauft haben. Er zahlt Milchbauern nicht mehr, als er muss und drängt die Kleinaktionäre aus der AG. Und mancher sieht den Orden im Zusammenhang mit einer Spende von 100.000 Euro, welche die Sachsenmilch Anlagen Holding 2020 an Sachsens CDU überwiesen hat.

Davon hätten die meisten Anwesenden nichts gewusst, sagt ein Gast der Verleihung. Und sie erfahren beim „Sächsischen Abend“ mit eingeflogenem Oboe-Quartett der Staatskapelle, Wein von Schloss Proschwitz und Menü aus Maissuppe, Geflügelsalpicon, Kalbsteak, Butternudeln, Wurzelgemüse und Dessertvariation auch nur am Tisch hinter vorgehaltener Hand davon.

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Wie sagte Ministerpräsident Michael Kretschmer unmittelbar vor der Zeremonie und mit Bezug zum großen Schweizer Potenzial in Technologien und Wissenschaft: „Man fährt von so einer Reise schlauer zurück, als man gekommen ist. Und man stellt sich noch mehr Fragen. Wenn man sie am Ende beantworten kann, kommt man auch ein Stück weiter.“

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