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Bekommt Pirna ein Nobel-Hotel?

Die Substanz des Schwarzen Adlers im Stadtzentrum ist kaum noch zu retten. Gleichwohl könnte das Haus als "Adlon von Pirna" wieder auferstehen.

Ein erster Entwurf: So könnte das neue Hotel "Schwarzer Adler" in Pirna einmal aussehen.
Ein erster Entwurf: So könnte das neue Hotel "Schwarzer Adler" in Pirna einmal aussehen. © Visualisierung: SEP

Die Braunfäule zersetzt seit Jahren das Holz, Hausschwamm macht das Gebälk zusätzlich mürbe. An den großen Oberlichtern im Saal des früheren Hotels "Schwarzer Adler" am Dohnaischen Platz in der Pirnaer Innenstadt fehlen etliche Scheiben. Deckenbalken sind durchgebrochen, Teile der Decke hängen herab. Die Statik ist weitgehend hinüber, einige Bereiche des historischen Gemäuers sind akut einsturzgefährdet.

Inzwischen traut sich kein Dachdecker mehr aufs Dach, aus Angst, das ganze Konstrukt könnte unter ihm zusammenbrechen. Vom einstigen Glanz der Herberge ist nur noch ein trauriges, verfallenes Abbild übrig.

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Einst Pirnaer erste Hotel-Adresse

Dabei war das Haus lange Zeit die erste Hotel-Adresse in Pirna am früheren "Königsplatz". 1550 zunächst als Gasthaus erbaut, wurde es 1744 erstmals unter dem Namen "Zum Schwarzen Adler" erwähnt.

Es schloss sich eine wechselvolle, aber überwiegend erfolgreiche Geschichte an - bis zum Niedergang in jüngerer Zeit. Ab 1971 betrieb der HO-Gaststättenverband Sächsische Schweiz/Pirna/Sebnitz das Haus, 1990 ging es in den Besitz der Treuhand über. Danach wechselten die Eigentümer mehrfach.

Inzwischen wird das Gebäude seit mehr als 15 Jahren nicht mehr als Gaststätte und Hotel genutzt. Auch das Projekt für preiswertes "Junges Wohnen" fand 2014 endgültig sein Ende. Überreste zeugen noch heute davon, in vielen Zimmer gammeln alte Möbel, schmutzige Klamotten und verblichene Porno-Hefte vor sich hin. Aus den hinterlassenen Kühlschränken müffelt es nach verdorbenen Lebensmitteln.

Das letzte verbliebene Geschäft, ein vietnamesischer Textil- und Blumenladen, zog im September 2020 aus dem Objekt aus. Die ganze Substanz ist mittlerweile mächtig vergammelt, sie lässt sich in weiten Teilen kaum noch retten. Gleichwohl soll es mit dem desaströsen Zustand bald vorbei sein.

Von oben betrachtet: Der Hotelkomplex (weiß) soll sich vom Dohnaischen Platz bis zur Robert-Koch-Straße hinziehen.
Von oben betrachtet: Der Hotelkomplex (weiß) soll sich vom Dohnaischen Platz bis zur Robert-Koch-Straße hinziehen. © Visualisierung: SEP
Nord-Fassade des Schwarzen Adler: Sie steht unter Denkmalschutz und muss erhalten werden.
Nord-Fassade des Schwarzen Adler: Sie steht unter Denkmalschutz und muss erhalten werden. © Daniel Schäfer
Historischer Saal: Am Oberlicht fehlen schon etliche Scheiben.
Historischer Saal: Am Oberlicht fehlen schon etliche Scheiben. © Daniel Schäfer
Wandelgang oberhalb des Saales: Die Decke ist teilweise heruntergebrochen.
Wandelgang oberhalb des Saales: Die Decke ist teilweise heruntergebrochen. © Daniel Schäfer
Ehemaliges Hotelchef-Zimmer: Der Fußbodenaufbau fehlt bereits.
Ehemaliges Hotelchef-Zimmer: Der Fußbodenaufbau fehlt bereits. © Daniel Schäfer
Bühnenwand im Ballsaal: Die Bühne nebst Backstage-Bereich soll wieder aufgebaut werden.
Bühnenwand im Ballsaal: Die Bühne nebst Backstage-Bereich soll wieder aufgebaut werden. © Daniel Schäfer
Hinterlassenschaften vom "Jungen Wohnen": In vielen Zimmern liegt Müll ohne Ende.
Hinterlassenschaften vom "Jungen Wohnen": In vielen Zimmern liegt Müll ohne Ende. © Daniel Schäfer

Großer Bedarf an Vier-Sterne-Betten

Um der Innenstadt an dieser zentralen Stelle wieder Leben einzuhauchen, hat die Stadtentwicklungsgesellschaft Pirna (SEP) den einstigen Hotelkomplex 2020 erworben. "Wir möchten dem Objekt seine historische Funktion zurückgeben und an dieser Stelle wieder ein Hotel entstehen lassen", sagt SEP-Geschäftsführer Christian Flörke.

Geplant ist aber keine herkömmliche Herberge, sondern eher eine im gehobenen Preissegment. Dass es in diesem Bereich in Pirna ein Defizit gibt, ließ die SEP bereits 2016 ergründen.

Aus einer von ihr beauftragten Studie geht hervor, dass es in der Stadt einen großen Bedarf an Hotelbetten im Vier-Sterne-Bereich gibt. Und weil der Inlandsurlaub durch Corona eine Renaissance erlebt, sind weitere Hotelbetten ohnehin mehr als nötig.

Bei der Standortsuche geriet rasch der Schwarze Adler in den Fokus der Stadtentwickler. Das Problem anfangs war allerdings: keiner wusste so recht, wie es um das Gebäude steht.

Historische Wandbilder entdeckt

Um den Zustand und die historischen Besonderheiten des Komplexes festzustellen, ließ die SEP das Objekt unlängst weiterführend restauratorisch untersuchen, den Bauzustand analysieren und insbesondere Saal und Nord-Fassade vermessen.

Dabei legten die Fachleute beispielsweise an den Saalwänden bis zu sieben Farbschichten frei, entdeckten Wandbilder und andere Motive. Alles ist dokumentiert, um es später exakt nachbilden zu können.

Diese Vorarbeiten sowie die Absprachen mit dem Landesamt für Denkmalpflege und der Stadt sind inzwischen abgeschlossen. Das Ergebnis: ein Hotel an dieser Stelle kann wieder aufleben - der damit verbundene Aufwand ist allerdings beträchtlich.

28 bis 36 Millionen Euro Baukosten

Um erste Planungsideen zu sammeln und die Kosten grob zu schätzen, beauftragte die SEP zudem eine Machbarkeitsstudie - eine weitere Voraussetzung dafür, um den Schwarzen Adler als Hotelkomplex zu entwickeln und einen Investor für das Projekt zu finden.

Daraus entsprang ein gewaltiges Projekt: So soll sich das neue Hotel nicht nur auf den ursprünglichen Schwarzen Adler - Adresse Dohnaischer Platz 2 - erstrecken, sondern auch auf das grüne Nachbarhaus Dohnaischer Platz 3 sowie auf das noch freie Grundstück gegenüber dem Scheunenhofcenter. Der gesamte Komplex würde sich damit vom Dohnaischen Platz bis an die Robert-Koch-Straße hinziehen.

Das Haus Nummer 3 gehört einem Privateigentümer, die freie Fläche an der Robert-Koch-Straße der Stadt. Mit beiden sei laut Flörke abgesprochen, dass der künftige Investor mit dem Kauf des Hotels auch diese beiden Grundstücke erwerben kann, um sie neu zu bebauen.

Denn der zentrale Hoteleingang ist künftig an der Stelle des Hauses Dohnaische Straße 3 vorgesehen. Dort, wo jetzt noch Motorräder und Mopeds vor dem Schwarzen Adler parken können, soll es später in die Tiefgarage gehen.

Auf dem Dach ist eine sogenannte Sky-Bar mit Ausblick auf die Stadt geplant. Auch Geschäfte und Wohnungen könnten in den Komplex einziehen. Die Baukosten liegen geschätzt zwischen 28 und 36 Millionen Euro.

Nur die Nordfassade bleibt stehen

Die SEP will allerdings nicht selbst investieren, sondern die Grundstücke - wie von Anfang an geplant - an einen Investor weiterveräußern. Durch den Zwischenerwerb sind die Stadtentwickler allerdings in der Lage, dem künftigen Eigentümer bestimmte Vorgaben im Kaufvertrag zu machen.

So soll der Komplex künftig vorrangig als Hotel und für Gastronomie genutzt werden, mindestens 100 Hotelbetten soll es geben.

Weil das Objekt unter Denkmalschutz steht, muss die Nordfassade erhalten werden. Der Rest soll jedoch abgerissen und von Grund auf neu errichtet werden. Ohne diesen Abriss ließe sich auch die Tiefgarage nicht realisieren.

Zudem muss der Saal nach historischem Vorbild wieder aufgebaut werden. Überdies sind auch einzelne Wohnungen in den Obergeschossen sowie Einzelhandel im Erdgeschoss denkbar.

Und der Vertrag soll auf alle Fälle eine Rückkauf-Klausel enthalten - damit an dieser Stelle kein zweites "Altes Krankenhaus" droht.

Etwa zweieinhalb Jahre Bauzeit

Ein potenzieller Käufer ist inzwischen gefunden. Die SEP verhandelt seit einiger Zeit mit einer sächsischen Investorengruppe, die sich aus Interesse an diesem Projekt selbst gemeldet hatte.

Die potenziellen Investoren konkretisieren derzeit die Planung und klären die Finanzierung. Die Sächsische Aufbaubank (SAB) hat bereits in Aussicht gestellt, dass es möglicherweise Fördermittel für das Vorhaben gibt.

Der Kaufvertrag soll möglichst noch im ersten Halbjahr 2021 abgeschlossen werden. Klappt das, könnte der Bau 2022 beginnen, Flörke rechnet mit einer Bauzeit von etwa zweieinhalb Jahren.

Gelingt der Plan, so verschwinde laut Flörke eine der letzten Ruinen in der Innenstadt. Und das neue Hotel werde städtebaulich zu einem bedeutsamen Bindeglied zwischen der Breiten Straße, dem Dohnaischen Platz und dem Scheunenhofcenter.

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