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Die Insel der DDR-Bonzen

Vilm vor Rügen war das Feriendomizil des Ministerrats. Auch heute ist der Zutritt limitiert. Was für ein Glück für die wenigen Gäste – und vor allem für die Natur.

Alt wie ein Baum: Auf der Insel Vilm ist die Natur noch sich selbst überlassen.
Alt wie ein Baum: Auf der Insel Vilm ist die Natur noch sich selbst überlassen. © Alexandra Frank/dpa

Vilm. Es ist paradox: Auf dieser Insel, sieht man die Abwesenheit des Menschen. Sicherstes Zeichen, dass er nicht – oder zumindest nur selten – da ist, sind die riesigen Eichen, die allenthalben auf dem Boden liegen. Beziehungsweise die Torsi, die von ihnen übriggeblieben sind. Was umfällt – hier bleibt es liegen, und die mächtigen Stämme, die Jahrzehnte brauchen, um zu verrotten, nehmen nach und nach ein wunderbares Hellbraun an, als wären sie in Latte macchiato getaucht worden.

Die Insel Vilm gehört zum Biosphärenreservat Südost-Rügen, das von Binz bis Göhren und weiter nach Thiessow bzw. Putbus reicht. Sie gehört zur Kernzone und ist das zweitälteste Naturschutzgebiet Deutschlands, das eigentlich nicht betreten werden darf. Allerdings gibt es ein Kontingent an Besuchern, das über das Jahr, zwischen März und Oktober, doch anlanden darf. Dafür zuständig ist Andreas Kuhfuß. Er ist der Kapitän des kleinen Motorschiffs „Julchen“ und Gästeführer auf Vilm in einer Person.

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Zweimal täglich darf er die Insel mit maximal 30 Besuchern ansteuern – höchstens aber 9.000 im ganzen Jahr. Start ist im Hafen von Lauterbach, die Überfahrt vom Rügener Festland zur knapp drei Kilometer entfernten Insel dauert nur wenige Minuten. „Vilm ist 0,94 Quadratkilometer groß, Rügen 985-mal größer“, erklärt Andreas Kuhfuß. Nachdem er das Schiff festgemacht hat, nimmt er die Besucher mit auf einen Spaziergang über den nördlichen Teil der Insel.

Honecker war auch hier. Vor allem aber Mitglieder des DDR-Ministerrates.
Honecker war auch hier. Vor allem aber Mitglieder des DDR-Ministerrates. © Udo Lemke

Gleich zu Beginn räumt er mit einer Geschichte auf, die unausrottbar zu sein scheint. Nämlich, dass die Insel zu DDR-Zeiten gesperrt, ja nicht einmal auf den Karten eingetragen gewesen sein soll, weil Erich Honecker hier Urlaub gemacht hat. Richtig sei, so der Gästeführer, dass Vilm eine „Bonzeninsel“ gewesen ist. Aber nicht für Honecker, „der ist nur zweimal für zusammen fünf Tage dagewesen.“ Vielmehr war sie das Feriendomizil für den DDR-Ministerrat. Schaut man sich heute die Siedlung an, dann wirken die gelb gestrichenen Ferienhäuser mit den grauen Reetdächern eher bescheiden. Aber sie erinnern daran, dass sich die Führungsschicht im Arbeiter- und Bauernstaat bewusst vom Volk abgegrenzt hat.

Unmittelbar hinter der Siedlung fängt Vilm dann wirklich an – die wilde Insel. Das Besondere: Den letzten großen Holzeinschlag gab es 1527, also vor fast 500 Jahren; 60 Bäume durften stehen bleiben. 1812 wurde die Holznutzung ganz eingestellt. So galt der Wald auf Vilm als letzter Urwald Norddeutschlands.

Und wie zeigt sich dieser Wald heute? Natürlich mit besonders alten und großen Bäumen. Denn an kaum einem anderen Ort konnten sie ein halbes Jahrtausend ungestört wachsen. Prägend sind mächtige Rotbuchen, dazu Stieleichen, es gibt Bergahorn und Hainbuchen. Und am Nordwestufer der Insel, wo das Festland am nächsten liegt und das Wasser so flach ist, dass man quasi hindurchwaten kann, findet sich eine Kolonie uralter Birnbäume. Es sind vermutlich die Nachfahren von bereits 1527 erwähnten Gartenbäumen.

Damit diese Naturschätze erhalten bleiben, darf niemand den Ringweg verlassen. Und dennoch gewährt er Einblicke, die an Dino Buzzatis Erzählung „Das Geheimnis des alten Waldes“ erinnern, wo die mächtigen Bäume noch von Geistern bewohnt sind, die jeden Moment aus den Stämmen hervortreten können.

Baden verboten: Vilm ist Teil des Biosphärenreservats und Naturschutzgebiets.
Baden verboten: Vilm ist Teil des Biosphärenreservats und Naturschutzgebiets. © Andreas Heimann/dpa

Als Gegenstück zur Ehrwürdigkeit und Langlebigkeit der Bäume zeigt Andreas Kuhfuß, der seit 14 Jahren über Vilm führt und jeden Winkel kennt, einen sehr seltenen Pilz. Der Ästige Stachelbart ist vollkommen weiß und erinnert ein bisschen an langgezupfte Zuckerwatte oder eine Koralle. Dass die Art, die 2006 zum Pilz des Jahres gewählt wurde, gerade hier wächst, ist folgerichtig. Der empfindsame Pilz – in voller Schönheit sei er nur einen einzigen Tag lang zu sehen, sagt Kuhfuß – braucht alte Buchenwälder zum Überleben. Dabei könnte auch er ein Schatz sein, wird er doch in der chinesischen Medizin als Mittel gegen Tumore eingesetzt. Er lässt sich sogar kultivieren.

Und es gibt noch mehr seltene Pflanzen zu bestaunen. Etwa die Echte Goldrute, um nur eine Art zu nennen. Die meisten werden die Kanadische Goldrute mit ihren bogig gekrümmten Rispenästen und den gelben Blütenkörbchen kennen. Die Echte Goldrute wurde früher zum Färben von Wolle oder Baumwolle verwendet, den Stoffen verlieh sie einen goldgelben Ton.

Natürlich ist Vilm auch ein Refugium für Insekten, Wirbeltiere und Vögel. Oder haben Sie schon einmal einen Gänsesäger gesehen? Das Einzige, was einem hier begegnet, ist Natur, ja Wildnis. Und dennoch ist auch Vilm keine Insel der Glückseeligen. Sie liegt in der Ostsee, einem besonders stark vom Menschen geprägten Meer. Andreas Kuhfuß: „Allein in den letzten zehn Jahren ist das Wasser der Ostsee um 1,2 bis 1,5 Grad wärmer geworden.“ Keine guten Aussichten.

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  • Anreise: Mit dem Auto von Dresden nach Bergen/Lauterbach knapp 500 Kilometer.
  • Besuchszeit: Die Insel Vilm kann von März bis Oktober besucht werden, dann fährt täglich 10 Uhr das Motorschiff „Julchen“ ab Hafen Lauterbach.
  • Anmeldung: Entweder telefonisch unter 038301 61896 oder per E-Mail an: [email protected] Ohne Anmeldung ist die Insel nicht zu betreten.
  • Kosten: Kinder (4 -12 Jahre) zahlen 10, Erwachsene 20 Euro. Die Exkursion dauert etwa zweieinhalb Stunden. www.vilmexkursion.de
  • Die Recherche wurde unterstützt vom Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern. www.auf-nach-mv.de

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