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Wohnmobile mit unglaublich wenigen Kilometern

Urlaub im Wohnmobil ist beliebt wie nie zuvor. Manche Händler aber scheinen ihre Fahrzeuge besser aussehen zu lassen, als sie sind. Ein Beispiel aus Sachsen.

Von Tobias Wolf & Ulrich Wolf & Cathrin Reichelt
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Vier Wohnmobilkäufer, die sich von der Eurocamp Sachsen UG betrogen fühlen: Andreas Leiser aus Bitterfeld, Uwe Bärenfänger aus Schwandorf, Jürgen Mezger aus Heilbronn und ein Käufer aus Leipzig, der nicht genannt werden möchte.
Vier Wohnmobilkäufer, die sich von der Eurocamp Sachsen UG betrogen fühlen: Andreas Leiser aus Bitterfeld, Uwe Bärenfänger aus Schwandorf, Jürgen Mezger aus Heilbronn und ein Käufer aus Leipzig, der nicht genannt werden möchte. © Matthias Rietschel

Das böse Erwachen kam Anfang März 2020. Marlis Wilck und Andreas Leiser aus Bitterfeld machten ihre erste kleine Reise mit dem neuen Wohnmobil ins Weserbergland. „Jedes Mal ruckelte der Camper beim Anfahren“, erinnert sich Leiser. „Wir hatten keine Ahnung, woran das lag.“

Das Paar hatte sein erstes Wohnmobil nur wenige Wochen zuvor erworben. Ein Fiat Ducato McLouis, gebraucht, Baujahr 2009. Nur 47.600 Kilometer auf dem Tacho. Längsbetten, Dusche, viel Stauraum. Entdeckt hatten die beiden 62-Jährigen das Fahrzeug im Internet, bei einer Firma namens Eurocamp Sachsen in der Nähe von Torgau. „Also fuhren wir hin“, sagt Marlis Wilck. „Dort hat alles einen seriösen Eindruck gemacht. Das Gespräch verlief sehr nett, der Verkäufer war zuvorkommend.“ Die Fliegentür sei kaputt gewesen, die habe man gleich vor Ort erneuert.

Verkäufer fordert 1,65 Millionen Euro Schadenersatz

Wegen des Ruckelns beim Anfahren konsultierte das Paar im Auftrag des Verkäufers fast zwei Monate lang eine Fiat-Vertragswerkstatt, ehe der Fehler gefunden war: Es lag am defekten Steuergerät. Die Reparaturkosten beliefen sich auf 5.000 Euro. Der Kilometer-Stand soll manipuliert worden sein. Wilck und Leiser fordern Schadenersatz, doch die Süptitzer Firma weigert sich. Seit Monaten schon wird der Streit vor dem Landgericht in Leipzig ausgetragen.

Derweil berichtete das Paar, das in Bitterfeld eine Pension betreibt, über seine Erfahrungen im Portal Wohnmobilfourm.de. Prompt schrieb Eurocamp dort in einer Replik, eine Schadenersatzklage über rund 1,65 Millionen Euro sei „in anwaltlicher Bearbeitung“. Diese „vorläufige Summe“ habe ein Wirtschaftsprüferbüro errechnet. Aufgrund der „vorsätzlichen falschen Schilderung“ hätten viele Kunden Kaufabstand genommen, ein Werkvertrag mit einem namhaften Wohnmobilhersteller sei nicht zustande gekommen.

Uwe Bärenfänger aus Schwandorf in der Oberpfalz hat eine Betroffenengemeinschaft gebildet, die sich über das Internetportal Wohnmobilforum.de gefunden hat.
Uwe Bärenfänger aus Schwandorf in der Oberpfalz hat eine Betroffenengemeinschaft gebildet, die sich über das Internetportal Wohnmobilforum.de gefunden hat. © Matthias Rietschel

Die Bitterfelder sind nicht die einzigen, die Schwierigkeiten haben mit Eurocamp. In einem weiteren Zivilverfahren fordert ein Ehepaar aus Schwandorf in der Oberpfalz gut 11.000 Euro. Käufer Uwe Bärenfänger: „Dass die Kilometerlaufleistung manipuliert war, haben wir beim ersten Ölwechsel festgestellt. Eine Auslesung des Motorsteuergeräts bei Bosch ergab eine Gesamtwegstrecke von 126.230 Kilometer, der Tacho zeigte aber nur 37.500 an.“

Ein Ehepaar aus Meißen, beide Mitte 40, klagt ebenfalls. Es will den Kaufvertrag rückabwickeln. „Wir haben bei Eurocamp ein Fiat Ducato Glücksmobil erworben, laut Vertrag mit nur 33.100 Kilometer auf dem Tacho“, erzählt der Ehemann. Der Motor habe aber immer wieder ausgesetzt. Seine Werkstatt habe festgestellt, dass das Wohnmobil doppelt so viel gefahren sein muss wie angegeben. Der von dem Paar beauftragte Gutachter kommt zu dem Schluss: Es „konnten Abnutzungsspuren festgestellt werden, welche mit der angegebenen Laufleistung unvereinbar erscheinen.“ Ein Ehepaar aus der Nähe von Heilbronn lässt gerade ein gerichtlich bestelltes Gutachten machen; ihre Überprüfung der Fahrzeuggestellnummer beim Internetprüfer Auto-DNA hatte „erhebliche Zweifel am angegebenen Kilometerstand“ ergeben. Auch am Landgericht Chemnitz läuft ein Zivilprozess gegen Eurocamp wegen eines mutmaßlich gefälschten Tachostands.

Sogar die Oberlandesgerichte in Dresden und im norddeutschen Oldenburg beschäftigten sich schon mit der nordsächsischen Firma. Sie verlor jedoch ihre Berufungen. In dem Dresdner Urteil heißt es, der Erwerber sei „arglistig über den Zählerstand des Wohnmobils getäuscht“ worden.

Die Wohnmobile in der Squash-Halle

Wer zur Eurocamp Sachsen UG will, der muss nach Süptitz. In dem Dorf hat sich das Unternehmen eingerichtet in einem ehemaligen Sportcenter für Squash und Hallenfußball. Mitte November stehen dort mindestens zehn Camper in der Halle, draußen weitere rund 20 Fahrzeuge. Eine kleinere Halle dient als Ersatzteillager. Ein Mann im Arbeitsoverall kommt Besuchern entgegen, sagt, die Autos seien alle offen. Wir könnten auch drinnen mit dem Chef sprechen.

Der ist Ende 60, hat schulterlanges blondes Haar und sitzt in einem spartanisch eingerichteten Büro mit einem roten Läufer. Er stellt sich nicht vor, sagt nur: „Ich sage Ihnen nicht, wer ich wirklich bin. Nur so viel: ein großer Bauunternehmer.“ Das Wohnmobilgeschäft sei für ihn nur ein Hobby.

Eines, das sich zu lohnen scheint. Urlaub im Reisemobil boomt in Corona-Zeiten. Das Kraftfahrbundesamt in Flensburg verzeichnete für 2020 rund 76.000 Neuzulassungen. Das entspricht einer Jahressteigerung von mehr als 40 Prozent. Und der Trend setzt sich fort: Von Januar bis September 2021 wurden knapp 67.000 Wohnmobile neu zugelassen, ein Plus von rund acht Prozent.

© RABE/tooonpool.com

Der Chef von Eurocamp nestelt an seinem Handy, zeigt Fotos eines zwei Millionen Euro teuren Reisemobils inklusive Stauraum für einen Bugatti-Sportwagen und behauptet: „Das ist meins.“ Dabei wird nach einem Faktencheck im Internet schnell klar: Die Fotos entsprechen exakt denen, die ein Hersteller für Luxuswohnmobile in seiner Werbung verwendet.

Beim Chef, der seinen Namen nicht sagen will, handelt es sich um Rolf-Peter Fischer. Er stammt aus Rheinhausen und behauptet, bereits 1990 nach Sachsen gekommen zu sein. Seit 2015 wohnt er in einem Dorf zwischen Döbeln und Leisnig auf einem alten Gutshof. Die Nachbarn sagen, man habe wenig Kontakt, höchstens mal ein „Hallo“ oder ein „Na, wie geht’s?“. Das Gebäude selbst ist abgeschirmt. Große massive Holztore an den beiden Zufahrten versperren die Sicht. „Als die noch offen waren, standen da im Hof viele Wohnmobile“, erzählt ein Anrainer. Es habe auch jede Menge Monteure dort gegeben, „meist aus Polen“.

Auf diesem ehemaligen Gutshof in Bockelwitz zwischen Döbeln und Leisnig lebt Fischer. Nachbarn berichten von vielen Monteuren, die vor wenigen Jahren noch dort Wohnmobile vorrichteten.
Auf diesem ehemaligen Gutshof in Bockelwitz zwischen Döbeln und Leisnig lebt Fischer. Nachbarn berichten von vielen Monteuren, die vor wenigen Jahren noch dort Wohnmobile vorrichteten. © Ulrich Wolf

Bevor Fischer in den Wohnmobil-Handel einstieg, war er tatsächlich im Baugeschäft aktiv. Das älteste Zeugnis dieser Zeit findet sich in Döbeln an einem Gebäude nahe dem Bahnhof. Dort ist eine kleine schwarze Marmortafel angebracht, auf der steht: „Bauherr Rolf-Peter Fischer 2004.“ Das Mehrfamilienhaus mitsamt Nebengebäude steht leer. Eine Terrassentür ist aufgebrochen, Fenster sind zerstört. In den Wohnungen liegen Möbeltrümmer und Müll. Teilweise noch verheerender sieht es in fünf weiteren Immobilien aus, die Fischer in Döbeln hat, darunter ehemals repräsentative Bauten wie das ehemalige Stadtcafé. Damals ließ er sich noch als Investor in der Zeitung feiern, inzwischen ist dort aus Sicherheitsgründen sogar ein Teil des Bürgersteigs gesperrt.

Auch während seiner Bauherrenzeit hatte Fischer Ärger mit der Justiz: Veruntreuung von Arbeitsentgelt, illegale Beschäftigung, Fahren ohne Führerschein, Kennzeichenmissbrauch, Urkundenfälschung, Sachbeschädigung, falsche eidesstattliche Versicherung, Nötigung. Sein Vorstrafenregister mit gut 30 Einträgen reicht bis 1995 zurück.

In der Nähe des Bahnhofs Döbeln findet sich eine Spur des Investors Rolf-Peter Fischer. Doch diese und weitere Immobilien stehen leer und verfallen. Foto: Ulrich Wolf
In der Nähe des Bahnhofs Döbeln findet sich eine Spur des Investors Rolf-Peter Fischer. Doch diese und weitere Immobilien stehen leer und verfallen. Foto: Ulrich Wolf © Ulrich Wolf

Ins Gefängnis musste Fischer dennoch einmal: Das Amtsgericht Döbeln verurteilte ihn 2016 zu einer Freiheitsstrafe von sieben Monaten ohne Bewährung – wegen Betrugs. Auch in diesem Prozess war es um den Verkauf eines Wohnmobils nach Niedersachsen gegangen, bei dem am Kauftag ein Kilometerstand von 49.000 angegeben war. In Wirklichkeit waren es jedoch 176.000 Kilometer.

Auch jetzt laufen – neben den Zivilprozessen – wieder Betrugsverfahren: in Leipzig, in Neuruppin, in Torgau. Und erneut in Döbeln: Dort wirft die Staatsanwaltschaft Chemnitz dem Ehepaar Fischer vor, bei drei Wohnmobilverkäufen zwischen 2015 und 2018 unwahre Angaben zum Zustand, der Anzahl der Vorbesitzer und zum Kilometerstand gemacht haben. Als ein Fotograf der Lokalpresse vor der öffentlichen Verhandlung Aufnahmen machen will, schlägt Fischer wütend mit einem Aktenordner auf den Reporter ein.

Erst in diesem Monat stand Rolf-Peter Fischer wieder vor Gericht in Döbeln. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm und seiner Frau Betrug im Handel mit Wohnmobilen vor.
Erst in diesem Monat stand Rolf-Peter Fischer wieder vor Gericht in Döbeln. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm und seiner Frau Betrug im Handel mit Wohnmobilen vor. © SZ

Das ist ein ganz anderes Bild als das, das der 68-Jährige bei Eurocamp abgibt. Nicht nur Marlis Wilck und Andreas Leiser aus Bitterfeld hat er mit seinem Wissen und Redefluss beeindruckt. Was sie und andere jedoch stutzen ließ: Mal sei bar bezahlt („das ging dann ungezählt in die Schublade“), mal überwiesen worden. An verschiedene Firmen, an verschiedene Namen.

Gemeinsam mit seiner jetzigen Frau und einem Sohn aus erster Ehe hat Fischer ein komplexes Unternehmenskonstrukt geschaffen. Es handelt sich überwiegend um sogenannte UG, um Unternehmergesellschaften, die bereits mit einem Euro Stammkapital gegründet werden können. Dass hinter diesen Firmen die immer gleichen Personen stehen, ist nicht gleich erkennbar. Und so verteilt Fischer bei Verkaufsgesprächen Visitenkarten, die nicht seinen Namen tragen, sondern den seiner Frau, seines Sohnes oder den eines weiteren Mannes: Frank T.

2013 diente Frank T. (links) für Rolf-Peter Fischer (r.) noch als Bauhelfer. In Döbeln wollte der Bauunternehmer damals noch mehreren Häusern aus der Gründerzeit neues Leben einhauchen.
2013 diente Frank T. (links) für Rolf-Peter Fischer (r.) noch als Bauhelfer. In Döbeln wollte der Bauunternehmer damals noch mehreren Häusern aus der Gründerzeit neues Leben einhauchen. © SZ-Archiv

Frank T. fungiert offiziell als Geschäftsführer der Eurocamp. Der 56-Jährige wohnt im ersten Stock eines Plattenbaus im Leipziger Zentrum. Seine Unterschrift auf Eurocamp-Verträgen ähnelt in keiner Weise der Unterschrift, die er bei der Firmengründung im Januar 2018 bei einem Döbelner Notar hinterlassen hat, sondern frappierend der von Fischer. Ein Wohnmobilkäufer aus der Nähe von Regensburg hat ihn als ehemaligen Bauhelfer von Fischer identifiziert. Frank T. ist der Mann, der einem bei Eurocamp in Süptitz im Overall entgegenkommt und sagt, man könne auch mit dem Chef drinnen sprechen.

Die Wohnmobile kauft Eurocamp unter anderem in Belgien, zum Beispiel bei Frankiemotorhomes in der Nähe von Gent. Dessen Inhaber ist inzwischen verstorben, das Geschäft existiert nicht mehr. Eine weitere Kaufadresse in Belgien ist die Firma Dicar Motorhomes. Von dieser Firma stehen derzeit mindestens fünf Fahrzeuge in Süptitz, eine SZ-Anfrage zu ihren Erfahrungen mit Fischer beantwortet das Unternehmen nicht. Eurocamp-Kunde Bärenfänger erzählt, er sei extra nach Belgien gefahren, um sich dort den sogenannten Carpass ausdrucken zu lassen. Das ist eine Art schriftliche Historie inklusive der Kilometerstände bei jedem TÜV-Termin in Belgien. Demnach erfolgte die Erstzulassung seines Dethleffs Globebus T2 Anfang Juni 2007, die Inbetriebnahme war gültig bis zum August 2020. Bereits im Juni 2018 betrug der Kilometerstand dem Carpass zufolge gut 112.000 Kilometer, in Süptitz ging das Fahrzeug mit nicht einmal 40.000 Kilometer weg.

In einer ehemaligen Squash- und Hallenfußballhalle in Süptitz bei Torgau verkauft die Eurocamp Sachsen UG ihre gebrauchten Wohnmobile.
In einer ehemaligen Squash- und Hallenfußballhalle in Süptitz bei Torgau verkauft die Eurocamp Sachsen UG ihre gebrauchten Wohnmobile. © Ulrich Wolf

Zu all den Widersprüchlichkeiten, den Prozessen und seinem Geschäftsgebaren hat die SZ Rolf-Peter Fischer schriftlich befragt. Er antwortete, er könne „aus rechtlichen Gründen nur die Verkaufsideologie der Eurocamp Sachsen vorstellen“. Alle Fahrzeuge würden beim Kauf geprüft, „vor allem auch die Echtheit des Kilometerstandes“. Reklamationen erledige Eurocamp im Rahmen der Gewährleistung „großzügig“. In den vergangenen vier Jahren habe es nur sieben Zivilverfahren gegeben, bei verkauften 1.400 Einheiten. Das entspräche einem Jahresumsatz von rund zehn Millionen Euro. Bei Erlösen in dieser Höhe müsste Eurocamp einen Jahresabschluss veröffentlichen, das aber ist nicht geschehen. „Trotz aller Kulanz müssen auch wir uns vor allzu unverschämten Forderungen schützen“, betont Fischer. Er verweist zudem auf positive Bewertungen in Online-Portalen.

Für das Eurocamp-Konto bei Ebay bestätigt der Pressesprecher des Online-Portals, dass derzeit keine Beschwerden vorlägen. Erst bei „hinreichenden Hinweisen“ auf das betrügerische Agieren eines Nutzers werde dieser vom Handel ausgesperrt.

Die Homepage der Eurocamp findet sich bei Mobile.de. Dort sind die Bewertungen – anders als etwa bei Wohnmobilforum.de oder Google – tatsächlich überwiegend positiv. Der Sprecher des Onlinehändlers bedauert zwar „die individuellen Fälle“ der Käufer sehr, allerdings seien „bisher keine Nachweisbelege“ für die Beschwerden vorgelegt worden. Anonymisierte Dokumente wie Gerichtsurteile mit geschwärzten Daten und Namen reichten nicht aus, um einen Account zu kündigen. Dazu seien „Ergebnisse von Ermittlungen und Recherchen in ihrer Gesamtheit relevant“.