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Der Wächter der Wildnis

Für Forststeigwanderer ist Hüttenwart Jens Dzikowski aus Königstein der Mittelsmann zur Außenwelt. Eine Patrouillenfahrt.

Willkommen im wilden Wald: Jens Dzikowski (68) ist der Steig- und Hüttenwart des Forststeigs Elbsandstein. Er kümmert sich um die Trekkinghütten und Biwakplätze, aber auch um ihre Benutzer.
Willkommen im wilden Wald: Jens Dzikowski (68) ist der Steig- und Hüttenwart des Forststeigs Elbsandstein. Er kümmert sich um die Trekkinghütten und Biwakplätze, aber auch um ihre Benutzer. © Marko Förster

Wenn einer Rentner ist, im Museum wohnt, zugleich aber von sich sagt, dass er nicht still sitzen kann, dass er raus muss und Kontakte braucht - liegt es dann nicht nahe, Betreuer eines Fernwanderwegs zu werden? Jens Dzikowski, 68, daheim auf der Festung Königstein, hat genau das getan. Als er hörte, es werde ein Hüttenwart für den Forststeig gesucht, fackelte er nicht lange. "Es war genau das, was ich wollte."

Notration Trinkwasser immer an Bord

Der Forststeig Elbsandstein - das sind über hundert Kilometer Fußmarsch durch dichte und zumeist einsame Wälder der linkselbischen Nationalparkregion. Der Weg führt über 13 Tafelberge, aber an keiner einzigen Steckdose oder Badewanne vorbei. Übernachtet wird in einstigen Jagdhütten oder im Zelt. Ganz alleine sind die Wanderer dabei nicht. Denn es gibt den Hüttenwart. Er ist ihr Verbindungsmann zur Zivilisation.

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Alles schick im Schlafgemach? Hüttenwart Jens Dzikowski kontrolliert den Biwakplatz am Taubenteich.
Alles schick im Schlafgemach? Hüttenwart Jens Dzikowski kontrolliert den Biwakplatz am Taubenteich. © SZ/Jörg Stock

Dreimal die Woche, in der Saison eher viermal, steigt Jens Dzikowski ins Auto und startet die Patrouille. So auch heute. Etwa fünf Stunden werden wir unterwegs sein, achtzig Kilometer zurücklegen. Im Kofferraum liegt das Sammelsurium der Ausrüstung: Eimer, Lappen, Küchenrolle, Heckenschere, Taschenmesser, Seitenschneider, Schraubendreher. Natürlich auch Streichhölzer. Schon mancher hatte den Campingkocher eingepackt, das Feuer aber nicht.

Bevor es losgeht, hält Jens Dzikowski noch am Walderlebniszentrum Leupoldishain an und tankt zehn Liter Trinkwasser in einen Kanister. Am Forststeig gibt es keine Wasserhähne. Es gibt zwar Quellen, aber die findet nicht jeder. "Die Wanderer sind dann dankbar, wenn ich mit frischem Wasser ankomme."

"Auf das Wesentliche konzentrieren." Lukas Gockel (l.) und Manuel Berendes beim Zubereiten ihres Abendbrots am Rotstein.
"Auf das Wesentliche konzentrieren." Lukas Gockel (l.) und Manuel Berendes beim Zubereiten ihres Abendbrots am Rotstein. © SZ/Jörg Stock

Auf in die Wildnis. Nach über zwei Jahren als Hüttenwart findet Jens Dzikowski den Weg dort hin ohne Landkarte. Seit der Borkenkäfer wütet, steht er allerdings immer mal vor Absperrbannern der Waldarbeiter, muss Umwege fahren. Schlammlöcher und Baumreste fordern die Aufmerksamkeit. Ein Aststück bohrte sich mal in seinen Reifen. So hat er auch das heute unübliche Ersatzrad wieder an Bord.

"Toller Ort, super Hütte, ein Paradies"

Als Hüttenwart ist Jens Dzikowski Minijobber des Forstbezirks Neustadt. Der Forstbezirk hat die Trekkingroute entwickelt. Offenbar eine gute Idee. Im Eröffnungsjahr 2018 wurden 2.800 Besucher an den Übernachtungsstellen registriert. 2019 waren es 5.600 und 2020 dann 8.600. Da nicht alle die Biwaks und Hütten nutzen, schätzt der Forst die Besucherzahl weit höher, auf etwa 12.000 im vergangenen Jahr.

Auf Abenteuerurlaub: Michael Arnscheidt und sein Sohn Paul aus Hennef bei Bonn rasten an der Rotsteinhütte.
Auf Abenteuerurlaub: Michael Arnscheidt und sein Sohn Paul aus Hennef bei Bonn rasten an der Rotsteinhütte. © SZ/Jörg Stock

Erste Station: das Zschirnstein-Biwak. Es ist später Nachmittag. Noch keine Gäste da. Jens Dzikowski inspiziert die Schutzhütte. Alles sauber und ordentlich. Im Hüttenbuch, das er routinemäßig aufschlägt, steht viel Lob: "Toller Ort, super Hütte, ein Paradies", schreiben Frauke und Karsten aus Soest. Auch Sabine war happy: "Wenn es so weiter geht, bin ich ein Glückspilz."

Jens Dzikowski kann das nachfühlen. Er zeigt rüber zum Großen Zschirnstein. "Der Blick ist doch gigantisch." Ganz und gar nicht schön findet er den kreisrunden Brandfleck im Gras. Eine Feuerstelle, schon alt, aber noch immer ein Aufreger für den Hüttenwart. Feuern verboten - das ist Paragraf 1 des Forststeig-Kodex. Trotzdem wird immer mal gekokelt und geraucht. "Da verstehe ich die Welt nicht mehr."

Volker Menzel und Tochter Luise aus Chemnitz freuen sich auf die Nacht und den neuen Morgen im Wald am Spitzstein-Biwak.
Volker Menzel und Tochter Luise aus Chemnitz freuen sich auf die Nacht und den neuen Morgen im Wald am Spitzstein-Biwak. © SZ/Jörg Stock

Der Zustand des Platzes kommt ins Protokoll - eines von sieben- bis achthundert Blättern, die Dzikowski während einer Saison ausfüllt. Dann düst er weiter. Zwischen fünf und sieben Anlaufstellen nimmt er sich pro Runde vor. Die Uhrzeiger wandern schnell, wenn man mit den Leuten plaudert. Genau das mag Dzikowski. "Ich will mir Zeit nehmen."

Standardwaffen: Handschuhe und Mülltüte

Aber die Wanderer nehmen sich auch Zeit. Die Grenzbaude ist noch leer, das Biwak am Taubenteich auch, bis auf eine Ladung Unrat. Die Standardwaffen des Hüttenwarts, Gummihandschuhe und Mülltüte, kommen zum Einsatz. Soweit möglich, räumt er alles weg, was nicht zum Biwak gehört. Ist ein Ort sauber, bleibt er es meist, sagt er. Liegt etwas rum, stellen andere was dazu. "So ticken die Menschen eben."

"Wir sind bergwanderverrückt." Vogtländer Thomas Zschögner und seine Freundin Jennifer Stadler aus Gera zelten am Zehrborn-Biwak.
"Wir sind bergwanderverrückt." Vogtländer Thomas Zschögner und seine Freundin Jennifer Stadler aus Gera zelten am Zehrborn-Biwak. © Marko Förster

Halb sechs. An der Rotsteinhütte sind Gäste eingetroffen. Lukas und Manuel, Studenten aus Hessen und NRW, haben grade "geduscht", mit Regenwasser und biologisch abbaubarem Outdoor-Seifenkonzentrat, weshalb sie jetzt nicht nach 16 Kilometern Marsch, sondern nach Zitrone riechen. Zum Abendbrot soll es Linsen und Pasta vom Gaskocher geben sowie mit Heißwasser aufgegossene "Astronautennahrung".

Anfangs war es schwierig, abzuschalten, erzählt Lukas, und rein zu kommen, in dieses Camping-Ding. Inzwischen hat er sich an die Situation gewöhnt. "Der Wald, die Ruhe, das hat eine echt tolle Wirkung." Manuel schätzt die Abwesenheit von Ablenkung. "Du konzentrierst dich auf das Wesentliche", sagt er, "und merkst, mit wie wenig man glücklich sein kann."

Zwei Hessen auf Expedition in Sachsen: Holger Klappert und Kira Rudolf aus Gießen werfen ihre Tickets in die Zahlbox der Kamphütte.
Zwei Hessen auf Expedition in Sachsen: Holger Klappert und Kira Rudolf aus Gießen werfen ihre Tickets in die Zahlbox der Kamphütte. © Marko Förster

Ob Lukas mit seinen Wanderschuhen glücklich wird, bezweifelt Jens Dzikowski. Die Sohlen lösen sich. Sie werden wohl bald abfallen. Das sagt er aber erst, als er wieder im Auto sitzt. "Ich will ihnen nicht den Mut nehmen." Dass Schusters Rappen versagen, erlebt Dzikowski oft. Er hat schon Stiefel gesehen, an denen waren die Sohlen mit Stricken festgebunden.

Am Spitzstein haben Volker und Luise, Vater und Tochter aus Chemnitz, ihr Regendach aufgespannt. Sie könnten auch in der Schutzhütte schlafen. Wollen sie aber nicht. Volker freut sich darauf, morgen halb fünf in der Natur aufzuwachen. "Es gibt nichts, was einen glücklicher macht." Bedenken hat er bloß wegen der Wildschweine. "Ich hoffe, die halten sich zurück."

"Es gibt nichts Besseres, um abzuschalten." Barbara Meierarend aus Essen entspannt nach geschaffter Forststeig-Etappe an der Biela.
"Es gibt nichts Besseres, um abzuschalten." Barbara Meierarend aus Essen entspannt nach geschaffter Forststeig-Etappe an der Biela. © Marko Förster

Seit der Trekkingpfad in Betrieb ist, hat der Forstbezirk keinerlei Zusammenstöße zwischen Mensch und Tier registriert. Auch keine zwischen Mensch und Mensch. Kriminelle Vorkommnisse seien unbekannt. Hüttenwart Dzikowski unterstreicht das. Wer hier rauskommt, sagt er, mit fünfzehn Kilo Gepäck, der macht keinen Blödsinn.

Je später der Abend, umso mehr Gäste trifft der Hüttenwart. Alle haben brav ihre Tickets - 10 Euro kostet eine Übernachtung - in die Zahlboxen geworfen. Barbara Meierarend aus Essen, die am Zehrborn-Biwak die Füße in die Biela steckt, ist rundum zufrieden. Familie und Trubel hat sie für sechs Tage hinter sich gelassen, um ganz allein durch die Sächsische Schweiz zu laufen. Die Wirklichkeit, sagt sie, übertrifft alles, was sie im Fernsehen gesehen hat. "Es gibt nichts Besseres, um abzuschalten."

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