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Wandern wie gemalt

Vor 15 Jahren wurde der Malerweg neu erfunden. Heute gilt die Etappenwanderung als Königsweg der Sächsischen Schweiz.

"Der Malerweg spielt in der obersten Liga mit." Yvonne Brückner vom Tourismusverband Sächsische Schweiz auf ihrem "Hausberg", dem Papststein bei Gohrisch.
"Der Malerweg spielt in der obersten Liga mit." Yvonne Brückner vom Tourismusverband Sächsische Schweiz auf ihrem "Hausberg", dem Papststein bei Gohrisch. © Daniel Schäfer

Es ist das Gefühl, viel geschafft zu haben, und die Wirkung von ein, zwei Gläsern Bier, mit Freunden geleert, die eine wohlige Bettschwere erzeugen. So streckt sich Rüdiger von Sehren, Architekt aus Düsseldorf, auf dem Matratzenboden der Kirnitzschtaler Neumannmühle aus. Anstrengend war es heute. Achtzehn Kilometer über Berg und Tal. Viel Zeit bleibt ihm nicht für Gedanken an den durchlebten Tag. Auf dem Malerweg kommt der Schlaf schnell.

Ungefähr eintausendzweihundert Kilometer beschilderte Wanderwege gibt es in der Sächsischen Schweiz. Der Malerweg ist der Königsweg. Tiefe Schluchten, weite Ebenen, majestätische Tafelberge, niedliche Dörfchen, Felsennadeln und Felsentore - er hat alles, was der Elbsandsteinreisende sucht.

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Von Düsseldorf ins Kirnitzschtal: Malerwegswanderer Rüdiger von Sehren legt sich auf dem Matratzenboden der Berghütte Neumannmühle zur Ruhe.
Von Düsseldorf ins Kirnitzschtal: Malerwegswanderer Rüdiger von Sehren legt sich auf dem Matratzenboden der Berghütte Neumannmühle zur Ruhe. © Steffen Unger

Und jetzt hat er Geburtstag. Eigentlich ist der schon wieder vorbei. Als der Malerweg vor 15 Jahren in Stadt Wehlen eröffnet wurde, war Juni und Sachsens damaliger Ministerpräsident Georg Milbradt kam zum Anstoßen. Jetzt ließ der Tourismusverband Sächsische Schweiz das Jubiläum still verstreichen. Nicht einmal eine Pressemitteilung gab es.

Sorge wegen neuerlichem Ansturm

Das hat, zumindest indirekt, mit der Pandemie zu tun, sagt Yvonne Brückner, beim Verband die Fachfrau für Aktivurlaub mit Schwerpunkt Malerweg. Nachdem das Elbsandsteingebirge vorige Saison mangels Reisemöglichkeiten im Ausland überrannt worden war, habe man keine zusätzliche Reklame machen wollen. Nichts sei ärgerlicher, als Gäste einzuladen, für die es womöglich gar nicht genug Quartiere gibt.

Der Malerweg verbindet auf 116 Kilometern die schönsten Orte der Sächsischen Schweiz.
Der Malerweg verbindet auf 116 Kilometern die schönsten Orte der Sächsischen Schweiz. © SZ Grafik

Die Sorge war unbegründet. Die Wandersaison 2021 begann verhalten und läuft inzwischen vielerorts normal. Auch in der Neumannmühle im Kirnitzschtal, wo Rüdiger von Sehren mit seinen Wanderfreunden eingekehrt ist. Die Baumgerippe am Weg, Hinterlassen vom Borkenkäfer, haben ihn etwas deprimiert, gibt er zu. Aber die Felsen hat er genossen, und das Laufen in der Gruppe. "Das Beste ist doch, all das gemeinsam zu erleben."

Leere Zimmer und Ruhetage sind passé

Die Neumannmühle ist das Scharnier zwischen den Malerwegs-Etappen 4 und 5. Dass die Route genau vor seiner Tür liegt, ist das Beste, was ihm passieren konnte, sagt Markus Galle, der Wirt. Waren zuvor wochentags manchmal sämtliche Zimmer leer und ein Ruhetag unumgänglich, gibt es heute sieben Tage die Woche Gäste. Der Umsatz stieg, der Ruhetag wurde abgeschafft.

"Das Beste, was mir passieren konnte." Der Malerweg hat dem Neumannmühlenwirt Markus Galle deutlich mehr Gäste und Umsatz eingebracht.
"Das Beste, was mir passieren konnte." Der Malerweg hat dem Neumannmühlenwirt Markus Galle deutlich mehr Gäste und Umsatz eingebracht. © Steffen Unger

Die Neumannmühle bietet vier Zimmer und 35 Plätze auf dem Schlafboden, buchbar auch für nur eine Nacht. Was die Herbergen sonst vermeiden, gehört zu den Qualitätskriterien am Malerweg. Für Markus Galle hat sich das Zugeständnis ausgezahlt. Von den 5.000 Übernachtungen im Jahr gehen zweieinhalbtausend, vielleicht sogar dreitausend aufs Konto der Etappenwanderer.

Neuer Malerweg: Erfindung im Eiltempo

Schön für den Wirt ist nicht nur die stabile Auslastung seiner Hütte. Er mag es auch, mit den Gästen zu plaudern, herauszufinden, wie sie ticken. Es sind Gäste, die mitunter die halbe Welt bereist haben, und die trotzdem schwören, sie hätten etwas so Schönes wie die Sächsische Schweiz noch nie gesehen. "Das macht Spaß", sagt Galle.

Einweihung des Malerwegs im Juni 2006: Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt (M.) trifft auf ein Caspar-David-Friedrich-Double.
Einweihung des Malerwegs im Juni 2006: Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt (M.) trifft auf ein Caspar-David-Friedrich-Double. © Tourismusverband Sächsische Schweiz/René Gaens

Yvonne Brückner vom Tourismusverband ist auch in einigen Ecken des Globus gewesenen, noch bevor es den Malerweg gab. Sie unternahm Etappenwanderungen in Amerika und Neuseeland und vermisste Derartiges in der Sächsischen Schweiz. Als die TMGS, Sachsens zentraler Tourismusvermarkter, begann, eine Broschüre über Mehrtagestouren im Freistaat vorzubereiten, war das der Anstoß, um im Elbsandsteingebirge Nägel mit Köpfen zu machen.

Eine Arbeitsgruppe aus Touristik, Kartografie, Nationalpark, Kommune, Gastronomie und Hotellerie fand sich, und binnen eines dreiviertel Jahres war der Weg konzipiert und ausgeschildert. Den Titel hat Yvonne Brückner vorgeschlagen. In der Sächsischen Schweiz, Land der Wortungetüme, sollte es etwas Kurzes, etwas Griffiges sein: Malerweg.

Der Malerweg zum Sammeln: Jede Etappe hat ihre eigene Postkarte, hier demonstriert von Sabrina Rudolph (35) vom Pirnaer Touristservice.
Der Malerweg zum Sammeln: Jede Etappe hat ihre eigene Postkarte, hier demonstriert von Sabrina Rudolph (35) vom Pirnaer Touristservice. © Daniel Schäfer

Das Etikett passt, denn der Wanderer folgt jenen Pfaden, die von den Malern des 18. und 19. Jahrhunderts ins damals noch wilde Sandsteingebirge getreten wurden. Große Romantiker wie Caspar David Friedrich, Ludwig Richter, Clausen Dahl und Carus suchten Inspiration zwischen Klippen und Klammen. Ihre Bilder, das "Instagram" ihrer Zeit, entwickelten Sogwirkung und bald kamen die ersten Touristen, die Motive in echt zu erleben.

Das Gebirge wirbt für sich selbst

Wie viele Menschen heute den Malerweg benutzen, ist unklar. Es gibt weder konkrete Zahlen noch Schätzungen. Yvonne Brückner ist aber sicher, dass die Popularität steigt. Diverse Auszeichnung hätten dazu beigetragen. 2007 wurde der Malerweg vom Wandermagazin zum schönsten Wanderweg Deutschlands gekürt. 2016 wählten ihn die Leser des Globetrotter-Magazins unter die Top 3 der beliebtesten Trips weltweit.

Statt Stocknagel: Wer alle Etappen gemeistert hat, kann sich den Malerweg-Pin, gerade neu entworfenen, an den Rucksack heften.
Statt Stocknagel: Wer alle Etappen gemeistert hat, kann sich den Malerweg-Pin, gerade neu entworfenen, an den Rucksack heften. © Daniel Schäfer

Die Staffelei ist weitgehend vom Foto abgelöst. Zehntausende Aufnahmen der Sächsischen Schweiz kursieren allein bei Instagram. Das Gebirge wirbt für sich, ohne dass Touristiker wie Yvonne Brückner viel dafür tun müssten. Sie tun aber trotzdem was. Jeden Monat gibt es Extrawanderungen für Bildermacher, die Photowalks, außerdem alljährlich das Fotocamp Herbstlicht. "Je mehr gute Bilder, desto besser", sagt Brückner.

Und die Maler? Die gibt es immer noch. Anne Kern zum Beispiel, die man im Geburtsort des Malerwegs, in Wehlen, trifft. Sie nennt sich eine leidenschaftliche Wanderin. "Ich erarbeite mir meine Motive laufend." Auch auf dem Malerweg war sie schon unterwegs, hat ihren Blick, der sich sonst für Nahaufnahmen von Steinbruchwänden interessiert, geweitet.

"Ich erarbeite mir meine Motive laufend." Anne Kern aus Wehlen gehört zu den neuen Malern und Malerinnen am Malerweg.
"Ich erarbeite mir meine Motive laufend." Anne Kern aus Wehlen gehört zu den neuen Malern und Malerinnen am Malerweg. © (c) Christian Juppe

Was sie vor allem mochte: diese Stille, die eintrat, sobald das Gebirge seine Tagesgäste abgeschüttelt hatte. "Dann erschließt sich einem die Natur ganz anders." Vielleicht ein wenig so wie bei Caspar David Friedrich, der tagelang einsam im Uttewalder Grund gehaust haben soll, um den Geist des Ortes aufzusaugen.

Die neue Romantik sieht Yvonne Brückner als Motiv der Malerwegswanderer, ja, des neuen Wanderns überhaupt. Es geht darum, unterwegs zu sein, die Dinge hinter sich zu lassen, Ballast abzuwerfen. Der Alltag ist überfüllt mit Technik, mit Künstlichem, mit Aufgesetztem, sagt sie. "Dafür brauchen wir einen Ausgleich."

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