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Mit dem Trecker an die Ostsee

Oliver Knittel lässt seine Gäste mit 10 km/h durch Mecklenburg tuckern. Ein Gespräch über Entschleunigung, Schalten im Stand und den langsamsten Porsche der Welt.

Der Weg ist das Ziel: Traktor-Romantik unweit des Malchiner Sees.
Der Weg ist das Ziel: Traktor-Romantik unweit des Malchiner Sees. © Lukas Stolberg/treckerausflug.de

Alte Traktoren haben eine wachsende Fangemeinde. Das gemächliche Fahren und Bollern der Dieselmotoren reizt nicht nur nostalgische Landwirte, sondern auch ganz normale Oldtimerfans. Ein Unternehmer aus Mecklenburg-Vorpommern hat den Trend erkannt und verleiht seine Flotte historischer Schlepper an Tagesgäste und Urlauber . Sächsische.de sprach mit ihm.

Herr Knittel, wie kommt man auf die Idee, die Leute auf Treckertouren zu schicken?

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Spontan hätte ich gesagt: Weil es kein anderer macht. Vor etwa sechs Jahren bin ich mit meiner Familie nach Mecklenburg aufs Land gezogen. Ich hatte vorher schon ein paar Oldtimer-Trecker. Hier wurden es dann immer mehr. Mittlerweile stehen fast 30 Fahrzeuge auf dem Hof.

Und wie sind Sie an so viele Traktoren gekommen?

Ich habe Maschinenbau studiert und mein Leben lang an kleinen und großen Dingen geschraubt. Irgendwann waren es Autos und Trecker. Es ist Sammelleidenschaft und Technikinteresse. Das Schöne an den alten Dingern ist ja, dass es keine Raketenwissenschaft ist. Mit gesundem Menschenverstand und einem Schraubenschlüssel lässt sich eine Menge ausrichten.

Wann haben Sie mit dem Sammeln begonnen?

2013 oder 2014 habe ich mir den ersten Trecker zugelegt – einen Deutz D25 mit luftgekühltem Zweizylinder. Der läuft heute noch in der Vermietung und wird gerne gefahren. Na ja, und wenn man mit einem anfängt, werden es immer mehr.

Sie vermieten unter anderem einen Traktor von Porsche.

Zwei sogar. Das Modell heißt Porsche Junior. Damen wählen diesen Trecker oft, weil er übersichtlich ist und mit vergleichsweise geringem Kraftaufwand bedient werden kann. Aber der Name Porsche steht da nur drauf, mit Porsche Automobil hat das überhaupt nichts zu tun.

Sondern?

Die Geschichte ist die: Es gab nach dem Zweiten Weltkrieg in Westdeutschland ungefähr 40 Traktorenhersteller. Einer davon war die Firma Allgaier aus Friedrichshafen am Bodensee. Clever, wie die Schwaben nun mal sind, haben sie erkannt, dass sie etwas tun müssen, um im Wettbewerb nicht unter die Räder zu kommen. Also hat sich Allgaier das Ingenieurbüro Porsche ins Haus geholt und damit beauftragt, die vorhandene Modellpalette aufzuhübschen. Porsche hat daraufhin eine Designstudie gemacht – mit der typisch geschwungenen, rot lackierten Motorhaube, die später als „Rotnase“ bekannt wurde. Der Trecker hieß zunächst „Allgaier System Porsche“.

Später haben die Eigentümer den Laden an die Firma Mannesmann verkauft, die das besagte Modell unter dem Namen „Porsche Diesel“ auf den Markt brachte und schnell sehr erfolgreich damit war. Nach drei Jahren ging es allerdings genauso steil bergab. 1963 war Schluss, und die Firma ging pleite – wie die meisten der anderen Hersteller in Deutschland. Mannesmann hat mit Porsche Automobil in Stuttgart überhaupt nichts zu tun.

Porsche fahren mal anders.
Porsche fahren mal anders. © Lukas Stolberg/treckerausflug.de

Die Frage sei trotzdem gestattet: Wie schnell fährt Ihr Porsche?

Er ist nicht der schnellste Traktor im Verleih. Die meisten Modelle aus den 1950er- und 1960er-Jahren, die wir haben, schaffen etwa 20 km/h. Wobei die tatsächliche Geschwindigkeit über den Tag hinweg im Schnitt eher bei 10 km/h liegt. Es ist ein sehr gemütliches Vorankommen. Unsere Gäste sagen oft, sie hätten noch nie so viel von der Umgebung gesehen.

Wohin schicken Sie Ihre Kundschaft? Oder können sie kreuz und quer durchs Land fahren?

Theoretisch könnten sie kreuz und quer, was aber aufgrund der fehlenden Ortskenntnis nicht unbedingt sinnvoll ist. Wir haben deshalb zwei Routen ausgearbeitet, eine führt rund um den Malchiner See. Diese Vier-Schlösser-Tour buchen 99 Prozent unserer Gäste als Tagesausflug. Die Route führt über öffentliche Straßen, die aber nicht so aussehen. Das sind Wald- und Forstwege sowie kaum befahrene Nebenstraßen. Am Weg liegen Schlösser, Herrenhäuser, Einkehrmöglichkeiten und Seen, in denen man baden kann.

Kann man Ihre Trecker auch für längere Touren mieten?

Ja, das geht. Die Ostsee ist ja nicht weit. Einmal Fischland-Darß und zurück ist in vier Tagen gut zu schaffen. Als gemütliches Tagespensum sollte man etwa 40 bis 50 Kilometer rechnen.

Und wo übernachtet die Treckerbesatzung während der Tour?

Das muss sich jeder selbst organisieren. Mit dabei ist ein alter Feuerwehr-Geräteanhänger, der mit Zelt, Grill, Bierkasten und Klamotten beladen werden kann. Man kann sich die Route aber auch so legen, dass die Übernachtung im Hotel möglich ist.

Braucht man einen speziellen Führerschein, um mit Ihren Treckern fahren zu dürfen?

Nein, der normale Pkw-Schein genügt.

Was sollten diejenigen beachten, die vorher noch nie auf einem Traktor gesessen haben?

Das trifft ja auf die meisten zu, die zu uns kommen. Meine Einweisung dauert etwa 20 Minuten. Dabei erkläre ich, was grundsätzlich beim Bewegen des Traktors berücksichtigt werden muss – dass alles viel langsamer geht und wesentlich mehr Zeit braucht, als man es bei einem modernen Fahrzeug gewohnt ist. Das erste Gebot lautet: Ruhe und Gelassenheit! Hektisch wird das nix. Das zweite Gebot betrifft das nicht synchronisierte Getriebe: Man kann nicht während der Fahrt schalten, sondern muss dafür stehen bleiben.

Haben Sie trotzdem Sorgen, dass Sie nicht alle Ihre Trecker wieder heil zurückbekommen?

Wer solche Gedanken hat, darf nichts vermieten. Ich sehe das professionell und weiß, dass nicht jeder so sorgsam mit dem Fahrzeug umgeht, wie ich das selber machen würde. Aber das Schöne an den Traktoren ist, dass sie hart im Nehmen sind. Außerdem ist unser Publikum in der Regel Ü40. Die meisten sind aus ihrer Sturm-und-Drang-Zeit raus und gehen behutsam mit der Technik um.

Wie groß ist das Altersspektrum?

Der Jüngste war 17 und hatte gerade erst seinen Führerschein, der Älteste 82. Es kommen tatsächlich viele 80-Jährige, die diese Traktoren noch aus ihren Kindertagen kennen.

Und woher kommen die Leute?

Aus ganz Deutschland. Viele nehmen lange Wege in Kauf, nur um einen Tag Trecker zu fahren. Im Sommer sind es natürlich vor allem Feriengäste, demnächst also wieder viele Sachsen. Bei denen ist Mecklenburg ja seit jeher ein beliebtes Urlaubsziel. Die Leute kommen und wollen „mal was anderes erleben“. Sie suchen die Entschleunigung.

Oliver Knittel (49) betreibt mit seiner Frau Magdalena einen Verleih historischer Traktoren in Lupendorf bei Waren an der Müritz.
Oliver Knittel (49) betreibt mit seiner Frau Magdalena einen Verleih historischer Traktoren in Lupendorf bei Waren an der Müritz. © Lukas Stolberg/treckerausflug.de

Wie hat die Corona-Pandemie das Verleihgeschäft beeinträchtigt?

Die Situation im Frühjahr vorigen Jahres war schon ein Schock für uns. Das gesamte Oster- und Pfingstgeschäft war weg. Danach gab es ungebrochenen Zulauf bis Oktober. Insgesamt hatten wir 2020 rund 500 Vermietungen. Dieses Jahr konnten wir erst im Juni so richtig starten. Inzwischen sind wir aber sehr gut gebucht, selbst unter der Woche. Es gibt Dienstage, an denen alle Trecker raus sind. Das hat es früher nicht gegeben.

Bestehen überhaupt noch Chancen für Kurzentschlossene?

Ja, natürlich. Wir haben zum Glück genug Fahrzeuge. Wer nicht auf einen bestimmten Tag angewiesen ist, für den wird sich noch ein Termin finden lassen.

Gibt es eigentlich noch andere Traktoren, die Sie gerne in Ihrer Sammlung hätten?

(lacht) Die gibt es immer.

Und was ist Ihr Traumtraktor?

Sagen wir mal so: Ich habe schon viele Träume gehabt. Und man findet ja immer noch was Besseres. Allerdings trennt man sich dann auch von lieb gewonnenen Stücken. Wenn Sie Traktorenfans nach ihrem Lieblingstraktor fragen, würden die meisten vermutlich „Lanz Bulldog“ sagen. Den hatten wir auch, sogar zwei davon. Vermieten kann man die aber nicht. Da reißen sich die Leute beim Anlassen die Arme aus. Unsere Traktoren sind komfortabel, haben alle einen elektrischen Anlasser, lassen sich gut fahren. Einen Lanz zu bewegen, das ist richtig Arbeit.

Sie kaufen außerdem historische Traktoren und bieten welche zum Verkauf an. Was kostet so ein Trecker?

Wir restaurieren pro Jahr zwei bis vier Traktoren. Für eine volle Restauration braucht es 400 Arbeitsstunden, auch die Teilebeschaffung wird immer schwieriger. Man sollte je nach Modell um die 12.000 Euro rechnen.

Kaufen Sie auch DDR-Traktoren an?

Klare Antwort: nein. Denn zum einen gab es in der DDR keine große Vielfalt an Traktoren, zum anderen sind Modelle wie der ZT 300 von Fortschritt zu groß, zu kompliziert zu bedienen und außerdem nicht offen. Wir fahren ja nur „Cabrios“. Und ältere Traktoren wie der IFA Aktivist haben so ihre Malessen. Wir hatten mal einen Aktivist, den musste man allerdings ankurbeln. Den haben wir vielleicht dreimal an Interessenten rausgegeben. Ansonsten stand der nur rum.

Das Gespräch führte Andreas Rentsch.

Die Entdeckung der Langsamkeit

  • Kosten: Die eintägige Vier-Schlösser-Tour (6–8 Stunden, ca. 45 Kilometer) kostet 169 Euro. Im Preis inbegriffen sind die Einweisung, Kraftstoff, Versicherung und eine Reinigungspauschale. Bei Mehrtagestouren sind die Preise gestaffelt. Die Leihe für ein Wochenende liegt bei knapp 300 Euro. Außerdem muss eine Kaution in bar hinterlegt werden.
  • Mitfahrer: Ein Schlepper kann von zwei, maximal drei Personen gefahren werden. Als maximales Körpergewicht sind 120 Kilo erlaubt, bei Kotflügelsitzen maximal 80 Kilo.
  • Start: Ausgangspunkt der Treckertouren ist Lupendorf, rund 18 Kilometer nördlich von Waren an der Müritz.
  • Termine: Die Vermietung für Tages- und Halbtagestouren erfolgt immer vormittags, für die „Sonnenuntergangstour“ am späten Nachmittag. Reservierung unter 0179/5911150 oder über die Webseite.
  • Gutschein: Für alle Ticketgutscheine gilt eine Schön-Wetter-Garantie. Ist die Ausfahrt wegen Regen, Sturm oder Hagel nicht möglich, kann gratis ein Ersatztermin vereinbart werden. Kann die Ausfahrt wegen Corona-Beschränkungen nicht stattfinden, verlängert sich die Gültigkeit des Ticket-Gutscheins um weitere zwölf Monate.
  • www.treckerausflug.de

Alternative: Traktorurlaub rund um Moritzburg

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  • Wem die Fahrt bis nach Lupendorf zu weit ist, kann Traktorurlaub auch in der Heimat machen. Die WTH Moritzburg UG vermietet historische Traktoren (Deutz, Güldner, Fahr) samt Schäferwagen, in dem übernachtet werden kann.
  • Eine dreitägige Tour für zwei Personen (zwei Übernachtungen) durch die Moritzburger Teichlandschaft kostet 390 Euro.
  • www.schaeferwagenurlaub.de

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